Bergung des gesunkenen Sonnenlichts im Rigveda und Avesta
p. 27-38
Résumés
Une vieille légende mythologique relative au sauvetage de la lumière solaire, disparue dans l’océan occidental, peut être postulée sur la foi de textes indo-iraniens, grecs et autres, ainsi que sur celle de découvertes archéologiques faites en Eurasie. Hespérus, l’étoile du soir, y joue un grand rôle. À la suite de mon article « Aśvín- and Nāsatya- in the R̥gveda and their Prehistoric Background » (2009), dans lequel il devrait être devenu clair que l’existence de pareille représentation se laisse tracer jusqu’à la période proto-indoeuropéenne, seront ici examinés quelques éléments présents dans le Rigveda et dans l’Avesta.
Dans le mythe ancien, l’étoile du soir doit avoir été le sauveur de la lumière du soleil qui avait éclaté dans l’océan. Dans les hymnes aux Aśvin-Nāsatya du Rigveda, des traces d’un tel mythe archaïque se laissent encore constater. Nāsatya, qui signifie étymologiquement « responsable du retour indemne au foyer », était alors entièrement identifié à l’étoile du soir. Dans le Rigveda, ce dieu en vient à être presque toujours associé avec Aśvin. Aussi en résulte-t-il cette conséquence que le Véda favorise la lumière et le jour, mais évite autant que possible de mentionner l’obscurité de la nuit. En Iran, l’exploit de ce sauvetage était attribué à Θraētaona. Les morts étaient en tout lieu associés au soleil englouti.
À partir du matériel védique et avestique, nous devons démêler soigneusement ce qui est philologiquement commun ou différent, le comparer avec les découvertes, archéologiques ou autres, de telle manière que nos connaissances sur les représentations archaïques deviennent riches et précises, ce qui, même aujourd’hui, ne nous apparaît nullement comme quelque chose d’étranger.
Eine alte mythische Legende über die Bergung des Sonnenlichts, das im Westen in den Ozean untergegangen ist, wird durch indoiranische, griechische und andere Texte sowie archäologische Befunde aus Eurasien postuliert. Dabei spielt der Abendstern (Hesperus) eine große Rolle. Anschließend an meinen Aufsatz „Aśvín- and Nāsatya- in the R̥gveda and their Prehistoric Background“ (2009), in dem klargestellt worden sein dürfte, daß sich die Existenz solcher Vorstellung auf die urindogermanische Zeit zurückverfolgen läßt, werden hier einige indoiranische Elemente im Rigveda und Avesta überprüft.
Im alten Mythos dürfte der Abendstern der Retter des im Meer zerplatzten Sonnnenlichts gewesen sein. In den Hymen an die Aśvin-Nāsatya im Rigveda lassen sich noch Spuren solches alten Mythos feststellen. Nāsatya, der etymologisch‚ unversehrte Heimkehr Verwaltender’ heißt, war dabei wohl der damalige Abendstern. Der Gott kommt im Rigveda fast immer mit Aśvin gekoppelt vor. Ein Grund dafür liegt wohl darin, daß der Veda Licht und Tag bevorzugt und Erwähnungen über Dunkles und Nacht möglichst vermeidet. Im Iran wurde die Heldentat der Rettung dem Θraētaona zugeschrieben. Die Toten waren überall mit der untergegangenen Sonne assoziiert.
Wir müssen aus dem vedischen und avestischen Material Gemeinsames und Unterschiedliches philologisch sorgfältig herausfinden und mit den archäologischen und sonstigen Befunden kollationieren, somit unsere Kenntnisse über die alten Vorstellungen reich und präzis werden, was uns auch heute gar nicht ein fremdes Ding zu sein scheint.
Texte intégral
1Mit dem Schwerpunkt auf der indoiranischen Gegebenheiten zum Thema „Bergung des untergegangenen Sonnenlichts“ versuche ich den Aufsatz Gotō (2009) zu vertiefen.
1. Aśvins und Nāsatyas im Rigveda
2Im Rigveda sind mehr als 50 Hymnen die Aśvins gewidmet, womit sie im Gesamt-corpus die vierte Stelle nach den Hymnen an Indra, Agni und Soma einnehmen. Die Aśvins werden insgesamt mehr als 400mal im ganzen Rigveda erwähnt, und zwar fast immer im Dual, also Aśvínā oder Aśvinau, Nā́satyā oder Nā́satyau im Falle des Nominativs. Die beiden sind eigentlich keine Zwillinge: RV V 73.4 nā́nā jātā́v arepásā „in verschiedener Weise geboren ohne Makel“, I 181.4 ihéha jātā́ sám avāvaśītām | arepásā tanúvā́ nā́mabhiḥ sváiḥ | jiṣṇúr vām anyáḥ súmakhasya sūrír | divó anyáḥ subhágaḥ putrá ūhe „Die beiden, hier und dort (wörtl.: ‚hier und hier῾) geboren, blöckten zusammen (gleichzeitig) mit dem Körper ohne Makel [je] mit eigenen Namen. Als siegreicher Gönner wird der eine von euch gepriesen, als [Sohn] des Sumakha, der andere als gesegneter Sohn des Himmels.“
3Die Belegstellen, die Wandel und Fortbewegung der Aśvins durch Raum und Zeit schildern, lassen sich in zwei Gruppen — (A) und (B) — einteilen:
| (A) | durch den Himmel |
| tagsüber | |
| mit einem Streitwagen | |
| von Tieren (Pferd [en], Bullen, Eseln) gezogen |
4gegenüber
| (B) | über das Meer |
| durch die Nacht | |
| mit einem Schiff | |
| von Vögeln (Adlern, Falken, Gänsen, „Vögeln“) geleitet. |
5Die Textstellen, in denen die beiden Götter von den geflügelten Tieren (wohl den Pferden: VII 69.7; X 143.5: unten 3.1) sowie von einem Bullen un einem Delphin (I 116.18) gezogen werden, lassen sich als Mischtypen zwischen (A) und (B) betrachten.
