Nachfrage an landeswissenschaftlicher Expertise: ein Erfahrungsbericht des dfi
p. 89-94
Texte intégral
Konstruktion des dfi
1Das Deutsch-Französische Institut mit Sitz in Ludwigsburg ist eine ungewöhnliche Konstruktion, deren heutiges Profil sich aus der Geschichte und einigen grundlegenden Entscheidungen erklären lässt. Gegründet 1948 als Initiative einiger bedeutender Persönlichkeiten aus dem südwestdeutschen demokratischen und liberalen Milieu, wollte das dfi eine zivile, zwar politisch denkende aber nicht an die politischen Akteure gebundene Plattform für den Austausch zwischen Deutschen und Franzosen in der unmittelbaren Nachkriegszeit sein. Die grundlegende Hypothese dabei war, dass persönliche Bekanntheit sowie gegenseitige Kenntnis der Lebens- und Arbeitsumstände im jeweils anderen Land die Basis für eine friedliche Kooperation sein konnten. Gemeinsam mit den anderen sehr frühen Einrichtungen und Institutionen der ersten Nachkriegszeit wie den Zeitschriften „Dokumente“ bzw. „documents“ oder den Einrichtungen B.I.L.D. bzw. GÜZ wurde Austausch organisiert, Informationen vermittelt, Analysen und Meinungen diskutiert. Diese Gründerzeit lebte vom persönlichen Kontakt, von vertrauensbildenden Maßnahmen, von Schüleraustausch und Bürgerbegegnung, lange bevor 1963 mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk eine mit viel Geld dotierte, auf Jugendaustausch spezialisierte zwischenstaatliche Institution geschaffen wurde. Die ersten Jahrzehnte lang blieb das dfi eine relativ kleine Einrichtung mit wenigen Mitarbeitern, die allerdings mit der Struktur eines eingetragenen Vereins und der Mischfinanzierung zwischen Bund, Land, Stadt und privaten Trägern der heutigen Struktur schon recht nahe kam.
Wissenschaftliche Orientierung unter Robert Picht
2Eine einschneidende Entwicklung nahm das dfi mit dem Amtsantritt des zweiten Direktors Robert Picht im Jahre 1972. Picht zielte, in Abstimmung mit den institutionellen und ideellen Partnern des Instituts, auf eine Ausweitung und Zuspitzung des Profils ab. Sein Ziel war es, ein Zentrum aufzubauen, an dem wissenschaftliche Expertise zu den deutsch-französischen Beziehungen, aber auch zur politischen und gesellschaftlichen Aktualität des Nachbarlandes gesammelt und aufgebaut wurde. Anfangs gehörte zu diesem Profil auch das, was man vereinfacht „Deutschlandkunde für Franzosen“ nennen könnte, in Form von Unterrichtsmaterial für den DAAD oder von Vorträgen an französischen Hochschulen. Picht ging dabei von der Annahme aus, dass es einen objektiven und auch reellen Bedarf an solcher Expertise geben würde, und zwar angesichts der engen Beziehungen zwischen beiden Ländern mit steigender Tendenz. Er ging auch von der Annahme aus, dass die Universitäten mit ihren wissenschaftlich etablierten Fächern wie Romanistik oder Politikwissenschaft diese Aufgabe nicht ausreichend übernehmen würden. Die Romanistik nicht, weil sie in einem aus dem 19. Jh. stammenden Profil verhaftet war, das sich auf Literatur und Sprache als Ausdrucksformen einer wie auch immer zu verstehenden kollektiven Identität festgelegt hatte, und die Politikwissenschaft nicht, weil sie an einem länderspezifischen Profil wissenschaftlich wenig Interesse hatte und zudem im kulturellen, auf Sprache und Ideengeschichte bezogenen Bereich weitgehend blind war. Das sozialwissenschaftliche (aus heutiger Sicht mit kulturwissenschaftlichen Elementen) Profil des dfi war also eine Wette auf die blinden Flecken der akademischen Disziplinen. Die wissenschaftliche Ausrichtung des dfi war gleichzeitig ein Plädoyer für eine landeswissenschaftliche Erweiterung der traditionellen Romanistik, wobei davon ausgegangen wurde, das die oft als „Anhängsel“ oder gar als „Alibi“ unterrichtete Landeskunde den Ansprüchen einer seriösen Ausbildung nicht genügen konnte. Diese Debatte, man kann auch sagen dieser Kampf, ging in erster Instanz für Robert Pichts Anliegen verloren – ob er nicht in zweiter Instanz sein Anliegen hat durchsetzen können wäre heute neu zu diskutieren, denn in der Bachelor-Phase klingen viele Studienangebote der letzten Jahre sehr stark nach „Landeskunde“. Zur Vervollständigung sei betont, dass der Name Robert Picht hier für eine ganze Gruppe von Wissenschaftlern steht, die mit ihm gemeinsam für diese Veränderung gekämpft haben. Viele von ihnen waren in dem hier dokumentierten Kolloquium vereint.
