Wirtschaft und Reichsgründung (1862-1879) – Bedingungs- und Wirkungszusammenhänge
p. 104-116
Texte intégral
1Die großen Fragen der Zeit, hat Bismarck einmal gesagt, werden nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse entschieden, sondern durch Eisen und Blut.
2Der Satz wird oft und gern zitiert.
3Der bedeutende englische Nationalökonom John Maynard Keynes hat ihn mehr als ein halbes Jahrhundert später aufgegriffen, wortspielerisch abgewandelt und dabei seinen Wahrheitsgehalt infrage gestellt.
4Das deutsche Kaiserreich, schrieb Keynes, wurde nicht so sehr auf Eisen und Blut wie vielmehr auf Eisen und Kohle gebaut.
5Und auch dieser Satz wird oft und gern zitiert. Wobei jedermann klar ist, was Bismarck mit seinem Aperçu gemeint hat, während niemand so recht weiß, was Keynes bei dem seinen wohl im Sinne hatte – historisch-konkret im Sinne hatte, meine ich, nicht bloß gedanklich-metaphorisch.
6Seinem Wortlaut nach wird das Aperçu von der Geschichte denn ja auch kaum bestätigt ; als Metapher weist es aber immerhin auf Richtiges und Bedeutsames hin : Politik und Wirtschaft wirkten in der Reichsgründungszeit vielfältig aufeinander ein. Die Gründung des kleindeutschen Reiches war deshalb nicht nur ein staats- und nationalpolitischer Prozeß von höchstem historischen Belang, sie war auch ein wirtschaftshistorischer Vorgang erster Ordnung. Das gilt in dreierlei Weise :
7Erstens vollzog Bismarck die Reichsgründung mit militärisch-politischen Mitteln in Grenzen, die von der wirtschaflichen Integration im deutschen Zollverein mit kräftigen Strichen vorgezeichnet worden waren.
8Zweitens erhielt die deutsche Wirtschaft im Zuge der Reichsgründung neue institutionelle und ordnungspolitische Grundlagen, die ihre weitere Entwicklung längerfristig wesentlich mitbestimmten und sie erhielt außerdem Impulse, die sie mittelfristig aus dem Gleichgewicht brachte und in schwere Turbulenzen stürzte.
9Drittens gingen unter dem Einfluß jener Turbulenzen von der Wirtschaft wirkungsmächtige und sehr nachhaltige Einflüsse auf die politisch-soziale Befindlichkeit des Kaiserreichs aus.
10Das klingt in seiner sententiösen Zuspitzung einigermaßen vage und womöglich unverständlich. Der Aufsatz dient dazu, es der Reihe nach zu konkretisieren und verständlich zu machen.
1. Wirtschaftliche Integration und politische Einigung
11Das kleindeutsche Kaiserreich, so lautet Punkt eins, entstand in Grenzen, die von der wirtschaftlichen Integration im deutschen Zollverein vorgezeichnet worden waren. Und es konnte nach Lage der Dinge kaum in anderen entstehen.
12Der deutsche Zollverein war bekanntlich 1834 ins Leben gerufen worden. Bis dahin hatten die 41 politisch souveränen Territorien im Deutschen Bund den Handel miteinander zu ihrem wirtschaftlichen Nachteil durch Zölle erschwert und beschränkt. Im Zollverein verschwanden die Zölle zwischen den Mitgliedsländern und alle miteinander umgaben sich mit einer gemeinsamen Zollmauer nach außen. Auf diese Weise begünstigte der Zollverein den Handel der Teilnehmer miteinander vor dem Handel der Teilnehmer mit außenstehenden Ländern.
13Der Zollverein erleichterte den Erfolg der Industrialisierung, die wenig später in Deutschland einsetzte, weil er der jungen Industrie einen großen, von Zollschranken freien Absatzmarkt bot. Und die Industrialisierung ihrerseits steigerte den Nutzen und die Bedeutung des Zollvereins, weil sie den interregionalen Handel ausdehnte und intensivierte. Dies übrigens mit wesentlicher Hilfe der Eisenbahn, die im Zuge der Industrialisierung eingeführt wurde und sich schnell ausdehnte. So sorgten die Zollfreiheit, die Industrialisierung und die Verkehrsrevolution gemeinsam für eine bemerkenswerte wirtschafliche Integration des politisch geteilten Deutschlands in den Grenzen des Zollvereins.