6Zusammenfassend finden wir zwei verschiedene Darstellungsweisen der Bewegung von Aśvin und Nāsatya: (A) am Tag durch den Himmel im Streitwagen, der von Pferde (n) oder anderen Tieren gezogen wird, und (B) über das Meer in der Nacht mit dem Schiff, das von einem Vogel oder mehreren Vögeln geleitet wird. Im Text kommen allerdings Elemente wie Vögel und Pferde, Schiff und Wagen oft gemischt vor. Wie ich im angegebenen Aufsatz klar gezeigt zu haben glaube, ist der Kern der beiden Götter in der Vergöttlichung des Abendsterns (Nā́satya-, etymologisch „der die unversehrte Heimkehr Verwaltende“, vgl. unten 2.4.) und des Morgensterns (Aśvín- „Pferdemeister“, der den Streitwagen der Sonne leitet) aufzufassen, also Hesperus und Luzifer.
7Die Sachlage läßt sich z.B. durch Rigveda I 46 illustrieren:
- eṣó uṣā́ ápūrviyā | víy ùchati priyā́ diváḥ | stuṣé vām aśvinā br̥hát ||
- yā́ dasrā́ síndhumātarā | manotárā rayīṇaā́m | dhiyā́ devā́ vasuvídā ||
- vacyánte vāṃ kakuhā́so | jūrṇā́yām ádhi viṣṭápi | yád vāṃ rátho víbhiṣ pátāt ||
- havíṣā jāró apaā́m | píparti pápurir narā | pitā́ kúṭasya carṣaṇíḥ ||
- ādāró vām matīnaā́ṃ | nā́satyā matavacanā | pātáṃ sómasya dhr̥ṣṇuyā́ ||
- yā́ naḥ pī́parad aśvinā | jyótiṣmatī támas tiráḥ | tām asmé rāsāthām íṣam ||
- ā́ no nāvā́ matīnaā́ṃ | yātám pārā́ya gántave | yuñjā́thām aśvinā rátham ||
- arítraṃ vāṃ divás pr̥thú | tīrthé sindhūnaā́m ráthaḥ | dhiyā́ yuyujra índavaḥ ||
- divás kaṇvāsa índavo | vásu síndhūnaām padé | sváṃ vavríṃ kúha dhitsathaḥ ||
- ábhūd u bhā́ u aṁsáve | híraṇyam práti sū́riyaḥ | viy àkhyaj jihváyā́sitaḥ ||
- ábhūd u pārám étave | pánthā r̥tásya sādhuyā́ | ádarṣi ví srutír diváḥ ||
- táttad íd aśvínor ávo | jaritā́ práti bhūṣati | made sómasya pípratoḥ ||
- vāvasānā́ vivásvati | sómasya pītiyā́ girā́ | manuṣvác chambhū ā́ gatam ||
- yuvór uṣā́ ánu śríyam | párijmanor upā́carat | r̥tā́ vanatho aktúbhiḥ ||
- ubhā́ pibatam aśvinā | -oubhā́ naḥ śárma yachatam | avidriyábhir ūtíbhiḥ ||
- Hier strahlt die Morgenröte ohne Vorgänger weit auseinander, die liebe (bzw.: eigene) [Tochter] des Himmels. Ich preise1 euch, ihr Aśvins, hoch,
- die wundertätig sind, die die Sindhu als Mutter haben, die Ausdenker der Reichtümer, die durch Einsicht, das Gut findenden Götter.
- Eure Spitzenpferde2 bewegen sich wogend auf der mürben Oberfläche, so daß euer Streitwagen mit den Vögeln fliegen soll.
- Mit der Opfergabe setzt der Liebhaber der Wasser (Soma) [euch beide] über, der reichlich Schenkende, ihr Männer, [euer] Vater, die Grenze des kuṭa (?).3
- [Soma ist] Öffner eurer Gedanken (Hymnen), ihr Nāsatyas, die ihr das [von euch] Gemeinte sprecht. Trinket vom Soma mutig!
- Die das Licht enthaltende [Labung] (die Morgenröte), die uns durch die Dunkelheit hindurch übersetzen soll, ihr Aśvins, schenket uns die Labung!
- Hierher zieht uns mit dem Schiff der Gedanken, um nach dem anderen Ufer hin zu gehen! Schirret, o Aśvins, den Streitwagen an!
- Euer Ruder ist breit [wie die Breite] des Himmels. An der Furt der Flüsse ist [euer] Streitwagen. Mit der Einsicht (der Hymne) sind die [Soma] tropfen angeschirrt.
- Die Tropfen des Himmels, ihr Kaṇvas (Kollegen des Dichters), sind als [ihr] Gut auf dem Fußstapfen der Flüsse. Wo wollt ihr euren eigenen Versteck bestimmen?
- Erschienen ist ebenfalls [gerade] auch der Glanz für den Somastengel. Die Sonne gleicht Gold. Der Schwarze (das Feuer) hat mit der Zunge (Flamme) [gerade] ausgeblickt.
- Erschienen ist ebenfalls [gerade], um an das andere Ufer zu gehen, der Weg des R̥ta auf richtige Weise. Der Pfad4 des Himmels ist [gerade] deutlich erkannt.
- Für eben jede Hilfe der Aśvins ist bereit der Sänger, wenn [die Aśvins] [uns (oder:) die Sonne] im Rausch des Soma übersetzen.
- Kommt hierher, bei Vivasvant5 mit dem Trinken des Soma, mit dem Lied (des Willkommens) bekleidet, wie [damals] zu (unserem Ahnen) Manuṣ, ihr Heilvollen!
- Eurer Glorie nähert sich die Morgenröte, [von euch beiden], den Erdumfahrenden. Die R̥tas liebt ihr mit den Dämmerungen.
- Trinkt ihr beide, o Aśvins! Reicht ihr beide uns den Schutz mit den Förderungen dar, die nicht zu zersprengen sind!