Heutiges Profil: Forschung, Dokumentation, Beratung
3Mehr als 30 Jahre nach dieser richtungweisenden Entscheidung hat das dfi sein Profil als außeruniversitäres wissenschaftliches Kompetenzzentrum verstetigt und verfeinert. Mit der Schaffung der Bibliothek 1991 wurde der Anspruch dokumentiert, ein nationales und internationales Zentrum für aktuelle, seriöse Dokumentation zum zeitgenössischen Frankreich und zu den deutsch-französischen Beziehungen zu sein. Im Profil der Bibliothek findet sich heute nicht mehr der Teil an thematischer Ausrichtung, der in den 70er Jahren des 20. Jh. noch eine große Rolle gespielt hatte, d.h. die fachliche Vermittlung von Kenntnissen über Deutschland für ein französisches Publikum. Wir werden später auf diesen Umstand zurückkommen. Die Bibliothek ist mit den üblichen universitären Bibliotheken insofern nicht zu vergleichen, als die Erschließung der Bücher und Zeitschriften sehr viel tiefer geht, da die einschlägigen Artikel in einem spezifischen Thesaurus sehr differenziert thematisch aufgeschlüsselt werden. Das Netzwerk FIV (Fachinformationsverbund internationale Länderkunde) ist ein Zusammenschluss von Forschungszentren, die wie das dfi im Bereich zwischen Forschung, Dokumentation und Beratung arbeiten. Der FIV ist ein arbeitsintensiver, für die beteiligten Institute wesentlicher Teil der Aufbereitung und stets aktuellen Bereitstellung von wissenschaftlich abgesicherter Information. Ohne diese Kompetenz, ohne seine Bibliothek könnte das dfi der sehr diversifizierten Nachfrage nicht nachkommen. Diese Feststellung ist insofern von Bedeutung, als die im Hintergrund dauernd ablaufende Aufbereitung der aktuellen Information eine ganz wesentliche Voraussetzung für die Fähigkeit des dfi ist, schnell und seriöse Auskunft zur politischen und gesellschaftlichen Aktualität in Frankreich zu geben. Diese bibliothekarische und dokumentarische Arbeit bindet erhebliche Ressourcen, ist oft unzureichend abgefragt und kann erst dann ihre Kraft zeigen, wenn ein „Kunde“ nach ihr fragt. Diese grundlegende Erkenntnis ist für die Konzeption und Ausrichtung unserer Arbeit wichtig.
4Zur dokumentarischen Seite des dfi-Profils gehört das Pressearchiv. Dieses vermutlich weltweit einmalige Instrument archiviert seit 1975 Presseartikel zu den genannten Themenbereichen aus den wichtigsten Tages- und Wochenzeitschriften. Im Unterschied zu den reinen Archiven, die natürlich viel größer und leistungsstärker sind, werden hier allerdings die archivierten Artikel nach dem gleichen Thesaurus erfasst, der auch für die Fachzeitschriften und Bücher Anwendung findet. Damit steht ein Kapital von mittlerweile mehr als 600.000 Artikeln zur Auskunft zur Verfügung. Diesen Aspekt sollte man insofern nicht unterschätzen, als die Nachfrage nach Expertise oft genau bei der Pressedokumentation ansetzt, oder wiederum durch die Dokumentation ganz erheblich unterstützt wird. Mir ist wichtig zu unterstreichen, dass die dokumentarische, bibliothekarische und archivarische Tätigkeit vom gesamten Bereich der Forschung und Dienstleistung absolut nicht zu trennen ist.
