Schlüsselwörter der Wende
Sprachlosigkeit und Dialog
p. 169-188
Texte intégral
Politik vollzieht sich in Sprache,
wo Sprachlosigkeit beginnt, hört Politik auf […]
Wo die politische Sprache
den Menschen nicht mehr erreicht,
versagt sie.
Erhard Eppler
10. Politische Veränderungen werden von Veränderungen in der Sprache begleitet. Dabei ist die Sprache meist nicht nur Ausdruck dieser Veränderungen, sondern „wirkender Faktor selbst“1. Auch die friedliche Revolution im Herbst 1989 in der DDR stand unter dem Zeichen sprachlicher Veränderungen. Sie wurde durch die Sprache wesentlich „vorbereitet, ausgelöst, umgesetzt und fortgeführt“2. Unter den zahlreichen Wörtern und Metaphern, die vor und während der Wende aufkamen und eine Zeitlang die Ereignisse mitbestimmten, wie Wende, Wendehals, aufrechter Gang, Schlaf der Vernunft, sind Ausdrücke aus dem Wortfeld der Kommunikation besonders aufschlußreich. Es sind untereinander vernetzte Wörter wie Sprachlosigkeit und Schweigen, Gespräch, Meinungsaustausch, Debatte, Konsens, Diskussion und Dialog. Ihre Frequenz, die im September/Oktober 1989 sprunghaft anstieg, im November langsam und im Dezember dann abrupt abfiel, macht die auslösende und begleitende Leistung der Sprache beim politischen Umbruch deutlich.
2Ich möchte mich im folgenden auf die Untersuchung von zwei komplementären Begriffen aus diesem Wortfeld beschränken, und zwar auf Sprachlosigkeit und Dialog. Als Wörter, die Nichtkommunikation beziehungsweise Kommunikation bezeicnen, stehen sie in wechselseitiger Beziehung. Sprachlosigkeit als Mangelzustand verlangt danach, in der Sprache aufgehoben zu werden, sei es im Monolog, sei es im Dialog, und Dialog, als Zwiegespräch oder öffentliches Gespräch setzt normalerweise der Sprachlosigkeit ein Ende. Im politischen Bereich offenbaren diese Wörter die Wechselbeziehung zwischen politischer Sprache und politischem Handeln. Ihre jeweilige Deutung und damit auch ihre pragmatische, d.h. handlungsauslösende Funktion ist abhängig von der Verwendung durch die jeweilige politische Gruppe. Positive oder negative Wertungen werden mitgegeben, die ihrerseits auch auf die Auslösung einer bestimmten Handlung zielen.
3Sprachlosigkeit und Dialog sind zwei sprachliche Pole, unter denen das politische Geschehen im Herbst 1989 zusammengefaßt werden kann. Am Aufkommen dieser Wörter Ende 1989 in der DDR, an ihrer Frequenzentwicklung im Oktober/ November 1989 und an ihren Verwendungsweisen läßt sich der Kampf der politischen Kräfte um die Macht nachvollziehen.
4Ausgangsbasis unserer Überlegungen sind empirische Untersuchungen an Texten, die den Zeitraum von Sommer 1989 bis Anfang 1990 umfassen. Es handelt sich dabei um Zeitungstexte der DDR, vor allem das Neue Deutschland und die Berliner Zeitung, die beide öffentliche Verlautbarungsorgane der SED waren. Dazu kommen Schriften aus den oppositionellen Kreisen, z.B. Gründungsaufrufe von basisdemokratischen Gruppen und Reden auf Demonstrationen3. Die Recherchen in den Zeitungen konnten computergestützt anhand des Wendekorpus Ost und West des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim durchgeführt werden.
1. Die Metapher der „Sprachlosigkeit“
1.1. Wortbedeutung und metaphorische Bedeutung
5Untersucht man einige Texte der Wende-Zeit, in denen das Wort Sprachlosigkeit vorkommt, so wird offensichtlich, daß in den Texten, die aus dem Kommunikationsbereich der Bürgerrechtsbewegungen und Intellektuellen hervorgehen (Texte 1-3), mit Sprachlosigkeit nicht dasselbe gemeint ist wie in den Texten, die aus Regierungskreisen stammen (Texte 4 und 5).
(1) Wir liegen an der Kette, man hat uns den Mund gestopft […] Wir sprechen noch deutsch, aber wir können uns nicht mehr verständlich machen. Haben wir uns die Sprache rauben lassen, und sind wir ein knechtisches Volk geworden? Hat man uns wirklich die Sprache geraubt? Oder haben wir sie nicht, wie vorher unsere Väter schon, selbst im Stich gelassen, indem wir uns an den Lügen beteiligt haben? […]
Wer kann uns aus dieser Sprachlosigkeit erlösen? Wo sind unsere Dichter und Schriftsteller, […] warum sprechen sie nicht, warum schweigen sie? […] In diesem Heft versuchen Menschen ihr Lebensgefühl in diesem Land zu beschreiben. Sie sprechen über ihre persönlichen und politischen Wünsche und Träume. Sie versuchen, die Vergangenheit und die Gegenwart zu reflektieren. Sie leisten Widerstand in einem Land der Sprachlosigkeit und der Lüge, indem sie sich zu Wort melden. Ein Teil tut das noch anonym, aber irgendwann werden sie aufstehen und sagen: Ich, Ilse Meier, denke, daß… …ich will, daß... Sie werden das in aller Öffentlichkeit sagen, und man wird sie hören müssen. […] Wir können also noch Hoffnung haben, Hoffnung, daß wir unsere Sprache wiederfinden4.
(2) Ein Volk, das zur Sprachlosigkeit gezwungen wurde, fängt an, gewalttätig zu werden5.
(3) Wir haben in den letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind dabei, den aufrechten Gang zu erlernen.6
(4) Auf dem Höhepunkt der Fluchtwelle habe G. Mittag die Vertretung des erkrankten Honecker übernommen, darauf sei die Parteiführung in Sprachlosigkeit verfallen. Darauf habe er, Krenz, die Initiative ergriffen.7
(5) Die Parteiführung und Staatsführung (sei) ratlos (gewesen), sie habe geglaubt, mit kosmetischen Veränderungen die Situation verändern zu können. […] Auf seiner Rückreise von China habe er den Entwurf einer Erklärung erarbeitet, die die Sprachlosigkeit der Führung beenden sollte.8
6Versuchen wir, der Bedeutung von Sprachlosigkeit in diesen Texten durch einige Fragen näherzukommen.
Wie wird sprachlos, bzw. Sprachlosigkeit hier aufgefaßt? Allgemeinsprachlich, metaphorisch? Wie verhält sich die metaphorische Bedeutung zu der allgemeinsprachlichen Bedeutung? Welche begrifflichen Netze sind hier gegeben?
Mit welchen Wertungen ist der Begriff jeweils verbunden?
Wer ist sprachlos und wodurch, durch wen? Welche Sprache hat sprachlos gemacht? Zu welchem Diskursbereich gehören jeweils Sprecher und Adressat?
In welchen Textsorten erscheint das Wort, und welche Sprachhandlung soll damit ausgeführt werden?
7Untersucht man die Kollokationen von Sprachlosigkeit in den ersten drei Texten, d.h. dessen Vorkommen mit anderen sprachlichen Ausdrücken, so kann man feststellen, daß die Verwendung des Vokabulars der Gewalt überwiegt: zur Sprachlosigkeit zwingen, die Sprachlosigkeit überwinden, dazu auch sich die Sprache rauben lassen. Dies zeugt von der Einordnung in ein ideologisches Begriffsnetz, dem die Idee des Kampfes zugrundeliegt. Dieses Netz wird außerdem durch das Verb erlösen und das Nomen Lüge mit dem religiösen und dem moralischen Bereich verknüpft: von der Sprachlosigkeit erlösen, in einem Land der Sprachlosigkeit und der Lüge. Beide Arten von Vorkommen haben eine stark negative Konnotation, die auf emotionale Wirkung abzielt.