14Deshalb ist später zuweilen gesagt worden, daß der Zollverein die politische Einigung vorbereitet und darauf hingewirkt habe. Das ist nicht richtig. Der Zollverein blieb auf eine gewissermaßen naturwüchsige Integration der Märkte beschränkt. Er hatte – ganz anders als später die EWG – keine gemeinsamen Institutionen und verfolgte keine weiter, d. h. über die Zolleinigung hinausreichenden Zwecke. So trieb man im Zollverein z. B. keine gemeinsame Wirtschaftspolitik und hatte auch nicht die Absicht, das je zu tun.
15Andererseits entstanden zwischen den institutionell kaum verbundenen und wirtschaftspolitisch souveränen Territorien zusehends intensivere Handels-, Verkehrs- und Finanzbeziehungen, die allmählich zu wechselseitigen Abhängigkeiten wurden und deren Unterbrechung große Nachteile und Beschwernisse mit sich gebracht hätte. Bald waren fast alle großen Unternehmen auf den kostengünstigen Bezug von Rohstoffen und Halbfabrikaten aus anderen Zollvereinsländern angewiesen und an den Absatz ihrer Erzeugnisse in andere Zollvereinsländer gewöhnt. Für die meisten führte der Weg zu den Überseehäfen auf fremden Eisenbahnen über fremdes Territorium. Viele deckten einen Teil ihres Kapitalbedarfs außerhalb des eigenen Landes im Zollverein, u.s.w., u.s.f..
16Kurz, der deutsche Zollverein wirkte zwar nicht aus sich selbst heraus auf eine politisch nationalstaatliche Einigung hin. Aber seine Existenz machte es den meisten Mitgliedern immer schwerer, sich anderen, ihnen womöglich gar nicht genehmen Einigungsinitiativen zu verweigern, wenn der Preis für die Weigerung die Auflösung des Zollvereins oder der Austritt aus dem Zollverein war.
17Nun war der Zollverein auf preußisches Betreiben hin entstanden und schloß Österreich aus. Anfangs hatte Österreich gemeint, durch den Beitritt zum Zollverein wirtschaftliche Nachteile zu erleiden und war ihm deshalb willentlich fern geblieben. Später lernte es, daß ihm jenes Fernbleiben nicht nur wirtschaftlich schadete, sondern im Widerstreit mit Preußen auch politisch bedenklich war. Deshalb versuchte Österreich um 1850, den deutschen Zollverein in eine mitteleuropäische Zollunion unter seiner Führung zu transformieren. Inzwischen verstand aber Preußen den Zollverein mehr denn je auch als Einrichtung, durch die es sein politisches Gewicht gegen Österreich nachdrücklicher zur Geltung bringen konnte und lehnte dessen Auflösung in eine mitteleuropäische Zollunion entschieden ab. Es kam zu einem heftigen Konflikt, in dem die süd- und die mitteldeutschen Länder politisch-historisch eher Österreich zuneigten und sich aus wirtschaftlichen Gründen schließlich doch Preußen beugten.
18In den frühen 1860er Jahren wurde der Konflikt aktualisiert, dabei dramatisiert und – wenn man so will – ein für allemal entschieden. 1862 schloß Preußen einen Handelsvertrag mit Frankreich und verlangte von den anderen Zollvereinsmitgliedern, daß sie diesen Vertrag als Vertrag des ganzen Zollvereins mit Frankreich akzeptierten. Der Vertrag war ein sogenannter Meistbegünstigungvertrag auf niedrigem Zollniveau. Meistbegünstigung bedeutete, daß der Zollverein keinem Land niedrigere Zölle gewähren durfte als Frankreich. Auch Österreich nicht. Bisher war es aber üblich gewesen und hatte als selbstverständlich gegolten, daß Österreichs Güter bei der Einfuhr zollpolitisch bevorzugt wurden. Die Annahme des preußisch-französischen Handelsvertrages machte Österreich vollends zum handelspolitischen Ausland. Genau das war Preußens Absicht. Und weil diese Absicht den süddeutschen Ländern nicht verborgen blieb, regten sie sich über den Vertrag und Preußens Ansinnen schrecklich auf.