Die Nachfragesituation
5Die Besonderheit des dfi, was die Nachfrage nach Expertise und Dienstleistungen angeht, ergibt sich aus seinem Profil und seiner Positionierung in der Öffentlichkeit. Vermutlich ist kein einziges Element aus dem großen Spektrum an Kenntnissen, Einschätzungen und Informationen einzig und allein am dfi zu erlangen. Die Stärke der Dienstleistungsangebote und die erhebliche Nachfrage ergeben sich aus der starken Marke „dfi“ sowie daraus, dass kaum eine Anfrage ohne Bearbeitung bleibt. Der Mix und die Breite bei gleichzeitig seriöser, wissenschaftlich fundierter Dokumentation machen die Besonderheit aus.
6Wollte man die Nachfrage auf soziale und professionelle Gruppen verteilen, so ergäbe sich folgendes Bild:
- Nachwuchswissenschaftler aus Deutschland, Frankreich und Drittländern (vor allem Bibliotheksdienste)1
- Beamte aus Bund und Ländern sowie aus Frankreich (vor allem aufbereitete Dokumentationen oder kurze Stellungnahmen)
- Medien aus Deutschland, Frankreich und bisweilen Drittländern (kurze Stellungnahmen und Hintergrundsinformationen)2
- Schulen (im Rahmen von Projekten zur Bereitstellung von Unterrichtsmaterial)
- Zivilgesellschaftliche Gruppen (Vorträge, Pressedokumentation, Kontaktvermittlung)
- Projektarbeit mit Stiftungen und öffentlichen Drittmittelgebern (Fachpublikationen, Organisation von wissenschaftlichen Tagungen)
7Diese Liste vermittelt gleichzeitig einen Einblick in die Produktpalette. Auch hier wirkt sich die Struktur und Positionierung des dfi unmittelbar aus. Wissenschaftler (insgesamt 6 Personen) und Dokumentaristen bzw. Bibliothekare (insgesamt auch 6 Personen) sowie die in der Organisation tätigen Mitarbeiter können gemeinsam mit unterschiedlichen Schwerpunkten die nachgefragten Produkte bereitstellen und die erforderliche Expertise vorhalten. Dies ist nur möglich, weil der Unterrichtsanteil zwar wichtig, im Vergleich zur Universität aber gering ist. Es muss auch unterstrichen werden, dass der Grad an wissenschaftlicher Tiefe der unterschiedlichen Produkte von Fall zu Fall anders ausfällt. Überspitzt könnte man formulieren, dass ein Thema sowohl im „ein Satz-Zitat“ als auch im wissenschaftlichen Aufsatz behandelt werden können muss.
8Was die nachgefragten Themen angeht, so lässt sich folgendes, vielschichtiges Bild zeichnen. Es gibt einen vor allem aus dem politischen Bereich kommenden „nationalen“ Reflex, d.h. es wird ohne weitere Differenzierung nach „dem deutschen Blick auf Frankreich“ oder umgekehrt gefragt. Hierbei suchen vor allem die Medien nach pointierten, zugespitzten Formulierungen, die an bereits bestehende Stereotype anschließen können. Versuche, in den Antworten auf Interviewfragen zu differenzieren, bleiben oft erfolglos, weil die Kürze der Stellungnahmen die vereinfachte Formulierung privilegiert. In diesem Bereich bleibt ein sehr stark landeskundlich und national geprägter Blick vorherrschend. Sobald man sich auf die Ebene von gesellschaftlichen Akteuren, gleich ob Wirtschaft, Gewerkschaft oder Vereinswesen, begibt, sieht die Themenstellung anders aus. Hier kann man eine ganz beachtliche Professionalisierung beobachten, d.h. die an uns herangetragenen Fragen betreffen nicht die pseudo-essentielle deutsche oder französische Position, sondern beziehen sich auf konkrete Teilrealitäten. Hierbei dient die landeswissenschaftliche Kompetenz eher der Einordnung in allgemeine Rahmenbedingungen der unterschiedlichen Positionen. In solchen professionellen Kontexten kann man oft erkennen, dass es nicht um nationale Trennlinien, sondern um politische Trennlinien geht. Hierbei wird dann eigentlich ein Mix aus fachwissenschaftlicher und landeswissenschaftlicher Kompetenz abgefragt.