8Die Handlung spielt sich vor Tagesanbruch ab (Strophe 1, 6, 10, 11, 14). Die beiden Götter befinden sich vor der Vollendung ihrer Reise. Sie werden bald an das östliche Ufer der Erde gelangen und auf den Streitwagen umsteigen, der mit den Vögeln fliegen wird (3). Im Vergleich mit der ursprünglichen Distribution erscheinen hier Vogel und Pferd, Schiff und Wagen bereits miteinander vermischt. Die Aśvins schirren den Wagen an (7, 8), und sind im Begriff, sich fliegend auf die Reise nach einem westlichen Ufer zu machen (3, 7, 11). Das sind die Hauptelemente der Aśvin-Mythologie, die den angeführten Strophen zugrunde liegen. Der Dichter projiziert sie auf die entsprechenden Elemente des Rituals. Er identifiziert die Gedanken des Dichters, d. h. die Hymne, mit dem Schiff der Aśvins (7), das Opfer mit dem Streitwagen, den Wagenlenker mit der Einsicht (dhī́-), die Tropfen des Somas mit den Zugtieren (8). Es ist weiterhin bemerkenswert, daß Sindhu (oder appellativisch „der Fluß“) als Aśvins Mutter angegeben wird (2) und der Liebhaber der Wasser (Soma) als der Vater (4).
9Diese Schilderung erinnert an die prähistorischen Felszeichnungen von Ryland (Tanum in Bohuslän), die Güntert (1923, 272) als „Dioskuren“-Darstellung interpretiert, vgl. auch Gotō (2009, 217). Es handelt sich um die Szene des Fahrzeugwechsels der Sonne vom Schiff zum Pferd. Auf der unteren Seite sind die Nachts- und die Tagessonne miteinander verbunden gezeichnet. Rechts wird der Rollenwechsel der „Dioskuren“ geschildert, von Hesperus (einem Jüngling mit dem Kopf nach unten) zu Luzifer, der aufrecht steht.
2. Das Wesen des Nā́satya-
102.1. Der Name Aśvín- ist nur in den indoarischen Texten bezeugt. Nā́satya- ist hingegen auch in den akkadischen Dokumenten des Vertrags zwischen dem Mitanni-Reich und den Hethitern (1. Hälfte des 14. Jh. v. Chr.) unter den zahlreichen Gottheiten bezeugt, die als Garanten des Vertrags fungieren.6 Einige halten Nā́satya- für die alte Bezeichnung des Götterpaars. Indra und die Nāsatyas (Aśvins) sowie Varuṇa-Mitra können in diesem Dokument als Vertreter des rigvedischen Pantheons betrachtet werden, die ersteren repräsentieren dabei die devá-s („die Himmlischen“), die letzteren für die ásura-s („Herr“, d. h. die Ādityas „die Söhne der Göttin Aditi“ im Rigveda). Wenn man Agni und Soma außer Acht läßt, die tatsächlich in den Ritualen vorkommen, stehen die Aśvins unter den Devas gemäß der Anzahl der ihnen gewidmeten Lieder an der zweiten Stelle nach Indra. Das determinative Ideogram DINGIR. MEŠ „Götter“ und der Ausgang -nna zeigen, daß mit na-ša-at-ti-i̯a nicht ein Gott wie im Avesta, sondern ein Paar oder eine Gruppe von Göttern gemeint sind.
112.2. Nā̊ŋhaiϑiia- wird im Avesta im Singular unter den Daēuuas genannt:
V10.9 paiti.pәrәne iṇdrәm | paiti.pәrәne saurum paiti.pәrәne nā̊ŋhaiϑim daēum |haca nmāna | haca vīsa | haca zaṇtu | haca daiŋ́hu
Ich stoße gegen Iṇdra, ich stoße gegen Sauruua (Ved. Śarvá = Rudra), ich stoße gegen den Daēuua (Ungott) Nā̊ŋhaiϑiia [weg] vom Haus, von der Siedlung, vom Bezirk, vom Land.
V19.43… daēuuanąm daēuuō iṇdrō daēuuō sauru daēuuō nā̊ŋhaiϑәm daēuuō…
… der Daēuua unter den Daēuuas, der Daēuua Iṇdra, der Daēuua Sauruua, der Daēuua Nā̊ŋhaiϑiia…7
122.3. Rigveda IV 3.6 ist die einzige Stelle, in der der Name Nāsatya im Singular vorkommt wie im Avesta:
kád dhíṣṇiyāsu vr̥dhasānó agne | kád vā́tāya prátavase śubhaṃyé | párijmane nā́satyāya kṣé | brávaḥ kád agne rudarā́ya nr̥ghné ||
Was wirst du, der du bei festlichen Gelegenheiten groß wirst, Agni, was (wirst du) dem zum Prunk fahrenden Wind mit offenbarer Kraft, dem erdumfahrenden Nāsatya, der Wundererscheinung, sagen, was, o Agni, dem männererschlagenden Rudra?
13Zu lesen ist für Pāda c auf jeden Fall mit Hoffmann bei Schindler (1972, 15) nā́satiyāya+yakṣé. Für die Interpretation sollte jedoch der Dat. von yákṣ- (sonst nicht bezeugt) „der Wundererscheinung“ oder der Loc. von yakṣá- „bei der Wundererscheinung, beim Ungeheuer (das Sonnenlicht in der Nacht)“ angenommen werden statt eines Infinitivs von yakṣ „erscheinen“. Zu den Einzelheiten vgl. Gotō (2009, 208).