19“Wer ein Herz für deutsche Volkskräfte hat,” schrieb die Augsburger Allgemeine Zeitung, “der mußte bis ins Innerste der Seele erschrecken, als er las, daß der französische Machthaber einen Handelsvertrag mit dem Zollverein in Anregung gebracht hat. Der Vertrag betrügt uns um die Zollunion mit Österreich. Fort mit diesem Löwen-Vertrag !”
20Preußen brachte gegen derlei politisch-moralische Eruptionen die wirtschaftlichen Bedürfnisse ins Spiel. Es kündigte kurzerhand das Zollvereinsabkommen und lud anschließend dazu ein, ein neues Abkommen auf der Grundlage des preußisch-französischen Handelsvertrages zu schließen. Wer das nicht wolle, könnte sich ja hinter hohen Zollmauern mit Österreich zu einer mitteleuropäischen Handelsunion zusammentun. Das freilich wollten die süddeutschen Länder bei aller Zuneigung zu Österreich noch weniger als den Löwen-Vertrag und so willigten denn nach respektablem Widerstand alle in die Neuformation des Zollvereins bei deutlicher Distanzierung Österreichs ein.
21“Wir unterzeichnen mit schwerem Herzen,” schrieb der kurhessische Außenminister an seinen österreichischen Kollegen, “nicht freiwillig, sondern weil man uns dazu zwingt, wir können nicht anders.”
22Danach war zweierlei kaum mehr zu bezweifeln : Erstens war kaum mehr zu bezweifeln, daß es in absehbarer Zeit nur einen preußisch inspirierten kleindeutschen oder aber gar keinen deutschen Nationalstaat geben würde. Und zweitens war kaum mehr zu bezweifeln, daß sich die Zollvereinsmitglieder einer preußischen Inspiration nicht würden entziehen können. Als höchst zweifelhaft erschien freilich auch 1865 noch, daß derlei nationalstaatliche Inspiration von Preußen zu erwarten wäre. Jeder nahm an, daß es Preußen beim Kampf um die Erneuerung des Zollvereins mehr um Politik als um den Handel gegangen war; aber niemand glaubte, daß dies Einigungspolitik gewesen wäre. Und das war es auch nicht gewesen.
23So wenig wie der Zollverein kraft seiner Entwicklung auf den Nationalstaat hingeführt hätte, so wenig hat Preußen ihn zum Zwecke der kleindeutschen Reichsgründung instrumentalisiert. Als Bismarck die Reichsgründung im Gefolge der drei Hegemonialkriege dann gleichsam als unausweichlich unterlief, da konnte er in Erinnerung an 1863/65 freilich darauf vertrauen, daß die wirtschaftliche Integration seine Absichten außerordentlich begünstigte und letztlich unwiderstehlich machte.
2. Institutionelle und ordnungspolitische Reformen
24Im Nationalstaat – und damit kommen wir zum ersten Teil von Punkt zwei – wurde nun an institutioneller und wirtschaftlicher Integration das nachgeholt, was der Zollverein nicht geleistet hatte und nach seiner Anlage und Zwecksetzung auch nicht hatte leisten können. Dies geschah ganz unerwarteter Weise im Zeichen des wirtschaftlichen Liberalismus und gereichte auch deshalb der längerfristigen wirtschaftlichen Entwicklung zu erheblichem Vorteil. Sehr pointiert formuliert könnte man sagen : Die wirtschaftliche Einigung und der wirtschaftliche Fortschritt im Zollverein waren weniger die notwendigen Voraussetzungen der deutschen Reichsgründung gewesen, als die deutsche Reichsgründung unter den gegebenen Umständen eine Voraussetzung des weiteren wirtschaftlichen Fortschritts war. Wobei manche der förderlichen Reformen schon im Norddeutschen Bund geschaffen und dann unverändert ins Deutsche Reich übernommen wurden, während andere erst im Reich selbst geschahen. Insgesamt zog sich der Vorgang fast zehn Jahre lang hin.