8Die Vorkommen in den Krenz-Texten sind anderer Art: in Sprachlosigkeit verfallen, die Sprachlosigkeit beenden. Zum einen wird der geistige Bereich reaktualisiert, in dem verfallen häufig auftritt: in Schweigen, in Nachdenken verfallen, wobei die Idee des ungewollten Hineingeratens in einen physischen oder psychischen Zustand eine negative Wertung mitbeinhaltet, zum anderen wird mit beenden eine Art technischer Prozeß ausgedrückt, der eher positiv konnotiert ist, wie das Beenden einer für notwendig erachteten Arbeit.
9Die Vernetzung von sprachlos mit solchen begrifflichen Bereichen wie den oben genannten ist im allgemeinsprachlichen Gebrauch nicht gegeben; sie kann erst in der metaphorischen Verwendung von Sprachlosigkeit als Metapher erfolgen. Während die metaphorische Verwendung potentiell unendlich ist und nur von den Assoziationsmöglichkeiten der gegebenen Seme und Konnotationen abhängt, ist die allgemeinsprachliche Bedeutung des Lexems relativ begrenzt, wie aus den Definitionen von sprachlos in den meisten Wörterbüchern9 hervorgeht. Es werden vor allem die beiden folgenden Varianten angegeben:
Sem1: sprachlos = ohne Sprache: die sprachlose Kreatur;
Sem2: sprachlos = ohne Worte: sprachlos vor Erstaunen, vor Schreck, vor Entzücken, dh. auf Grund einer plötzlichen psychischen Reaktion sprachlich nicht reagieren können: „Da bin ich aber sprachlos“.
10Sprachlos mit Sem1 wird in Kontexten gebraucht, in denen die Dauer eines überindividuellen Zustandes relevant ist, während sprachlos mit Sem2 in Kontexten auftritt, die eine plötzliche individuelle Zustandsveränderung anzeigen. In keiner Variante sind für sprachlos aktualisierbare Merkmale vorgesehen, wie sie bei dem politisch gebrauchten Wort gegeben sind, und wie man sie etwa folgendermaßen umschreiben könnte: „von außen verursachter, von politischen und sozialen Faktoren abhängender, länger andauernder, überindividueller Zustand“. Demnach bewirkt die Aktualisierung des Lexems sprachlos in politischen Texten durch die Freisetzung potentieller Seme eine neue Deutung. Es handelt sich um eine metaphorische Verwendung, ohne daß man von wirklicher Bedeutungsveränderung sprechen könnte.
11Die als Komponente im Lexem sprachlos mitenthaltene Wertung ist eine Gefühlswertung, die auf der Ähnlichkeit unserer Gefühle gegenüber einigen Wörtern mit dem Suffix -los wie atemlos, geschmacklos, gehörlos beruht. Eine viel stärkere negative Wertung erhält Sprachlosigkeit in seiner metaphorischen Ver-wendung durch die Kollokationen mit Begriffen wie Zwang, Raub und Überwindung, Lüge und Erlösung, verfallen und beseitigen, wodurch Machtverhältnisse offenbar gemacht werden. Wie C. Good bemerkt, werden Metaphern in politischen Texten gern verwandt, da durch sie „nicht nur der Blickwinkel bestimmt“ wird, sondern auch „Interpretationen untergeschoben“ werden10. Auf Grund dieser negativen Konnotation steht Sprachlosigkeit hier für einen unerträglichen, aufgezwungenen Zustand, der aufgehoben werden muß. Damit übt diese Metapher über die sprachlichen Funktionen wie die Darstellungs- und Ausdrucksfunktion hinaus eine weitere Funktion aus, die Appellfunktion. In der Negativität der Metapher – die aufgezwungene Sprachlosigkeit – liegt der Appell, dieselbe zu überwinden. Sprachlosigkeit muß überwunden werden. So wird aus dem designativen Wort über die Metapher ein deontisches Wort, das eine Anweisung zum Handeln enthält. Die Hauptbedeutung dieser politischen Metapher liegt in ihrer pragmatischen Funktion.
1.2. Die Metapher der „Sprachlosigkeit“ im oppositionellen Diskurs
12Eine in politischen Texten gebrauchte Metapher sagt etwas über den „Urheber“ und seine pragmatischen Ziele in einer bestimmten historischen Situation aus, sowie auch über den Adressaten. Um die Metapher der Sprachlosigkeit zu interpretieren, ist es notwendig, die Kommunikationsbereiche abzustecken, die als Urheber oder Adressat gelten.
13Bei dem ersten der oben zitierten Texte, 40 Jahre DDR … und die Bürger melden sich zu Wort, handelt es sich um das Vorwort zu einer Interviewsammlung, das von Bärbel Bohley, der Mitbegründerin des Neuen Forum, verfaßt wurde. Die Sammlung enthält Interviews anonymer Personen und wurde von Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs und Katja Havemann am 7.Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, in 700 hektographierten Ausgaben herausgegeben.
14In diesem Text wird die Metapher vom Zustand der Sprachlosigkeit als Ausdruck der Entfremdung und Ohnmacht gegenüber der Macht des politischen Systems und seiner offiziellen Sprache gebraucht, in moralischer, religiöser Ausdeutung sogar als Strafe für Anpassung, Schweigen und Lüge. Die pathetische Klage über den Verlust der Sprache ist eine Klage über politische Knechtschaft. Doch die Klage wandelt sich in einen Aufruf, durch Ergreifen der Sprache in der Öffentlichkeit politischen Widerstand zu leisten. Damit wird die Textsorte „Vorwort“ umfunktioniert zum politischen Aufruf.
15Implizit werden in diesem Text die verschiedenen Kommunikationsbereiche mit ihren jeweiligen Diskursen11 definiert, die in der DDR vor der Wende existierten und die in einem komplexen Verhältnis zueinander standen. Die Zweisprachigkeit bzw. Mehrsprachigkeit der meisten DDR-Bewohner und ihr code-switching, also der Wechsel des Sprachgebrauchs, wird allgemein angenommen12. Gleichzeitig galt Sprache als Erkennungszeichen, das systemkonforme Sprecher von oppositionellen Sprechern schied und die Wahl des folgenden sprachlichen Handelns sofort beeinflußte, wie W. Thierse es mit der Formel „Sprich, damit ich dich sehe!“ zusammenfaßte13.
16Drei Kommunikationsbereiche14 können in diesem Text abgesteckt werden:
Der machtausübende, öffentliche Diskurs, der hier durch das Wort Lüge und das unpersönliche Pronomen man gekennzeichnet ist. Es handelt sich dabei um die offizielle Partei- und Regierungssprache, die 40 Jahre lang das Kommunikationsmonopol beanspruchte und für die kollektive Sprachlosigkeit verantwortlich war. Dieser Diskurs sollte im Herbst 1989 innerhalb von wenigen Wochen verschwinden.
Der oppositionelle halböffentliche Diskurs, für den dieser Text bezeichnend ist. Er steht in Opposition zum öffentlichen Diskurs und soll hier für die gesamte Kommunikationsgemeinschaft gelten, was durch das Pronomen wir deutlich wird: „Wir liegen an der Kette – wir können also noch Hoffnung haben, daß wir unsere Sprache wieder finden“. Vertreter dieses Diskurses waren Künstler, Intellektuelle und Mitglieder der Kirche, die gegenüber Partei und Regierung kritische Distanz übten und deren politisches Ziel ein reformierter, menschlicher Sozialismus in der DDR war. Auch die Verfasserin des Textes, Bärbel Bohley, gehörte als Mitbegründerin des Neuen Forum dem halboffiziellen Diskurs des oppositionellen Kommunikationsbereiches an. Dieser versuchte im Oktober/November 1989, seinen Diskurs als neuen offiziellen Diskurs zu konstituieren. Dessen Sprachverwendung breitete sich in dieser Zeit aus, was an der vielfältigen Zitierung seiner Schlagwörter und Metaphern während der Massendemonstrationen sichtbar wird. Auch der alte offizielle SED-Diskurs sollte bei seinem Wendemanöver im Oktober 1989 Teile dieses Diskurses übernehmen und „vereinnahmen“.