142.4. nā́satya-8 ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine Vr̥ddhi-Ableitung vom nicht bezeugten Substantiv *nasati- mit Suffix -atí-9 von urindogermanisch *nes „unversehrt heimkommen“, altindoarisch nása-te „glücklich zu Hause zusammentreffen“, griechisch νέομαι „komme heim“, gotisch ganisan „gerettet werden“, Kaus. nasjan „retten, heilen“, neuhochdeutsch genesen.10 Das Substantiv ásta- „Heim“ (vgl. I 116.5, u. 3.1) stammt aus dem Verbaladjektiv *n̥s-tó- „heimgekommen“ mit Akzentverschiebung. ástam eti „geht heim“ ist seit dem Atharvaveda ein gewöhnlicher Ausdruck für das Untergehen der Sonne. Altindoarisch s(u)vastí- „Wohlergehen“ kommt aus *h1su-n̥s-ti-, eigentlich „gute, unversehrte Heimkehr“. nā́satya- dürfte also „die unversehrte Heimkehr verwaltend“ bedeuten, eine passende Bezeichnung für Hesperus, der die Sonnenlicht rettet (s. unten) und alle gefahrlos nach Hause gehen läßt.11 Die Benennung liegt freilich dem Charakter der Aśvins-Nāsatyas als Heilgötter zugrunde. Der buddhistische Kanon (Dīgha-Nikāya, Saṃyutta-Nikāya, Itivuttaka usw.) bewahrt noch einen Nachklang dieses Charakters. Pāli osadhī̆-tārakā- (oder einfach osadhī̆-) wird in der Bedeutung vom Morgenstern verwendet. osadhī̆- stammt freilich aus altindoarisch óṣadhi- „Arzneipflanze“. Der Charakter der Aśvins als Mediziner lebt hier weiter.12
3. Bergung des gesunkenen Sonnenlichts im Rigveda und Avesta
153.1. Die Rettung von der Bhujyú-13 genannten Person aus dem Meer zählt zu den Heldentaten von Aśvins-Nāsatyas im Rigveda:
I 116.3. túgro ha bhujyúm aśvinodameghé | rayíṃ ná káś cin mamr̥vā́ṁ ávāhāḥ | tám ūhathur naubhír ātmanvátībhir | antarikṣaprúdbhir ápodakābhiḥ ||
4. tisráḥ kṣápas trír áhātivrájadbhir | nā́satyā bhujyúm ūhathuḥ pataṃgáiḥ | samudrásya dhánvann ārdrásya pāré | tribhī́ ráthaiḥ śatápadbhiḥ ṣáḍaśvaiḥ ||
5. anārambhaṇé tád avīrayethām | anāsthāné agrabhaṇé samudré | yád aśvinā ūháthur bhujyúm ástaṃ | śatā́ritrāṃ nā́vam ātasthivā́ṁsam ||
3. Tugra hatte nämlich (seinen Sohn) Bhujyu, ihr Aśvins, in der Wasserwolke (im Meer) zurückgelassen, wie irgendeiner, wenn er gestorben ist, [seinen] Besitz. Ihn habt ihr beide mit den atmenden Schiffen gefahren, mit den im Luftraum hüpfenden, wasserdichten [Schiffen].
4. Durch drei Nächte, über dreimal die Tage hin (drei Tage lang) habt ihr, Nāsatyas, mit den [über die Regionen] hinüberwandernden Geflügelten den Bhujyu gefahren in das trockene Land, an das andere Ufer des nassen Meeres mit drei hundertfüßigen, sechspferdigen Streitwagen.
5. Im Meer ohne Halt zeigtet ihr die Heldentat von euch, [im Meer] ohne Fußstütze, ohne Griff, daß, ihr, Aśvins, den Bhujyu nach Hause gefahren habt, der [euer] Schiff mit hundert Rudern bestiegen hatte.
X 143.5 yuvám bhujyúṃ samudrá ā́ | rájasaḥ pārá īṅkhitám | yātám áchā patatríbhir | nā́satyā sātáye kr̥tam ||
Ihr beide zieht zu Bhujyu hin, der im Meer, am anderen Ufer des Raumes schaukelt, mit den Fliegern. Ihr Nāsatyas, ihr beide macht14 [es] zur Gewinnung.
I 119.4 yuvám bhujyúm bhurámāṇaṃ víbhir gatáṃ | sváyuktibhir niváhantā pitŕ̥bhya ā́ | yāsiṣṭáṃ vartír vr̥ṣaṇā vijeniyàṃ | dívodāsāya máhi ceti vām ávaḥ ||
Ihr geht zu dem [im Meer] zappelnden Bhujyu mit den Vögeln, –– indem ihr mit den selbstangespannten [Vögeln ihn] heimbringt von den Vätern her,15 fahrt ihr [dann] die siegreiche Umfahrt, ihr Bullen. Für Divodāsa wird eure große Hilfeleistung erkannt.
16Diese Episode geht auf die gemeinsame indoiranische Periode zurück, wie Oettinger (1988, 299f.) zeigt, vgl. auch Gotō (2000, 152 Anm.18):
173.2. Yt 5.61–63:
tąm yazata pāuruuō yō vifrō nauuāzō | yat̰ dim usca uzduuąnaiiat̰ | vәrәϑrajā̊ taxmō ϑraētaonō | mәrәγahe kәhrpa kahrkāsahe. | hō auuaϑa vazata | ϑri.aiiarәm ϑri.xšaparәm | paitiša nmānәm yim+xvaēpaiϑīm | nōit̰ aora auuōirisiiāt̰. | ϑraošta [+fraošta, bei Kellens 1984a, 383] xšafnō ϑritiiaiiā̊ | frāγmat̰ ušā̊ŋhәm sūraiiā̊ | viuuaitīm upa ušā̊ŋhәm | upa.zbaiiat̰ arәduuīm sūrąm anāhitąm. | arәduuī sūre anāhite | mošu mē jasa auuaŋhe | nūrәm mē bara upastąm. | hazaŋrәm tē zaoϑranąm | haomauuaitinąm gaomauuaitinąm | yaozdātanąm pairiaŋharštanąm | barāni aoi āpәm yąm raŋhąm | yezi jum frapaiiemi | aoi ząm ahuraδātąm | aoi nmānәm yim xvaēpaiϑīm.
Sie (Arәduuī Sūrā Anāhitā) verehrte der Pāuruua, der ein prophetischer (wörtl.: geisteserregter) Navigator ist, als der die Hindernisse erschlagende, tapfere Θraētaona ihn aufwärts hinaufliegen ließ mit dem Körper eines Geiers. Er fuhr auf diese Weise drei Tage lang, drei Nächte lang zu seinem eigenen Haus. Man sollte [ihn] nicht herab abwenden. Nach der Vollendung (/Aufhellung) der dritten Nacht ist er zur Morgenröte der tapferen [Anāhitā] voran gegangen, zur weitleuchtenden Morgenröte hinzu. Er rief Arәduuī Sūrā Anāhitā an: „Arәduuī Sūrā Anāhitā, sogleich gehe (komm) mir zur Hilfe! Jetzt bring mir Beistand! Tausend haomahaltige, milchhaltige, erfrischende, durchgeseihte Libationen will ich dir ins Wasser bringen, welches Raŋhā ist, falls ich lebend gelange zu der vom Herrn geschaffenen Erde, zu meinem eigenen Haus“.