25Ich nenne und kennzeichne die wichtigsten Maßnahmen ohne Rücksicht auf ihre zeitliche Reihenfolge und ohne Rücksicht auf eine Rangordnung ihrer Bedeutung.
26Die Maße und Gewichte, deren es bis dahin in verwirrender Vielzahl gegeben hatte, wurden vereinheitlich und vereinfacht. Die Notwendigkeit und die Unsicherheiten der Umrechnung entfielen.
27Eine neue, einheitliche Geld- und Währungsordnung wurde geschaffen. Dabei verweile ich aus guten Gründen etwas länger.
28Bislang hatte es in deutschen Landen zwei Münzeinheiten, den Taler und den Gulden, sieben Münzrechensysteme, zwanzig Sorten von Staatspapiergeld und 33 Arten von Banknoten gegeben, die von 33 Notenbanken emittiert wurden. Die Umständlichkeiten und Kosten des fortgesetzt nötigen Umrechnens und Umtauschens lassen sich vorstellen. Außerdem war das Münzgeld Silbergeld gewesen. Silber aber war im Verhältnis zu seinem Wert schwer und unhandlich. Und es wurde immer unhandlicher, je mehr sich der Handel quantitativ und räumlich ausdehnte. Das war ein wichtiger Grund für die Einführung von Banknoten als Substitut von Metallgeld gewesen.
29Banknoten wurden in Deutschland nun aber nicht von einer zentralen Notenbank, sondern von vielen privaten Geschäftsbanken ausgegeben und sie mußten nicht als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Man konnte sie zurückweisen und statt dessen Silber oder eine andere Notenart verlangen. Die meisten Noten wurden denn auch nur im engeren Umkreis um die Bank, die sie ausgab, akzeptiert. Denn nur im engeren Umkreis um die Bank konnte man einigermaßen sicher sein, daß jemand anderes sie einem anstelle von Silber wieder abnahm. Und wenn man niemanden fand, dann konnte man zu der Bank selbst gehen und den Gegenwert der Noten in Silber verlangen. Die Banknote war ja in erster Linie ein Versprechen der Bank an den Besitzer der Note, ihm bei deren Vorlage Silber auszuzahlen. Dieses Versprechen gab man mit der Note von Besitzer zu Besitzer weiter und nur deshalb taugte die Note als umlaufendes Zahlungsmittel. Ihr Besitz repräsentierte einen Anspruch auf Silber.
30Da dieser Anspruch nun umso schwerer zu realisieren war, je weiter sich die Note von der Emissionsbank entfernte, nahm ihre Tauglichkeit als Zahlungsmittel mit zunehmender Entfernung schnell ab, weil sie bald gar nicht mehr oder nur noch mit einem erheblichen Disagio akzeptiert wurde. Wer sie trotz großer Entfernung annahm, wollte eine Prämie für die Unsicherheit der Weitergabe oder einen Ersatz für die Kosten der Einlösung haben.
31Im Prinzip verhielt sich das alles nicht wesentlich anders, als es sich heutigentags mit den nationalen Währungen verhält. Um in Paris eine Restaurantrechnung zu bezahlen, braucht man Francs. DM würden hier und da, aber schon ungern akzeptiert, portugiesiche Escudos würden mit Sicherheit nicht akzeptiert. Der französische Restaurateur will Francs, weil er nur mit denen ohne Umrechnung und Umtausch einkaufen und Löhne bezahlen kann. Die räumliche Nähe zum Emittenten der FrancNoten, die Nähe zur Banque de France, tut nichts mehr zur Sache. Die Pflicht, Noten in Metall zu tauschen, ist in der Zwischenzeit entfallen. An ihre Stelle ist in gewisser Weise und etwas vereinfacht gesagt die Pflicht der Staatsbürger getreten, Banknoten im Geschäfts- und Zahlungsverkehr zu akzeptieren.