Der private, alltägliche Diskurs im Familien- und Bekanntenkreis, bzw. der Diskurs der unpolitischen Kommunikationsgemeinschaft.
Die Adressaten des neuen oppositionellen Diskurses sind:
die Vertreter des offiziellen Diskurses, die indirekt durch man angesprochen werden: „Man wird uns hören müssen“;
das eigene kollektive Redesubjekt wir. Dieses wir ist referenzmehrdeutig, denn es bezieht die Vertreter des privaten Diskurses mit ein, indem es sich zu ihrem Sprecher macht, wodurch ein gemeinsamer Gegenpol zum offiziellen Diskurs gebildet wird: „Haben wir uns die Sprache rauben lassen, und sind wir ein knechtisches Volk geworden?“
die Vertreter des privaten Diskurses, an die appelliert wird, an die Öffentlichkeit zu treten: „Ich, Ilse Meier denke, daß…, will, daß …“, und die gleichsam schon im kollektiven Redesubjekt wir des neuen Diskurses mit enthalten sind. Die Wahl der ersten Person Singular bewirkt aber, daß sich jeder angesprochen fühlen muß, so daß der eigentliche Adressat dieser literarischen, indirekten Form des politischen Aufrufs die gesamte Bevölkerung ist. Die Handlungsanweisung besteht darin, aus dem Schweigen oder aus der Lüge, das heißt dem Angepaßtsein, herauszutreten und in der Öffentlichkeit das Wort zu ergreifen. Dabei wird diese Handlung durch die Wahl der Metapher und ihrer Kollokationen als ein moralischer und lebensnotwendiger Kampf dargestellt.
17In direkten Formen erschienen ähnliche Aufrufe zur gleichen Zeit in allen Flugschriften und Gründungsaufrufen basisdemokratischer Gruppen mit der Forderung nach Dialog als Aufhebung der Sprachlosigkeit. Man findet in diesen Texten anstatt der Metapher auch den Ausdruck die gestörte Kommunikation zwischen Regierung und Bevölkerung (vgl. im Anhang Dialog- Texte Nr. I, 1: Gründungsaufruf des Neuen Forum).
18Zu dem Zeitpunkt, als diese Texte erschienen, Anfang Oktober 1989, galt öffentliches Auftreten noch als Zusammenrottung, wurden Demonstranten als Rowdys und Rädelsführer beschimpft und verfolgt und Massenverhaftungen mit dem Wort Zuführung beschönigt. Die Forderungen der oppositionellen Gruppen nach Dialog und öffentlicher Diskussion wurden nicht beachtet, das Neue Forum mußte in der Illegalität arbeiten. Sprachlosigkeit stand in dieser Zeit pathetisch für die Ohnmacht des Bürgers gegenüber der Allmacht des SED-Staates, für seine Entfremdung von einer Sprache, die nicht mehr der zwischenmenschlichen Kommunikation diente, sondern nur noch der Ausübung von Macht. Der offizielle Diskurs, der das gesamte öffentliche Leben durchdrang und die Aufgabe hatte, durch Agitation und Propaganda das Bewußtsein jedes einzelnen zu beeinflussen, hatte den Bürger sprachlos gemacht und entmündigt, sei es, daß dieser sich dem System unterwarf und dessen „Sklavensprache“ sprach, „die die Sprache der Macht war, denn sie bezeichnete die Sklaven zugleich als Herren“, wie Helga Königsdorf15 sich äußerte, sei es, daß dieser sich nicht unterwarf, dann aber durch Verfolgung, Ausgrenzung oder Ausbürgerung mundtot gemacht wurde.
19Versucht man, eine Deutung für Sprachlosigkeit zu finden, die der Verwendung in den ersten drei Texten entspricht, so könnte man sie annähernd wie folgt formulieren: „Unmündigkeit, Unfähigkeit – auf Grund einer politischen, sozialen und psychischen Zwangslage – sprachlich auf etwas reagieren zu können“. Ihre pragmatische Leistung besteht in der Entlarvung eines Kollektivzustandes und in der Anweisung, diesen Zustand zu überwinden. Daß dieser Aufruf gehört wurde, erwies sich bei den Massendemonstrationen in Leipzig, Berlin und allen anderen großen Städten im Oktober 1989, bei denen sich das Volk unter dem Spruch Wir sind das Volk als wir konstituiert, ein wir hier unten, das dem ihr da oben seine Absage erteilt. Die neue Öffentlichkeit trat mit Forderungen auf, die vor allem in den Demo-Sprüchen zum Ausdruck kommen. Mit ihnen als Waffe erkämpften sich die bis dahin sprachlosen Bürger ihre Sprache wieder und beschleunigten den Verfallsprozeß des alten Diskurses. Die neue Sprache ist eine lebendige, witzige, kreative, vom Volksmund geprägte Sprache, die an die Sprache der Jahre um 1968 denken läßt.
20Dieser Prozeß der Befreiung der Sprache spiegelt sich in den Reden der Schriftsteller auf der Großdemonstration für Presse- und Meinungsfreiheit am 4. November auf dem Alexanderplatz in Berlin wieder, bei der Christa Wolf sagen konnte, daß die Sprache nun aus ihrer Erstarrung erwacht sei, und Stefan Heym von der Überwindung der Sprachlosigkeit sprach (Text 3). Einen Augenblick lang schien es auf dieser Demonstration, als ob sich der oppositionelle Diskurs zum neuen offiziellen Diskurs konstituieren würde.
1.3. Die Metapher der „Sprachlosigkeit“ im gewendeten Diskurs
21Die politisch aufgeladene Metapher erfuhr innerhalb eines Monats auf Grund der sich ändernden politischen Verhältnisse eine neue Verwendungsweise, und zwar durch Egon Krenz, der nach dem Rücktritt des Politbüros am 8.11.1989 sich zu rechtfertigen versuchte. Die Wortwahl in den Texten (4) und (5) in Zusammenhang mit Sprachlosigkeit ist aufschlußreich16. Sie diente Krenz’ Selbstdarstellung und seiner Rechtfertigung. Die negative Konnotation von verfallen und die positive Konnotation von beenden ließen sein Handeln als notwendig erscheinen. Außerdem wollte er sich selbst der Verantwortung entziehen, indem er den Zustand der Partei- und Regierungsführung durch den Ausdruck darauf sei verfallen zeitlich begrenzte. Hätte er einen Ausdruck gewählt, der nicht diese zeitliche Begrenzung enthielte, wäre seine eigene Verantwortung als Mitglied der Parteiführung mitangesprochen worden. Schließlich macht der Ausdruck deutlich, daß er einer Selbsttäuschung anheimfiele, wenn er glaubte, mit der Beseitigung der Parteiführung sei alles getan.
22In den Krenz-Reden hat sich der Sprecher- und Adressatenbezug von Sprachlosigkeit gewandelt, denn der sich wendende Krenz wendete die politische Metapher des oppositionellen Diskurses für seine eigenen Zwecke. Sprachlosigkeit ist nun nicht mehr eine Eigenschaft des entmündigten Volkes, sondern eine Form des Versagens der alten Partei- und Regierungsführung. Die Metapher hat hier annähernd die Deutung „Ratlosigkeit, Handlungsunfähigkeit der Partei- und Staatsführung gegenüber neuen politischen und sozialen Ereignissen“. Die Sprachhandlung ist die des Rechtfertigens, denn indem Krenz dem alten herrschenden Diskurs Sprachlosigkeit bescheinigte, diskreditierte er ihn und benutzte dies als Rechtfertigung dafür, daß er die Führung an sich gerissen hatte. Gleichzeitig diente ihm diese Metapher, zusammen mit der des Dialogs, als Mittel für den Versuch, einen neuen öffentlichen, gewendeten Diskurs zu konstituieren. Krenz’ Rettungsversuche, die sich in den beiden Metaphern zusammenfassen lassen können, scheiterten schließlich, und nicht zuletzt an deren den neuen politischen Verhältnissen unangepaßtem Gebrauch.