183.3. Bhujyú-:: Paurá-:: Pāuruua-; Rasā́-:: Raŋhā-
19Es dürfte sich hier um die Reste eines alten kosmischen Mythos handeln, das auf die urindogermanische Zeit zurückgehen dürfte (Gotō 2009), über die Rettung des Sonnenlichts, das am westlichen Ende der Welt in den Ozean untergeht, und das Zurückbringen zum Ufer im Osten. Hinter Bhujyú- im Rigveda und Pāuruua im Avesta ist die mythische Personifizierung des ins Meer gefallenen Sonnenlichts zu verstehen. Der Retter ist im Avesta Θraētaona- Āϑβiia-, der rigvedischem Tritá-Āptiyá- entsprechen würde, und im Rigveda, genauer in seiner Vorgeschichte, Nāsatyá-. Der Schauplatz der Bergung des Sonnenlichts ist im jungavestischen raŋhā-, welches mit ved. rasā́- gleichgesetzt wird. Der Weltozean Raŋhā erinnert uns an den Weltozean (allenfalls den Fluß), den Nāsatya mit dem Sonnlicht in seinem Schiff nachtsüber nach dem Osten durchquert. Rasā́- ist im Veda allerdings konkret ein Fluß, den die Hündin Sarámā- in der Suche nach den Kühen, die von den Paṇí-s in ihrem Vala (Verteidigungswall) versteckt bewahrt sind. Die kosmisch Legende (Paṇis Kühe sind die Sonnenlichter bzw. die Morgenröten) und die irdischen Ereignisse (die Freilassung der Rinder aus dem Vala, d. i. die Überfall und Plünderung auf eine fremde und reiche Sippe) werden in den vedischen Hymnen übereinander geschichtet. Die Heldentaten werden im Veda im großen und ganzen dem Indra zugeschrieben. Rasā ist also eher der Name eines Flusses, in dessen Sandbank der Vala errichtet ist, und kaum mehr der Weltozean im Westen. Im Westen als die Himmelsrichtung des Sonnenuntergangs und die Welt der Toten, vgl. auch X 135 (Anhang 2).
20Pāuruua ist weiterhin in Pursišnīhā 32 in einem unklaren Kontext zusammen mit Raŋhā bezeugt. Paurá- im Rigveda scheint dieser Person zu entsprechen, denn Aśvin-Nāsatya retten ihn vom Wasser: V 74.4 pauráṃ cid dhíy ùdaprútam | páura paurā́ya jínvathaḥ | „Ihr beide belebt sogar Paura, als er im Wasser hüpft, o Paura, für den Paura“. Die urindoiranische Form dürfte *Pāṷra- sein. Die Lautentwicklung *-ṷr-> - rṷ- ist für jungavestisch Pāuruua- (Pāuruua) anzunehmen, genauso wie im Falle des Wortanfangsuruuata-:: vratá- (Hoffmann & Forssman 2004, 87, § 52g). Bhujyú- dürfte eine rigvedische Neuerung sein, vgl. Anm. 13.
4. Θraētaona- Āϑβiia-:: Tritá- Āptiyá-:: Nā́satya-
21Es könnten drei Stufen für den Sonnengang angenommen werden: 1. Trita („der Dritte“) rettet das Sonnenlicht, das ins jenseitige Meer gefallen ist; 2. Nāsatya, der Abendstern, der etwas später als die Sonne untergeht, transportiert bzw. leitet das von Trita gerettete Sonnenlicht mit dem Schiff nach dem Osten zurück; 3. Aśvin, der Morgenstern, wartet morgens am östlichen Ende der Welt auf das Sonnenlicht, welches er dann am Tag quer durch den Himmel mit dem Streitwagen führt. Aśvín- ist ja der „Pferdemeister“. In diesem Fall ist Trita tätig im Zeitraum zwischen Untergang der Sonne und des Abendsterns. Θraētaona- kommt jedoch im Avesta sowohl als Held als auch als Gott der Heilung vor. Im Avesta ist das Götterpaar *Aśvín-Nā́satya praktisch nicht bezeugt. Es läßt sich vermuten, daß Θraētaona- die heilenden Taten von Aśvin-Nāsatya auf sich übernahm. *Índra- trat im Avesta in die Reihe der bösen Daēuuas zurück, und Θraētaona- vertritt den Gott der Heldentaten. In dieser Auffassung dürfte man die erste der genannten drei Rettungsstufen nicht anzunehmen brauchen.
22Das Motiv der Bergung des Sonnnenlichts von den Aśvins und Dioskuren liegt der Episode der Rettung auf den Seewegen zugrunde. Darüber weist Schroeder (1895, 131f.) auf wichtige Fakten in lettischen Folksliedern auch in diesem Bezug hin. Nā́satya- ist in seinem Ursprung ja „die unversehrte Heimkehr Verwaltender“ (2.4) und Aśvins-Nāsatyas sind die Heilgötter.
23In der Hymne des Aśvamedha („Pferdeopfer“) wird die Sonne mit dem Pferd verglichen, das vom Ozean geboren wird:
I 163.1 yád ákrandaḥ prathamáṃ jā́yamāna | udyán samudrā́d utá vā púrīṣāt | śyenásya pakṣā́ hariṇásya bāhū́ | upastútyam máhi jātáṃ te arvan ||
Als du wiehertest, während du soeben geboren wurdest, indem du aus dem Meer (Ozean) oder aber aus der Urquelle aufgingst, [waren deine] beiden Flügel [die] des Adlers, [die] der Antilope beide Arme. Deine hohe Geburt ist zu preisen, du Renner.
24K. Hoffmann (im Unterricht) war unter Berücksichtigung von lat. annus, goth. aþn „Jahr“ der Meinung, daß Āϑβiia- eine Derivation von * (h2)ātu- in der Bedeutung von „Lauf [der Sonne]“ ist. *Ātṷii̯á- dürfte dann erst im Vedischen zu Āptiyá- umgestaltet sein nach áp-, ā́pas „Wasser“. Der „dritte Lauf“ deutet die Sonne in der Nacht an, vgl. das berühmte Lied I 105 von Trita als Sündenbock der Götter (Anhang 1).