32Nun sind wir in Europa mit der Vielzahl unserer Währungen nicht glücklich, empfinden sie als wohlstandsfeindliche Behinderung des Güter-, Kapital- und Personenverkehrs und wirken deshalb auf ihre Beseitigung hin. Dabei haben wir gegenwärtig ein Dutzend Währungen auf einem Raum von 2,4 Millionen Quadratkilometern mit 350 Millionen Einwohnern. In Deutschland gab es damals – wie gesagt – 33 Notenarten (und dazu noch 20 Staatspapiergeldsorten) auf nur 0,5 Millionen Quadratkilometern mit 35 Millionen Einwohnern.
33Das Reich beseitigte die Vielfalt und die damit verbundenen Wirr- und Hemmnisse mit einem Streich, oder genauer gesagt, mit zwei Streichen. Zunächst trat an die Stelle der beiden Silbermünz-Einheiten und der sieben Münzsysteme die einheitliche Goldmark zu je 100 Pfennigen. Damit wurde – da Gold im Verhältnis zu seinem Gewicht sehr viel wertvoller war als Silber – der Bedarf an Banknoten bemerkenswert vermindert. Dann wurde die Deutsche Reichsbank gegründet und mit dem Notenmonopol ausgestattet. Nur noch sie durfte fortan Banknoten ausgeben. Zwar waren auch die Reichsbanknoten noch kein verbindliches Zahlungsmittel. Nur die öffentlichen Kassen mußten sie annehmen. Überall sonst wurden sie aber angenommen, weil es nur noch sie gab, weil man sicher sein konnte, an jedem Ort im Reich mit ihnen bezahlen zu können und weil sie sich als wertbeständig erwiesen. Wobei übrigens auch die Wertbeständigkeit die Neuordnung voraussetzte. Solange 33 Banken Noten beinahe nach Belieben emittieren konnten, war an geregelte Geldpolitik und an eine Kontrolle des Geldvolumens natürlich nicht zu denken und inflationäre Geldfülle deshalb eine ständige Gefahr gewesen. Die Reichsbank hatte aufgrund des Notenmonopols die Möglichkeit, die Geldmenge zu steuern und sie erhielt auch den gesetzlichen Auftrag, dies zu tun und zwar in ziemlich restriktiver Weise zu tun. Und sie tat es mit großem Erfolg. Die deutsche Währung ist nie wieder längerfristig so stabil gewesen, wie in den vier Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg ; und dies – ganz nebenbei – obwohl sie geldpolitisch keineswegs autonom war, sondern den Weisungen des Reichskanzlers unterlag.
34Ich habe mich mit diesen Zusammenhängen ausführlicher beschäftigt, weil sie ein historisches Beispiel für das gegenwärtig unter ganz anderen Umständen höchst aktuelle Verhältnis von politischer und währungswirtschaftlicher Integration sind. Vielleicht lassen sich aus dem Verständnis des historischen Falles ja einige Lehren für die Behandlung des aktuellen ziehen.
35Bei den anderen wirtschaftlichen Reformen im Zusammenhang mit der Reichsgründung halte ich mich nur noch kurz auf.
36Die Gesetzgebung in Handels- und Zollangelegenheiten wurde von den Ländern resp. von der Länderkonferenz des Zollvereins auf den Reichstag und den Bundesrat übertragen. Die Post wurde, soweit sie noch privat war, verstaatlicht und administrativ und tariflich zur Reichspost zusammengefaßt. Mit der Eisenbahn gelang gleiches noch nicht. Immerhin wurde die Gesetzgebung in Angelegenheiten der Bahn vereinheitlicht und der Betrieb der in Privat- oder in Länderbesitz befindlichen Bahnen auf Reichsebene hinlänglich koordiniert.