23Etwas später, Ende Oktober 1989, kam in den Medien eine dritte Verwendung von Sprachlosigkeit auf, die möglicherweise auf einen Kommentar des Politikers Erhard Eppler am 25.10. 89 im Sender Rias zurückging. Eppler unterzog in diesem Kommentar die Beziehung zwischen SED-Sprache und Wirklichkeit einer sprachkritischen Analyse. Er schrieb 1992:
Es gab keine Sprache mehr, welche die Herrschenden reden und die Beherrschten hören konnten. Die Sprache der SED erreichte das „Volk“, das sich nun selbst definierte, nicht mehr. Sie hatte sich so weit von der Wirklichkeit entfernt, daß sich damit die Wirklichkeit nicht mehr beschreiben und erst recht nicht mehr verändern ließ. Daher begann damals der Rundfunkkommentar: „Wo Politik sprachlos wird, ist sie am Ende. Wo Sprache nicht mehr greift, wo sie die Wirklichkeit nicht mehr umgreift, benennt und damit deutet, hört Politik auf. Und dann ist eines von zwei Dingen angesagt, Gewalt oder Wechsel.“ […]
Die SED hat sich gegen die Gewalt entschieden, das bleibt ihr größtes Verdienst.17
24Von da an sprachen auch bis dahin parteitreue Medien von parteikonformer Sprachlosigkeit18 und später sogar von 40jähriger Sprachlosigkeit. Diese Metaphern beziehen sich auf die gesamte Herrschaftsdauer des SED-Diskurses und stellen ihn in Frage. Dessen formale Merkmale möchte ich im folgenden untersuchen, im Zusammenhang mit der Metapher des Dialogs.
2. Die Metapher des „Dialogs“
2.1. „Dialog“ im oppositionellen und im gewendeten Diskurs
25Als im Sommer 1989 der Verfall des realen Sozialismus in der DDR durch Massenflucht, wirtschaftliche Stagnation und Unfähigkeit der Regierenden offensichtlich wurde, trat die bis dahin in der Illegalität arbeitende Opposition ans Licht der Öffentlichkeit, bildete Bürgerbewegungen wie das Neue Forum oder Demokratie jetzt und begann, einen öffentlichen Dialog zu fordern, der die demokratische Umgestaltung des Landes zum Inhalt haben sollte. Bevormundung, Entmündigung, Sprachlosigkeit, Schlaf der Vernunft waren Schlagwörter, die die politische Unterdrückung anprangerten. Gefordert wurde, daß der mündige Bürger sich zu allen Bereichen des Lebens öffentlich aussprechen könne.
Wir fordern hier und jetzt den öffentlichen Dialog!
26Dies war eine Losung, die sich alle Bürgerbewegungen und Künstler-Gruppen auf die Fahnen schrieben.19
27Die Verwendung von Dialog entsprach dabei der allgemeinsprachlichen Bedeutung „Gespräch zwischen gleichberechtigten Partnern zum Zweck des Meinungsaustausches“, wobei die Kommunikationsbereiche als Dialogpartner abgesteckt waren: auf der einen der Partei- und Regierungsapparat, auf der anderen die verschiedenen oppositionellen Gruppen, die sich, wie oben erläutert, außerdem als Vertreter der Gesamtbevölkerung verstanden.
28Da die Opposition keinen Zugang zu den Medien hatte, waren Flugschriften, Resolutionen, Reden, Erklärungen und Gründungsaufrufe die vertretenen Textsorten. Die pragmatische Funktion des Wortes Dialog bestand in der Aufforderung zum Handeln, wobei die Aufforderung an zwei Adressaten mit zwei verschiedenen Inhalten gerichtet war, zum einen an den Staatsapparat, der aufgefordert wurde, mit der Opposition zu verhandeln und Konzessionen zu machen, zum anderen an die Bevölkerung, an die durch das Wort öffentlicher Dialog appelliert wurde, auf die Straße zu gehen.
29Anfang Oktober geriet der Staat ernsthaft ins Wanken. Die Massenausreisen über Prag, die großen Demonstrationen in Berlin am 7. und 8. Oktober mit Hunderten von Verhaftungen und vor allem die Demonstration vom 9.10.89 in Leipzig mit 70.000 Teilnehmern und der im letzten Augenblick abgewendeten Gefahr des gewaltsamen Übergriffs hatten seine Führung ratlos gemacht. Deshalb versuchte das Politbüro der SED, der Lage Herr zu werden, indem es am 11. Oktober 1989 Dialogangebote20 machte. Auch Egon Krenz, der nach Honeckers Rücktritt das Amt des 1. Sekretärs der SED übernahm, versuchte, einen Reformkurs einzuschlagen, indem er am 18.11. auf der 9. Tagung des ZK der SED offiziell von der Wende sprach und beteuerte, das Politbüro habe „die Tür breit geöffnet für den ernst gemeinten, innenpolitischen Dialog.“21 Von diesem Tag an wurden die Medien überschwemmt von Wörtern wie Debatte, Dialog, Diskussion, Gespräch, Konsens, Meinungsaustausch.
30Die Untersuchung der Frequenz des Wortes Dialog ist dabei aufschlußreich. Während in den Monaten Juli-September das Wort Dialog in der Berliner Zeitung und im Neuen Deutschland insgesamt nur 16 mal gebraucht wurde, und zwar ausschließlich in der von der Partei geregelten Verwendung für die friedliche Koexistenz zwischen Ost- und Weststaaten,22 stieg die Frequenz im Oktober sprunghaft an mit insgesamt 84 Belegen für beide Zeitungen. Im November und Dezember sollte sie dann mit jeweils 21 und 8 Vorkommen wieder stark abfallen. Ab Anfang 1990 verschwand das Wort aus dem ostdeutschen Sprachgebrauch und ist auch heute noch nahezu tabu.
31Übersicht:
Berliner Zeitung (SED): | Juli -Sept | Oktober | November | Dezember | |
11 | 38 | 8 | 4 | ||
Neues Deutschland (SED): | Juli | Oktober | November | Dezember | Jan.-März |
5 | 46 | 13 | 4 | 4 |
32Bis in den November hinein versuchte die neue Regierung, der Bevölkerung das Wort Dialog schmackhaft zu machen,23 indem auch die beschönigenden Adjektive bis ins Unendliche variiert wurden, stießt aber dabei auf wachsendes Mißtrauen in der Opposition und in der Bevölkerung24, schließlich auf klare Ablehnung, wie es in den Demo-Sprüchen der Leipziger Montagsdemonstrationen zum Ausdruck kommt:
Die uns jahrelang betrogen, kommen uns mit Dialogen!