5. „Liturgie“ im Rigveda und Avesta
25Alte Mythen und Rituale wurden von der Systematisierung des Śrautarituals in Indien und die Reformtätigkeit Zaraϑuštras auf der iranischen Seite durch neue Züge überdeckt. Die Mythen und die für die urindoiranische Zeit zu postulierenden Rituale können wir nur von den im Veda und Avesta überlieferten Daten erschließen, die solche Neuerungen überlebten. Es ist auch nicht auszuschließen, daß alte Gebräuche weiterlebten und erst später auftauchten.
26Die Gottheiten Aśvins-Nāsatyas weisen bereits im Rigveda einen altertümlichen Charakter auf, der etwa durch ihr Epitheton dasrá- „wunderkräftig“ und die Bezeichnung ihrer Wirkungsfähigkeiten als dáṁsas- „Wunderkraft“ illustriert wird. Der Rigveda stellt nämlich primär eine Sammlung der dem R̥ta gemäß formulierten, deshalb sich realisierenden Dichterworte (bráhmaṇ-) dar, in der eigentlich wenig Raum zur Schilderung der Sphäre des Wunders und der Zauberkunst übrig blieb. Dort ist die māyā́- „Meßkunst, logische Kalkulation“ wichtig, die besonders dem Varuṇa zugeschrieben wird. Dem Paar Aśvin-Nāsatya bringt man als spezifische Opfersubstanz erhitzte Milch (gharmá-) dar. Die Spuren dieser alten Gepflogenheit sind im Pravargya-Ritual zu finden (zum Pravargya, vgl. van Buitenen 1968; Houben 2000). Zu den urindoiranischen und urindogermanischen Zügen in den Rigveda-Hymnen an die Aśvin-Nāsatya, vgl. Gotō (2009).
27Die jeweiligen Hinweise auf Soma bzw. Haoma sowie auf das Tieropfer (insbesondere die Angaben zum vedischen Paśubandha bzw. im avestischen Nīrangistān sowie den Hintergrund der vedischen āprī́-Hymnen bzw. eventuell auch der avestischen Āfrīnagān) sollte man in den beiden Zweigen genauer überprüfen und kollationieren. Die Vorgeschichte des Urindoiranischen einerseits und die Weiterentwicklungen im Iran und in Indien andererseits sowie die Angaben zur Geschichte anderer Orte müssen sorgfälltig und so vorsichtig verifiziert werden, daß wir die Gefahr bannen können, wie der Trita in die Grube der Besessenheit zu fallen.
6. Anhänge
28Als Anhang seien Rigveda I 105 und X 135 vorgestellt.
296.1. Anhang 1: Rigveda I 105 („Trita im Brunnen“), traditionell an alle Götter
30Hier wird nur die Übersetzung aus Witzel & Gotō (2007) vorgelegt.
- „Der Mond (ist) in die Wasser hinein (gekommen). | Der schön geflügelte (der Mond) läuft (also) am Himmel. | Nicht finden sie (die Leute), ihr Goldfelgigen, | eure Füßspur, ihr blitzenden (Sterne). | — Wisset von mir in dieser Lage, ihr beiden Weltflächen!“
- „Zu demselben Zweck auch (kommen) ja die, die einen Zweck haben. | Die Frau zieht den Gatten an sich. | Beide stoßen den männlichen (Samen und) die Milch gegenseitig vorwärts. | Nachdem sie sich hingegeben hat, melkt sie den Saft zu sich aus. | — Wisset…“
- „Nicht soll aber recht, o Götter, das Sonnenlicht dort | vom Himmel herunterfallen! | Laßt uns niemals in Mangel an segenbringendem Somya geraten ! | — Wisset…“
- „Ich frage nach (meinem) jüngsten Opfer. | Der (Agni) soll das als Bote erklären: | Wohin ist mein früheres rechtes (Geopfertes) gekommen? | Wer besitzt es als jetziger (Besitzer)? | — Wisset…“
- „Die ihr dort, o Götter, | im Lichtraum des Himmels unter den drei (Welten) seid, | was ist euch Recht (r̥tám), was Unrecht (ánr̥tm)? | Wo ist die frühere Opfergabe für euch? | — Wisset…“
- „Was ist euch die Grundlage des R̥ta? | Was ist Aufsicht des Varuṇa? | Können wir durch den Weg des großen Aryaman (wandelnd) | über die Übelgesinnten hinwegschreiten? | — Wisset…“
- „Ich bin der, der früher | über den ausgepreßten (Soma) dies und jenes redete. | Diesen, mich, verfolgen die Sorgen | wie ein Wolf das durstige Wild. | — Wisset…“
- „Es schmerzen mich allenthalben | die Rippen wie (mich) die rivalisierenden Frauen. | Wie die Ratten an die Schwänzen, so nagen die Sorgen an mir, | deinem Lobsänger, du hunderte Geisteskraft Habender. | — Wisset…“
- „Die dort, die sieben Zugseile (Strahlen) sind, | dahin ist mein Nabel gespannt. | Trita Āptya weiß das. | Er erhebt seine Stimme zu Gunsten der Blutverwandtschaft. | — Wisset…“
- „Die dort, die fünf Jungstiere sind, | die in der Mitte des großen Himmels stehen, | –– Bei den Göttern gibt es nun etwas, was öffentlich zu sagen ist –– | sind miteinander verschwunden. | — Wisset…“
- „Die Wohlgeflügelten (Adler) sitzen hier | mitten in verschlossenem Ort im Himmel. | Die wehren den Wolf vom Weg ab, | der über die jugendfrischen Wasser hinübergeht. | — Wisset…“
- „Das neue, im Spruch gedichtete (Wort) ist dargelegt, | gutverkündende (Wort), ihr Götter: | Als (Verwirklichung des) R̥ta strömen die Flüsse. | Als Wahrheit (satyám) dauert die Sonne fort. | — Wisset…“