9Als ein jüngeres konkretes Beispiel sei an die Auseinandersetzung um das deutsche, stark auf Export ausgerichtete Wirtschaftsmodell erinnert. Christine Lagarde, die französische Wirtschafts- und Finanzministerin, hatte deutliche Worte gefunden und die deutsche Ausrichtung als ein Problem für Europa bezeichnet. Die Reaktionen waren heftig, und die Medien haben vor allem in nationaler Lesart interpretiert: DIE französische Kritik an DEM deutschen Modell wurde zu einer deutsch-französischen politischen Krise stilisiert. Bei genauerem Hinsehen konnte man schnell feststellen, dass es in Frankreich unter den Ökonomen und Politikern auch ganz andere Stimmen gab, und auf deutscher Seite teilten manche Experten die Einschätzung, die extreme Fixierung auf Export habe auch Nachteile für Deutschland und die Eurozone. An diesem Beispiel wurde überdeutlich, wie schnell und oft vorschnell auf nationale Interpretationsmuster zurückgegriffen wird, obwohl eine differenzierte Sicht möglich und nötig ist. An solch einem Punkt wird deutlich, welche Aufgabe das dfi erfüllen muss und kann, sobald es um Einschätzung gebeten wird.
Fazit
10Es gibt eine erhebliche Nachfrage nach fundiertem Wissen über die aktuelle Situation des jeweils anderen Landes. Und zwar immer (oder fast immer) in einer implizit vergleichenden Perspektive, denn der Mehrwert einer Stellungnahme aus deutscher Perspektive zu einem französischen Thema ist unmittelbar nachvollziehbar – und umgekehrt. Dabei schwankt der Grad an nachgefragter Komplexität mit dem Medium. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass eine Einschätzung nicht deswegen weniger wissenschaftlich fundiert ist, weil sie kürzer ist – die Medien der Kommunikation setzen die Parameter, es ist die Aufgabe der Wissenschaft, den richtigen Grad an Tiefe und Kürze zu finden.
11Problematischer beim Umgang mit der erheblichen Nachfrage ist, dass die nachfragenden Medien und Gruppen oft noch sehr stark in der nationalen Schablone denken und agieren. Man sucht krampfhaft nach nationalen Positionen, wo oft einfach fachliche, oft auch fachwissenschaftliche Meinungen die Gräben markieren, völlig unabhängig von nationalen Zugehörigkeiten. Hier geht es dann darum, die länderwissenschaftliche Kompetenz zu nutzen, um aufzuzeigen, dass dieser Ansatz gar nicht angemessen ist, um die Situation zu verstehen und die unterschiedlichen Standpunkte zu erklären.
12Die Nachfrage spiegelt in gewissem Sinne die Widersprüchlichkeit der akademischen Disziplinen: Wir alle wissen, dass eine essentialistische Landeswissenschaft ins 19. Jh, gehört, und wir wissen gleichzeitig, dass ein großes Bedürfnis nach nationaler Kategorisierung besteht.
Notes de bas de page
1 Zur Nutzung der Bibliothek folgende Daten: ca. 1200 Besuche der Bibliothek (seit 2009), wobei Lehrer und Schüler sowie Studenten und Dozenten den überwiegenden Anteil stellen. Neben der persönlichen Nutzung ist die Anfrage (per Telefon oder elektronisch) die häufigste Nutzungsform. Die Anzahl der Anfragen ist in den letzten Jahren leicht schwankend, aber im Durchschnitt liegt sie zwischen 250 und 300.
2 Die Präsenz des dfi wird alle 6 Monate in einem Pressespiegel dokumentiert. Durchschnittlich werden Mitarbeiter des dfi als Experten interviewt oder zitiert in ca. 120 Radiosendungen und ca. 150 Zeitungsartikeln, hinzu kommen sporadische, im Jahresdurchschnitt 3-5 TV-Auftritte.
Auteur
-
Frank Baasner
Deutsch-Französisches Institut. Ludwigsburg
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