Wahlbetrüger – Dialügner!25
33Auf der Großdemonstration vom 4. November 1989 war nicht mehr der Dialog mit dem alten Diskurs gefragt, sondern ein neuer Diskurs. Zu eilige Wendehälse wurden diskreditiert, und das von Krenz gewendete Wort Dialog geriet schon in Verruf. Der Ruf nach Taten wurde laut:
Den Dialogen müssen Taten folgen.26
34Dieses Mißtrauen gegenüber dem Dialogangebot des sich wendenden SED-Diskurses galt zunächst dem Urheber des Wende-Kurses selbst, Egon Krenz, der die chinesische Lösung im Sommer öffentlich gutgeheißen hatte:
Wer gestern noch die scharfe Kralle der Macht zeigte und heute das weiche Pfötchen des Dialogs hinhält, darf sich nicht wundern, daß viele noch die Kralle darunter fürchten. Wer gestern noch die chinesische Lösung für richtig hielt, muß heute – und zwar verbindlich – erklären, daß dies für die DDR nicht zur Debatte steht, sonst bleibt die Angst.27
35Die mitschwingenden unüberhörbaren Drohungen im Dialogangebot berechtigten durchaus zu Mißtrauen28. Daß das Wort Dialog aber nicht greifen konnte und daß es schließlich sogar tabuisiert wurde, kann durch die Sprache selbst erklärt werden. Die SED hatte keine Sprache mehr, welche auf die Forderungen des Volkes hätte antworten können. Sie blieb in ihrem alten Jargon verfangen, mit dem sie jahrelang die Wirklichkeit verdeckt hatte. Ihre Sprache war erstarrt, ohne Bezug zur Wirklichkeit und konnte deshalb auch nicht die politische Erneuerung ausdrücken, die sie propagieren wollte. Bildhafte Ausdrücke für die Parteisprache wie Kaderwelsch, Sprache der Betonköpfe und Parteichinesisch zeugen für die Unverständlichkeit dieser Sprache. Die groteske Weltferne spiegelt sich in einer Losung zum 40. Jahrestag der DDR wider, bei der jedes Wort antithetisch zu verstehen war.
Dynamik, Dialog, Realismus!29
36Für Dynamik hätte Stagnation, für Dialog Machtmißbrauch und für Realismus Realitätsverlust stehen müssen.
37Die Untersuchung des Verhältnisses von Bedeutung, Verwendung und pragmatischer Funktion von Dialog machen die politische Unwirksamheit dieser Metapher deutlich. Selbst dem gutwilligsten Leser der Dialogangebote mußte auffallen, daß die Verwendung von Dialog im SED-Diskurs nicht dem entsprach, was man allgemeinsprachlich darunter verstehen konnte und was von der Opposition und vom Volk gefordert wurde, nämlich „ein Gespräch von mindestens zwei gleichberechtigten Partnern“. Da die SED nicht gewillt war, ihren Führungsanspruch aufzugeben und auch die Parteifunktionäre aufrief, den Dialog in allen Betrieben und Gremien zu „führen“, hatte sich an der Art der Kommunikation nichts geändert: Sie verstand sich nach wie vor als asymmetrisch, d.h. von oben nach unten. Die Bevormundung blieb bestehen. Die Verwendung von Dialog im sich wendenden SED-Diskurs sprengt sozusagen den Rahmen der Bedeutung, denn es werden Seme aktualisiert, die im Lexem „potentiell“ nicht mitgegeben sind, bzw. Negate der anderen Seme sind.
38Das Wort Dialog hatte vor allem eine pragmatische Funktion. Es war Mittel zur Konstituierung eines neuen gewendeten Diskurses. Der Gebrauch von Ausdrücken aus dem militärischen Wortfeld in Zusammenhang mit Dialog zeugt dafür:
[…] unsere strategische Konzeption von Kontinuität und Erneuerung – die Offensive des Dialogs.30
39Da die Bevormundung die gleiche geblieben war, gingen die Forderungen weiter, wie z.B. in Pastor Schorlemmers Rede vom 4. November:
Wir brauchen nun eine Struktur der Demokratie von unten nach oben. Die Regierung hat auf das Volk zu hören und nicht das Volk auf die Regierung. Wir lassen uns nicht mehr bevormunden.31
40Auch die Inflation von Wörtern wie Diskussion, Debatte, Dialog konnte nichts mehr ausrichten, im Gegenteil, die Sprache erstickte dadurch endgültig am eigenen Wortschwall. Sprachlosigkeit wird so zur Abwesenheit von Sprache durch zuviel Sprache. Daß Dialog vom Volk als Lüge, Betrug, leere Phrase verstanden wurde, geht aus den Demosprüchen hervor:
Der Dialog wird bald zur Phrase. - Jetzt gehn wir weiter auf die Straße!
41Die Lüge und Phrase läßt sich leicht anhand einiger Spezifika des SED-Diskurses32 in den Texten des Dialogangebots festmachen.
2.2. Spezifika des SED-Diskurses in den Texten des „Dialogangebots“
2.2.1. Die SED-Sprache war eine stark normierte Sprache.
42Von der Partei wurde bestimmt, wie Wörter zu definieren waren und in welchen Folgen sie in den Medien zu erscheinen hatten. Diese Normiertheit führte zu einer rituellen Handhabung vorgegebener Sprachformeln. Wortschablonen, Worthülsen wurden abgespult. Wiederholungen von Stereotypen, Doppelformen und Pleonasmen hatten den Zweck, sich dem Gehirn einzuhämmern. Die Anleitung dafür hatte der führende Philosoph der DDR, Georg Klaus, in seinem Buch Sprache der Politik gegeben. Das Resultat war Gleichförmigkeit, Langeweile, oder, nach Volker Braun, der Schlaf der Vernunft.33
43Ähnlich drückte sich der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich aus:
Hier sollte gar nicht gesprochen, sondern von oben herab verkündet und von unten mit Dauerschlaf quittiert werden. Man denke nur an die Genitivgruften der Sinnverflüchtigung, wie der ‘Schutz der Früchte der Arbeit des Volkes’, die Valium für das Volk waren.34
44Einmal vom Politbüro vorgegeben, wurden stereotype Wendungen und Doppelformen wortwörtlich im Oktober in allen Medien der DDR wiederaufgenommen, wiederholt durch Parteifunktionäre oder in fiktiven Gesprächen mit Arbeitern, die inszeniert waren, um „Lebensnähe“ zu vermitteln, z.B. folgende:
[…] das ehrliche und offene, mit gegenseitigem Verständnis geführte Gespräch – alle erforderlichen Formen und Foren – die strategische Konzeption von Kontinuität und Erneuerung – die Möglichkeiten des umfassenden Dialogs – Offenheit und Entschiedenheit – im vertrauensvollen politischen Miteinander – Vorschläge und Überlegungen – der von Hunderttausenden leidenschaftlich und offen, streitbar und konstruktiv geführte Dialog – die organisatorische wie ideologische Einheit. (ND, Oktober 1989).
45Diese Wortschablonen wirkten genauso falsch wie z.B. das frühere beschönigende Etikett „im Rahmen des Druckerlaubnisverfahrens“ für „Zensur“. Der Etikettenschwindel wurde sofort offenbar.
2.2.2. Die SED-Sprache war eine unlogische, absurde Sprache.
46In vielen Äußerungen stecken semantische Brüche, die ungehört im Wortschwall untergingen, da dieser ja nur den Schlaf der Vernunft bezweckte. Dies wird in Beispielen um Dialog wie den folgenden besonders deutlich:
Massendialog
Zum Dialog gehört fleißige Arbeit am Arbeitsplatz
Es war ein Dialog, der zumeist sachlich, aber durchaus kontrovers verlief (ND, Oktober 1989).
2.2.3. Die SED-Sprache war eine vereinnahmende Sprache.
47Die überaus häufige Verwendung von vereinnahmenden Pronomina wie wir und uns und Ausdrücken wie gemeinsam, zusammen täuschte Gemeinsamkeit vor und ließ dadurch Widerstand als nutzlos erscheinen. Häufig herrscht Referenzvagheit, da der Referent nicht genau zu bestimmen ist, wie z.B. im Text vom 11.10.89, der darauf abzielte, den Gegensatz zwischen dem Volk und der Staatsführung zu verschleiern:
Die Probleme der weiteren Entwicklung des Sozialismus in den DDR lösen wir selbst, im sachlichen Dialog und im vertrauensvollen Miteinander. Mit der nächsten Tagung des ZK werden wir unserer Partei und dem gesamten Volk im Sinne unserer Konzeption… unsere Vorschläge unterbreiten […] Gehen wir in diesem Sinne gemeinsam an die Arbeit und lassen wir uns leiten von der Erfahrung […] (ND, 12. Okt.1989).