- „Agni, du hast jene im Spruch genannte | Kameradenschaft unter den Göttern. | So sollst die Götter verehren als besser Wissender, | nachdem du dich zu uns gesetzt hast sogar wie bei Manuṣ ! | — Wisset…“
- „Als Hotar sitzend sogar wie bei Manuṣ, | (fahre) zu den Göttern hin als besser Wissender! | Agni soll die darzubringenden (Opfergaben) bereit machen | als weiser Gott unter den Göttern. | — Wisset…“
- „Die Dichterworte (bráhmāṇi) macht Varuṇa. | Ihn, den Pfadfinder (der Dichterworte), bitten wir. | Man erschließt durch das Herz den Gedanken. | Ein neues R̥ta soll (also) geboren werden! | — Wisset…“
- „Der dort, der der Aditi gehörige Weg ist, | ist zu etwas gemacht worden, was öffentlich zu sagen ist. | Der ist nicht, ihr Götter, zu übertreten. | Den seht ihr, ihr Sterblichen, nicht. | — Wisset…“
- „Trita, in die Grube hinabgesetzt, | ruft die Götter an zur Hilfe. | Das hat Br̥haspati erhört, | indem er aus der Enge Weite macht. | — Wisset…“
- „Ein rötlicher Wolf hat mich nämlich einmal | auf dem Weg gehen gesehen. | (Der) streckt sich (jetzt) auf, nachdem er (mich) bemerkt hat, | wie ein Zimmermann, dem die Rippen schmerzen. | — Wisset…“
- „Mit diesem Lobgesang möchten wir mit Indra auf unserer Seite, | mit unversehrten Helden in der Gemeinde überlegen sein. | — Das sollen uns Mitra, Varuṇa schenken, | Aditi, Sindhu, Erde und Himmel!“
316.2. Anhang 2: Rigveda X 135 („der Kanbe und der Streitwagen“), traditionell an Yama
32Meine Auslegungen des Lieds sind inzwischen bereits in der Festschrift für J.- L. García Ramón mit dem Titel „RV X 135: The Boy and the Chariot“ (Gotō 2017) veröffentlicht worden. Die Region jenseits des Ozeans, der die westliche Grenze der Erde darstellt, wird mit der Welt der Toten assoziiert. Der nüchterne Dichter betrachtet einfach das Grab mit dem Ausgang im Westen als Yamas Paradies. Der Wagen und das Schiff kommen als Fahrzeuge vor, die die Toten ins Jenseits bringen.
- yásmin vr̥kṣé supalāśé | deváiḥ sampíbate yamáḥ | átrā no viśpátiḥ pitā́ |purāṇā́ṁ ánu venati ||
- purāṇā́ṁ anuvénantaṃ | cárantam pāpáyāmuyā́ | asūyánn abhy àcākaśaṃ | tásmā aspr̥hayam púnaḥ ||
- yáṃ kumāra návam rátham | acakráṃ mánasā́kr̥ṇoḥ | ékeṣaṃ viśvátaḥ prā́ñcam | ápaśyann ádhi tiṣṭhasi ||
- yáṃ kumāra prā́vartayo | rátham víprebhiyas pári | táṃ sā́mā́nu prā́vartata | sám itó nāviy ā́hitam ||
- káḥ kumārám ajanayad | ráthaṃ kó nír avartayat | káḥ svit tád adyá no brūyād | anudéyī yáthā́bhavat ||
- yáthā́bhavad anudeyī́ | táto ágram ajāyata | purástād budhná ā́tataḥ |paścā́n niráyaṇaṃ kr̥tám ||
- idáṃ yamásya sādanaṃ | devamānáṃ yád ucyáte |iyám asya dhamyate nāḍī́r | ayáṃ gīrbhíḥ páriṣkr̥taḥ ||
- [Der Knabe: ] „Wo unter dem Baum mit schönen Blättern Yama mit den Göttern zusammen trinkt, da spürt unser Stammesoberhaupt, [mein] Vater, den Vergangenen nach.“
- „Ihn betrachtete ich, Schmerz empfindend, als er den Vergangenen nachspürt, als er in schlechter, schlimmer Weise wandert. Ihn sehnte ich zurück.“
- [Die Stimme von jemand oder Unterweisung des Dichters: ] „Auf dem neuen Streitwagen, du Knabe, ohne Räder, den du mit dem Denken machtest, der [nur] eine Deichsel hat [und] sich nach jeder Richtung wendet, darauf stehst du, ohne [das] zu sehen.“
- „Dem Wagen, den, du Knabe, von den Geisteserregten vorwärts rollen ließ, nach dem rollte das Sāman vorwärts, von da auf das Schiff aufgesetzt.“
- „Wer erzeugte den Knaben? Wer machte den Wagen fortrollen? Wer überhaupt uns heute das sagen kann, wie [seine] Amme wurde?“
- „Wie die Amme wurde, dort entstand die Spitze. Vorne (im Osten) ist der Boden ausgedehnt. Hinten (im Westen) ist der Ausgang gemacht.“
- „Dies ist der Sitz des Yama, der Götterpalast genannt wird. Hier wird seine Flöte geblasen. Der (Yama) ist mit den Liedern ausgeschmückt.“
Notes de bas de page
1 stuṣé kann (noch) als Infinitiv interpretiert werden: „Es ist von euch hoch zu preisen“, vgl. Sgall 1958, 182; Gotō 2013, 135.
2 Mit kakúha- könnte ein Pferd gemeint sein, das unter den rennenden Pferden die Spitze (kakúbh-) bildet. Zu einer anderen Ansicht, vgl. Gotō 2009, 212, Anm.17.
3 Pāda c ist nicht klar. carṣaṇí- ist nur hier im Sg. bezeugt, vgl. Thieme 1967, 236.
4 srutí- „Weg, Pfad“ läßt sich auf eine ursprüngliche Bedeutung „Fluß, Flußbett, Kanal“ (zu srav/sru „fließen“) zurückführen. Es handelt sich wohl um einen alten Brauch, in dem das Flußbett für die Reise verwendet wurde. Die jüngere Form sr̥tí- (zu sar/sr̥ „laufen“) scheint die entsprechende Änderung der Verhältnisse widerzuspiegeln, vgl. RV VI 24.4 gávām iva srutáyaḥ saṃcáraṇīḥ „wie die Wege der Kühe zum Zusammengehen“ ~ Br̥hadāraṇyaka- Upaniṣad (Mādhyandina) IV 2.3 sr̥tíḥ sátī saṃcáraṇī „der richtige Weg zum Zusammengehen (für Puruṣa und seine Frau)“. Liebert (1949, 39) nimmt für srutí- die Bedeutung „Seeweg“ an.