2.2.4. Die SED-Sprache war eine schönfärbende, hochwertende Sprache.
48Hochwertende Ausdrücke entfernten die Sprache von der Realität oder verschleierten diese, z.B. Wörter mit positivem oder die Totalität anzeigendem Inhalt: allseitig, umfassend, die schöpferische Gestaltung, vielseitig, die weitere Ausgestaltung des Sozialismus. Komparative hatten eine ähnliche Funktion. Sie präsupponierten, daß der gegenwärtige Zustand bereits positiv ist und daß er nur noch einer Vervollkommnung bedürfe, wie z.B. in die Umwelt noch wirksamer schützen, wenn es sich um die katastrophale ökologische Lage handelte. So sollte auch der Gebrauch des Komparativs im Dialogangebot, „alle erforderlichen Formen und Foren noch umfassender“ zu nutzen, glauben machen, es habe in der DDR vor der Wende schon viele Möglichkeiten des Dialogs gegeben.
49Da die Parteiführung keine neue Sprache fand, die die neue Realität hätte greifen können, mußten auch die in den alten Parteijargon eingebetteten Dialogangebote als heuchlerisch erscheinen und wurden als solche erkannt.
Zusammenfassung
50Die Verwendungen der Metapher Sprachlosigkeit im politischen Bereich greifen auf Potentialitäten zurück, die in der Wortbedeutung angelegt sind. Je nach Kommunikationsbereich, von der die Metapher ausgeht, je nach historischer Situation und Adressatengruppe scheinen sich Bedeutungen zu differenzieren, ohne an der Grundbedeutung etwas zu ändern. Die Negativität des Wortes ist für ihre pragmatische Funktion ausschlaggebend. Sprachlosigkeit muß überwunden werden. Das macht diese Metapher zur Waffe im politischen Kampf.
51Die in Dialog gegebene Wortbedeutung „Zwiegespräch zwischen gleichberechtigten Partnern“ macht auch dieses Wort zur bevorzugten Metapher der politischen Sprache. Wird es unwahr verwendet, d.h. für eine reale Situation, wo dieses gleichberechtigte Verhältnis nicht gegeben ist, wird der semantische Kern sozusagen gesprengt, und die Metapher greift nicht. Die politische Situation und das Verharren der Parteiführung im alten Diskurs machten die unwahre Verwendung von Dialog offenbar, so daß auch die Sprachlosigkeit nicht im Dialog aufgehoben werden konnte. Diese fand erst ihre Überwindung in einer neuen Sprache, wie sie in den Demo-Sprüchen während der Demonstrationen lebendig wurde.
Bibliographie
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Annexe
ANHANG
Texte zu „Sprachlosigkeit“
1) 40 Jahre DDR …und die Bürger melden sich zu Wort
Interviewsammlung von Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs, Katja Havemann, erschienen am 7. Oktober 1989 in 700 hektographierten Exemplaren. Vorwort von B. Bohley:
Wir liegen an der Kette, man hat uns den Mund gestopft, aber wir könnten noch frei sein. Wir haben keinen Paß, aber wir sind noch reich. Wir sprechen noch deutsch … aber wir können uns nicht mehr verständlich machen. Haben wir uns die Sprache rauben lassen, und sind wir ein knechtisches Volk geworden?
Hat man uns wirklich die Sprache geraubt? Oder haben wir sie nicht, wie vorher unsere Väter schon, selbst im Stich gelassen, indem wir uns an den Lügen beteiligt haben? Sind wir ein knechtisches Volk geworden, weil wir jahrelang die Wahrheit nur in den Warteräumen unserer vier Wände geflüstert haben, und wenn öffentlich, dann fast immer nur an den Biertischen? Und jetzt können wir auch […] nur die Worte stammeln, die uns an den Biertischen über die Lippen kamen. Sie taumeln wie betrunken umher, undifferenziert und hilflos. Das ist die Strafe für unser Schweigen, für unsere Lügen.
Wer kann uns aus dieser Sprachlosigkeit erlösen? Wo sind unsere Dichter und Schriftsteller, warum versuchen sie nicht, die Wahrheit sichtbar zu machen, warum sprechen sie nicht, warum schweigen sie? Ist ihnen der Paß wichtiger geworden als die Sprache?
In diesem Heft versuchen Menschen, ihr Lebensgefühl in diesem Land zu beschreiben. Sie sprechen über ihre persönlichen und politischen Wünsche und Träume. Sie versuchen, die Vergangenheit und die Gegenwart zu reflektieren. Sie leisten Widerstand in einem Land der Sprachlosigkeit und der Lüge, indem sie sich zu Wort melden. Ein Teil tut das noch anonym, aber irgendwann werden sie aufstehen und sagen: Ich, Ilse Meier, denke, daß… …ich will, daß... Sie werden das in aller Öffentlichkeit sagen, und man wird sie hören müssen. […] Wenn es auch manchmal nur die halbe Wahrheit ist, die gesagt wurde, so sind es doch die ersten Schritte…Wir können also noch Hoffnung haben, Hoffnung, daß wir unsere Sprache wiederfinden, Hoffnung, daß wir nicht für immer verloren sind. […]
Dieses Heft soll wie ein Zuruf sein: Entlaßt euch endlich selbst in die Mündigkeit. Ihr seid alt genug. Es lohnt sich nicht zu schweigen.
2) Erklärung des Staatsschauspiels Dresden, Anfang Oktober 1989,
die nach jeder Aufführung verlesen wurde:
Ein Volk, das zur Sprachlosigkeit gezwungen wurde, fängt an, gewalttätig zu werden.
3) Stefan Heym, Rede auf der Großdemonstration für Meinungs- und Pressefreiheit vom 4. November 1989
Wir haben in den letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind dabei, den aufrechten Gang zu erlernen.
4 ) Christa Wolf, Rede vom 4. November 1989
Jede revolutionäre Bewegung befreit auch die Sprache. Was bisher so schwer auszusprechen war, geht uns auf einmal frei über die Lippen, wir staunen, was wir offenbar schon lange gedacht haben, was wir uns jetzt zurufen: Demokratie - jetzt oder nie […] Ja, die Sprache springt aus dem Zeitungs- und Ämterdeutsch heraus, in das sie eingewickelt war, und erinnert sich ihrer Gefühlswörter.
5a) Bericht über Egon Krenz’ Rede im Politbüro am 8.11.89, in der Bild-Zeitung vom 9.11.89
Egon Krenz hat das allerletzte Aufgebot um sich geschart. Im neuen Politbüro sitzen überwiegend alte stalinistische Betonköpfe, dazu ein paar Wendehälse […] Egon Krenz rettete seinen Kopf, indem er die Schuld seinem gefeuerten Vorgänger und dem ehemaligen Wirtschaftschef Günter Mittag in die Schuhe schob. […] Auf dem Höhepunkt der Fluchtwelle habe G. Mittag die Vertretung des erkrankten Honecker übernommen, darauf sei die Parteiführung in Sprachlosigkeit verfallen. Darauf habe er, Krenz, die Initiative ergriffen.
5b) Krenz’ Erklärung zu den Ereignissen im Oktober 89, Neues Deutschland vom 18.1.1990
Zu seiner Verantwortung in den Oktobertagen erklärte er (Krenz), man müsse die Zeit vom 7. Oktober bis 9. November im größeren Zusammenhang betrachten. Die Situation im Lande sei seit dem Sommer außerordentlich kompliziert gewesen, die Parteiführung und Staatsführung ratlos, sie habe geglaubt, mit kosmetischen Veränderungen die Situation verändern zu können. […] Auf seiner Rückreise von China habe er den Entwurf einer Erklärung erarbeitet, die die Sprachlosigkeit der Führung beenden sollte.
6) Junge Welt vom 1.11.89: „Vorbei ist die Zeit konformer Sprachlosigkeit“
(Titel eines Artikels, der über die erste öffentliche Diskussion in Dresden zwischen der SED-Führung und Bürgergruppen berichtet. Die Diskussion zwischen Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer und der Bevölkerung sei „kontrovers“ verlaufen.)
7) Junge Welt vom 4.11.89, unter dem Titel Heute Demo für Pressefreiheit - wir sind dabei :
Hatten wir sie [die Pressefreiheit] eingetauscht gegen eine dehnbare Parteilichkeit, die sich auf vielen Gebieten als nichts anderes als Sprachlosigkeit entpuppte und mit dazu beitrug, die Herzen auszutrocknen?
Texte zu „Dialog“ I: Oppositioneller Diskurs
1) Gründungsaufruf des Neuen Forum, 10. September 1989
In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. Belege dafür sind die weitverbreitete Verdrossenheit bis hin zum Rückzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung. […] Um alle dies Widersprüche zu erkennen, Meinungen und Argumente dazu anzuhören, bedarf es eines demokratischen Dialogs über die Aufgaben des Rechtsstaates, der Wirtschaft und der Kultur. Über diese Aufgaben müssen wir in aller Öffentlichkeit, gemeinsam und im ganzen Land, nachdenken und sprechen.
2) Flugschrift der Bürgerbewegung Demokratie jetzt, 12. September 1989
Laßt uns gemeinsam nachdenken über unsere Zukunft, über eine solidarische Gemeinschaft, in der der gesellschaftliche Konsens im öffentlichen Dialog gesucht und durch den gerechten Ausgleich verschiedener Interessen verwirklicht wird. […] Alle, die sich beteiligen wollen, laden wir ein zu einem Dialog über Grundsätze und Konzepte einer demokratischen Umgestaltung unseres Landes.
3) Resolution der Rock-Künstler, 18. September 1989
Wir sind besorgt über den augenblicklichen Zustand unseres Landes, über den massenhaften Exodus vieler Altersgenossen, über die Sinnkrise dieser gesellschaftlichen Alternative und über die unerträgliche Ignoranz der Partei-und Staatsführung, die vorhandene Widersprüche bagatellisiert und an einem starren Kurs festhält. […] Wir fordern jetzt und hier sofort den öffentlichen Dialog mit allen Kräften des Landes.
4) Erklärung der Künstler des Berliner Ensembles, 29. September 1989
Mißtrauen gegenüber der politischen Reife, wie es unverändert in den Medien zu spüren ist, schränkt die Glaubwürdigkeit der Partei und die Handlungsfähigkeit aller ein. […] Zur Wiedergewinnung des Vertrauens sind zwischen vielen Ebenen und in der breiten Öffentlichkeit Dialoge ohne Tabu nötig, auch andere Meinungen müssen gehört werden und dürfen nicht kriminalisisert werden.
5) Erklärung des Staatsschauspiels Dresden, Anfang Oktober 1989
1. Wir haben ein Recht auf Information.
2. Wir haben ein Recht auf Dialog .
3. Wir haben ein Recht auf selbständiges Denken und Kreativität. […]
1. Wir haben die Pflicht zu verlangen, daß Lüge und Schönfärberei aus unseren Medien verschwinden.
2. Wir haben die Pflicht, den Dialog zwischen Volk und Partei- und Staatsführung zu erzwingen.
3. Wir haben die Pflicht, von unserem Staatsapparat und von uns zu verlangen, den Dialog gewaltlos zu führen.
6) Erklärung von Teilnehmern am Treffen der Vereinigten Linken in Böhlen bei Leipzig, 13. Oktober 1989
Mit der Aufforderung des Politbüros der SED vom 11. Oktober, einen gesellschaftlichen Dialog über alle Probleme des Landes zu beginnen, hat die Führung der SED den bisher geleugneten Handlungsbedarf eingestanden und indirekt die Tauglichkeit der bisherigen Politik in Frage gestellt. […]
Nicht das Dialogangebot in der Erklärung des Politbüros vom 11. Oktober, sondern der Druck, welcher von den entstandenen scharfen Widersprüchen ausgeht, und die Herausforderung an alle Menschen unseres Landes, endlich selbst etwas zu ändern, ist die Grundlage unseres Handelns.
7) Vorläufige Grundsatzerklärung des Demokratischen Aufbruch, 30. Oktober 1989
Die Gesellschaft der DDR befindet sich in einer moralischen, sozialen, ökonomischen, ökologischen und politischen Krise. Der Bürger wird immer noch entmündigt. Da zum Dialog gleichberechtigte Partner gehören, kann unsere Gesellschaft erst demokratisch werden, wenn sich neben der Einheitspartei andere politische Größen konstituieren.
8) Demosprüche der Montagsdemonstrationen in Leipzig
- Die uns jahrelang betrogen, kommen uns mit Dialogen!
- Wahlbetrüger - Dialügner!
- Der Dialog wird bald zur Phrase. - Drum gehn wir weiter auf die Straße!
- DDR: Demokratie - Dialog - Rechtsstaat
9) Christoph Hein, Ansprache in der Erlöser-Kirche in Berlin, 28.Oktober 1989
Seit dem 11. Oktober hat sich die Zahl der Reformer in diesem Land stark erhöht. […] Ich glaube, der Dialog reicht nicht aus. Was wir brauchen, ist Öffentlichkeit. Der Dialog kann auch als „Zuführung zum Dialog“ enden. Und Glaubwürdigkeit reicht schon gar nicht aus, da geht es inzwischen um gesetzliche Grundlagen. Und darum meine ich, die Zeit des Resolutionenschreibens ist vorbei. Nun ist es Zeit, wirklich zu arbeiten.
Texte zu „Dialog“ II: SED - Diskurs
1) Berliner Zeitung, 25. Juli 1989
International wurde die DDR ein gefragter politischer Dialogpartner. […] Wir betrachten es als Kern des politischen Dialogs, daß der Abrüstungs- und Entspannungsprozeß gefördert wird. […] Hier wird deutlich, daß unsere Politik des Dialogs selbst in Situationen erhöhter internationaler Spannungen Früchte getragen hat.
2) Losung zum 40. Jahrestag der DDR, 7. Oktober 1989
Dynamik - Dialog - Realismus: 40 Jahre DDR
3) Berliner Zeitung vom 12. Oktober 1989, Erklärung des Politbüros des ZK der SED vom 11. Oktober 1989, Dialogangebot
Deshalb ist es das Gebot der Stunde, daß sich alle, deren Handeln von politischer Vernunft und humanistischem Verantwortungsbewußtsein gegenüber den Menschen unseres Landes bestimmt ist, deutlich abgrenzen von jenen, die die Bürger für konterrevolutionäre Attacken zu mißbrauchen trachten. Die Probleme der weiteren Entwicklung des Sozialismus in der DDR lösen wir selbst – im sachlichen Dialog und im vertrauensvollen politischen Miteinander.
Mit der nächsten Tagung des Zentralkomitees werden wir unserer Partei und dem gesamten Volk im Sinne unserer strategischen Konzeption von Kontinuität und Erneuerung dafür unsere Vorschläge unterbreiten. Sie beruhen auf den tausendfach geführten Diskussionen in den Parteiorganisationen der SED, auf den Vorschlägen und Überlegungen, die uns von den Werktätigen aus allen Teilen der Republik zugegangen sind. Alle Meinungsäußerungen und Vorschläge für einen attraktiven Sozialismus in der DDR sind dafür wichtig. Wir stellen uns der Diskussion.
Wir haben dafür alle erforderlichen Formen und Foren der sozialistischen Demokratie. Wir rufen auf, sie noch umfassender zu nutzen. Doch wir sagen auch offen, daß wir gegen Vorschläge und Demonstrationen sind, hinter denen die Absicht steckt, Menschen irrezuführen und das verfassungsmäßige Fundament unseres Staates zu verändern.