5 Der Name des Ahnherren der Menschheit Vivásvant- (Vater des Yama, „der Auseinanderstrahlende; Morgendämmerung“) wird auch in der Bedeutnung des Menschen überhaupt verwendet, vgl. Geldner 1951 (III), 150: zu X 17.2a. Es könte auch der Agni gemeint sein; Geldner hier: „bei dem Opferer“.
6 In der Version Mitanni-Hethitisch (KBo I 3 rev. 41): DINGIR. MEŠmi-it-ra-aš-ši-il DINGIR. MEŠa-ru-na-aš-ši-il DINGIRin-da-ra DINGIR. MEŠna-ša-at-ti-i̯a-an-na; –– in der Hethitisch-Mitanni Version (KBo I 1 rev. 55f.): DINGIR. MEŠmi-it-ra-aš-ši-il (var. -el) DINGIR. MEŠú-ruṷa-na-aš-ši-el DINGIRin-tar DINGIR. MEŠna-ša-a [t-ti-i̯a-a] n-na.
7 sauru (v. l. saurū, saōru) für den Nom. Sg. sauruuō, nā̊ŋhaiϑәm (v. l. nāiṇghaiϑәm) für nā̊ŋhaiϑiiō.
8 Das Wort kommt 66mal unter seinen 99 Belegen als viersilbig vor. Es ist dann als nā́sati ya-aufzufassen. Nur einmal macht die Lesung nā ā́satya- (nā́asatya-) eine bessere Kadenz aus: VI 11.1c ā́ no mitrā́váruṇā nā́satyā. Hier könnte eine individuelle Uminterpretation oder eine Anspielung im Sinne von ná asatyá- „nicht nicht-seiend, nicht unwahre“ vorliegen, wenn es sich nicht um eine rein metrische Irregularität handelt, die durch drei Eigennamen in einer Zeile verursacht wurde.
9 Güntert (1923, 259) nimmt *nasati- in der Bedeutung „Rettung durch Herbeieilen“ an und vergleicht vasatí- „Wohnung, Nest“ und aṁhatí- „Enge“, weitere Beispiele von -atí- bei Wackernagel & Debrunner (1954, 628, 642). Nā́satyā sind also „die beiden Nothelfer, die Retter und Heilande (vgl. got. nasjands ‚σωτήρ‘ ‚Heiland‘)“.
10 Cf. Gotō 1987, 200ff.; Zehnder (bei Rix & Kümmel [u.a.] 2001, 454f).
11 Zu den anderen Ansichten, vgl. Mayrhofer 1963, II.156f.; 1996, II.39f.
12 Lüders (1954, 72–74, § 83) leitet pāli osadhī̆- vom unbezeugten Altindoarischen *auṣarī- („von uṣar = uṣas ‚Mogenröte῾“) in der Bedeutung „Morgenstern“ durch gekünstelte, kaum zu verstehende Argumente her; Norman (1960–1990, 790 [CPD II s.v.]) folgt peinlicherweise dieser Ansicht. osadhī (-tārakā)- wird in den Kommentaren auch sukkā- tārakā- „weißer, glänzender Stern“ genannt.
13 bhujyú- bedeutet eigentlich wohl „[seine Schuld, Sünde] büßend“, also der Sündenbock. Zur Bedeutung „büßen“ von der Verbalwurzel bhuj, siehe Hoffmann 1967, 96. Diese Bedeutung ist zwar nicht in der Dharma-Literatur zu finden, aber scheint noch in Meghadūta I 1 gebraucht zu sein: kāntavirahaguruṇā… śāpena… varṣabhogyeṇa bhartuḥ „durch den Fluch [seines] Herrn mit der Schwere der Trennung von [seiner] Geliebten, die für ein Jahr zu büßen ist“. Bhujyú- ist im Rigveda außer den zitierten Stellen noch in X 40.7, X 65.12 bezeugt.
14 kr̥tam: Injunktiv (mythologisch oder außerzeitlich) oder Imperativ.
15 pitŕ̥bhyas ist als Ablativ aufzufassen, so auch Oldenberg (1909, 114), der allerdings annimmt: „Denn Bhujyu’s Bedrängnis war so groß, daß er sich gleichsam schon im Totenreich befand…“; Geldner 1951 (I), 161: „Ihn zu seinen Eltern heimbringend.“ Diese Stelle weist zusammen mit „Geschlecht von Yama“ (RV I 116.2cd) darauf hin, daß das gesunkene Sonnnenlicht die Welt der Toten überquert.
Auteur
-
Toshifumi Gotō
Prof. em., Tohoku University
Le texte seul est utilisable sous licence Licence OpenEdition Books. Les autres éléments (illustrations, fichiers annexes importés) sont « Tous droits réservés », sauf mention contraire.
Comparer en histoire des religions antiques
Controverses et propositions
Claude Calame et Bruce Lincoln (dir.)
2012
Sacrifices humains
Perspectives croisées et représentations
Pierre Bonnechere et Renaud Gagné (dir.)
2013
Le porc en Égypte ancienne
Mythes et histoire à l’origine des interdits alimentaires
Youri Volokhine
2014
Fabriquer du divin
Constructions et ajustements de la représentation des dieux dans l’Antiquité
Nicole Belayche et Vinciane Pirenne-Delforge (dir.)
2015
Henri Hubert et la sociologie des religions
Sacré, Temps, Héros, Magie
Jean-François Bert (dir.)
2015
Dévotion et légitimation
Patronages sacrés dans l’Europe des Habsbourg
Marie-Élizabeth Ducreux (dir.)
2016
Démons iraniens
Actes du colloque international organisé à l’Université de Liège les 5 et 6 février 2009 à l’occasion des 65 ans de Jean Kellens
Philippe Swennen (dir.)
2015
Aux sources des liturgies indo-iraniennes
Céline Redard, Juanjo Ferrer-Losilla, Hamid Moein et al. (dir.)
2020
Ce que peuvent les pierres
Vie et puissance des matières lithiques entre rites et savoirs
Thomas Galoppin et Céline Guillaume-Pey (dir.)
2021