Der Sozialismus auf deutschem Boden steht nicht zur Disposition. Das Volk der Deutschen Demokratischen Republik hat sich für immer für den Sozialismus entschieden. Gehen wir in diesem Sinne gemeinsam an die Arbeit und lassen wir uns von der Erfahrung leiten, daß der Sozialismus nur das Werk aller sein kann. Unser Arbeitsplatz bleibt unser Kampfplatz für Sozialismus und Frieden.
4) Egon Krenz’ Rede am 18. Oktober 1989, auf der 9. Tagung des ZK der SED
Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten. […] Mit der Erklärung des Politbüros vom 11. Oktober wurde im Sinne unserer Politik von Kontinuität und Erneuerung die Tür breit geöffnet für den ernstgemeinten innenpolitischen Dialog. Wie sich zeigt, gewinnt die öffentliche Debatte auf der Suche nach den besten Lösungen für die weitere Ausgestaltung des Sozialismus in der DDR schnell an Substanz.
5) Neues Deutschland, 23. Oktober 1989
Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Politbüromitglied Günter Schabowski […] mit etwa 400 Teilnehmern der Demonstration und anderen Bürgern zwei Stunden und teilweise länger im Gespräch. Die Debatten, die in vielen Diskussionsgruppen geführt wurden, zeichneten sich durch Offenheit und Entschiedenheit aus. Es war ein Dialog, der zumeist sachlich, aber durchaus kontrovers verlief.
Günter Schabowski: Er sei gekommen um zu reden und dazu beizutragen, mögliche Zuspitzungen zu vermeiden. Probleme könnten wir alle nur im offenen, ehrlichen und sachlichen Gespräch benennen. Lösungswege müßten gemeinsam gesucht werden – ohne Eskalation der Gewalt, durch die Menschen zu Schaden kommen könnten. Politische Konflikte müßten und könnten nur mit politischem Denken gelöst werden. Jetzt, nach dem 9. Plenum bestünden doch große Möglichkeiten eines umfassenden Dialogs über alle die Bürger bewegenden Fragen. Dazu gebe es eine Vielzahl vorhandener Formen und Foren, die besser als die Straße zur Debatte geeignet seien.
6) Neues Deutschland, 30. Oktober 1989
Im Dialog kommen alle zu Wort. Er wird im Bemühen um einen breiten Konsens geführt. Er braucht die Achtung vor der Überzeugung und dem Auftrag des anderen. Aber er schließt Angriffe aus auf die verfassungsmäßigen Grundlagen der DDR als sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern, als politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei. Die sozialistische Gesellschaftsordnung steht nicht zur Disposition. Das jedenfalls ist unser Standpunkt. Von ihm her treten wir auch im Dialog auf. Es ist unsere Partei, die die Wende in Angriff genommen hat. Sie stellt sich gemeinsam mit allen, denen die Stärkung des Sozialismus in unserem Lande am Herzen liegt, den mit der Wende verbundenen Aufgaben. Dazu braucht sie ihre Kraft aus ihrer organisatorischen wie ideologischen Einheit.
7) Neues Deutschland, Oktober 1989: Beispiele von Ausdrücken mit dem Wort „Dialog“
Das Tor zum Dialog ist weit aufgestoßen – unvoreingenommener Dialog – zum Dialog gehört fleißige Arbeit am Arbeitsplatz – jeder Genosse muß seinen Teil für die Entfaltung des Dialogs leisten – Dialog in Übereinstimmung mit den sozialistischen Grundlagen der Gesellschaft – die Abgeordneten werden zur Führung des Dialogs aufgerufen – der von Hunderttausenden leidenschaftlich und offen, streitbar und konstruktiv geführte Dialog – Dialog – das ehrliche und offene, mit gegenseitigem Verständnis geführte Gespräch – die Straße ist nicht der geeignete Ort des Dialogs – Prozeß des Dialogs mit allen Bevölkerungsschichten - Massendialog.
Notes de bas de page
1 Stötzel1991: 9.
2 Oschlies 1990: 9.
3 Vgl. Schüddekopf 1990.
4 Bohley, Fuchs, Havemann 1989: 6-7.
5 Erklärung des Staatsschauspiels Dresden, Anfang Oktober 1989, die nach jeder Aufführung verlesen wurde. In: Schüddekopf 1990: 42.
6 Stefan Heym, Rede auf der Großdemonstration für Meinungs-und Pressefreiheit vom 4. November 1989. In: Schüddekopf 1990: 207.
7 Bericht über Egon Krenz’ Rede im Politbüro am 8.11.89, in der Bild-Zeitung vom 9.11.89.
8 Egon Krenz’ Erklärung zu den Ereignissen im Oktober 89, Neues Deutschland vom 18.1.1990.
9 HdG: Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, 1984.
WdG: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, 1980.
Wahrig: Brockhaus-Wahrig, Deutsches Wörterbuch, 1984.
10 Good 1989: 82.
11 Diskurs soll hier als komplexe Erscheinung sprachlicher Kommunikation auf der makrosozialen Ebene verstanden werden, bei der sprachliche und außersprachliche Phänomene kombiniert sind, wie historische Konstellation, Kommunikationskonstellation, Diskursmittel (Textsorten) und Intertextualität. Vgl. Hopfer 1992: 113.
12 v. Polenz 1993: 131; Schlosser 1990: 27.
13 Thierse 1992.
14 Vgl. Fraas/Steyer 1992: 175 ; v. Polenz 1993: 131-132.
15 Königsdorf 1990: 19; zitiert nach Schlosser 1990: 53.
16 Vgl. oben und siehe die vollständigen Texte von E. Krenz im Anhang. Nach Erich Honeckers Rücktritt am 18.10.89 war Egon Krenz Generalsekretär des ZK der SED und am 24.10. 89 Staatsratsvorsitzender geworden. Am 7.11. war auch der Ministerrat geschlossen zurückgetreten und am 8.11. 89 das Politbüro der SED. Die Bild-Zeitung berichtet am 9.11.89 indirekt von den Ereignissen und zitiert Krenz’ Rede. Ähnlich zitiert am 18.1.1990 das Neue Deutschland Egon Krenz’ Rechtfertigungsrede vor dem Untersuchungsausschuß zu den Ereignissen vom 7./8. Oktober.
17 Eppler 1992: 51-52.
18 Vgl. Junge Welt, 01.11.1989 und 04.11.1989 (Texte 5 und 6 im Anhang).
19 Schüddekopf 1990: 29 ff. (vgl. Anhang, Texte zu Dialog I, 1- 5).
20 Berliner Zeitung, 12. Oktober 1989.
21 E. Krenz: „Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten.“ Neues Deutschland, 19. Oktober 1989.
22 Berliner Zeitung, 25. Juli 1989.
23 Neues Deutschland, Oktober 1989 (vgl. Anhang, Texte zu „Dialog“ II, 5-7).
24 Schüddekopf 1990: 401 ff. (vgl. Anhang, Texte zu „Dialog“ I, 6-9).
25 Demosprüche. Computergestützte Datei, Wendekorpus . IdS 1992.
26 Stefan Heym, Spiegelgespräch, November 1989.
27 Pastor Friedrich Schorlemmer, Rede vom 4. Nov. 1989. In : Schüddekopf 1990: 211.
28 Vgl. Berliner Zeitung, 12. Oktober 1989.
29 Mündliche Information von M. Hellmann, IdS Mannheim.
30 Neues Deutschland, Oktober 1989.
31 Pastor Friedrich Schorlemmer, Rede vom 4. Nov. 1989. In : Schüddekopf 1990: 211.
32 Vgl. die Arbeiten von Ulla Fix zu lexikalischen und syntaktischen Charakteristika der SED-Sprache.
33 nach einem Gedicht von Volker Braun.
34 Vgl. Schädlich 1993.
Auteur
-
Gunhild Samson
Universität Paris 3
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Gilbert Krebs, Hansgerd Schulte et Gerald Stieg (dir.)
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Tendenzen der deutschen Gegenwartssprache
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