37Den Liberalen galt die Konstituierung der Freizügigkeit und der Gewerbefreiheit als größte wirtschaftspolitische Errungenschaft im jungen Reich. Mit Freizügigkeit war gemeint, daß jedermann dorthin ziehen und sich dort als Selbständiger niederlassen oder Lohnarbeit suchen durfte, wo es ihm behagte. Und Gewerbefreiheit bedeutete, daß jedermann jedes Gewerbe, zu dem er sich befähigt fühlte, in der Weise ausüben durfte, die ihm als richtig und erfolgversprechend erschien. Daran hatte er zuvor von korporativen Bindungen und gesetzlichen Bestimmungen, hier mehr dort weniger, gehindert werden können. Für die abhängigen Arbeiter fiel bei der Beseitigung der Hindernisse das Recht ab, sich straflos zusammenzuschließen und nötigenfalls zu streiken, um gemeinsam bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Das war die sog. Koalitionsfreiheit.
38Die Gewerbefreiheit löste vor allem die handwerklich-kleingewerbliche Produktion aus Beschränkungen, die deren Modernisierung und Wachstum erschwert hatten. Der großen Industrie nützte sie wenig, weil die große Industrie von derlei Beschränkungen kaum betroffen gewesen war. Der nützte etwas anderes sehr viel mehr, ein neues Aktiengesetz nämlich, das es fortan ermöglichte, ohne staatliche Genehmigung, ohne staatliche Auflagen und ohne staatliche Kontrollen Aktiengesellschaften ins Leben zu rufen und zu betreiben.
39Die Unternehmensform der Aktiengesellschaft (société anonyme) hat den Vorteil, daß in ihr viele relativ kleine Ersparnisse für unternehmerische Zwecke mobilisiert werden können, ohne daß der Geldgeber selbst Unternehmer sein muß. Außerdem beschränkt sich das Risiko des Verlusts auf das eingelegte Kapital und erstreckt sich nicht wie in Einzelunternehmen auch auf das Privatvermögen. Durch beides wurde das Geldkapital-Reservoir, aus dem die großen Industrieunternehmen, Eisenbahngesellschaften und Banken schöpfen konnten, beträchtlich erweitert und die Häufung großer leistungsfähiger Unternehmungen zum Vorteil der industriellen Entwicklung überhaupt erst ermöglicht.
3. Gründerboom und Gründerkrach
40Letzteres gilt auf längere Sicht. Kurzfristig machten sich hingegen zunächst einmal die Gefahren und Schattenseiten des Aktienwesens nachdrücklich geltend. Und das leitet ebenso interesseheischend wie gefällig zum zweiten Teil des zweiten Punktes über. Der lautet, daß die deutsche Wirtschaft im Zuge der Reichsgründung Impulse erhielt, die sie mittelfristig aus dem Gleichgewicht brachte und in schwere Turbulenzen stürzte. Wobei ungewiß ist, ob diese Impulse hauptsächlich von der Reichsgründung oder vorrangig von den zwei gewonnenen Kriegen ausgingen. Da dies im Hinblick auf die Wirkungen aber auch ziemlich unerheblich ist, brauchen wir uns dabei nicht länger aufzuhalten.
41Die deutsche Wirtschaft erlebte jedenfalls seit 1867 einen kräftigen Aufschwung, der nach dem Sieg über Frankreich und der Reichsgründung in einen veritablen Boom überging. Der Boom äußerte sich in exceptionellen Wachstumsraten und in einer nie zuvor und auch später kaum je wieder erlebten Welle von Unternehmensgründungen, namentlich Gründungen von Eisenbahngesellschaften, Banken und Schwerindustrieunternehmen. Der Boom und das Gründungsfieber wurden genährt vom schnellen Zustrom der 5 Milliarden Goldfrancs, die Frankreich Neudeutschland dafür bezahlen mußte, daß es den Krieg verloren hatte. Und sie wurden begünstigt vom neuen Aktienrecht. Denn Unternehmensgründung, das hieß Gründung von Aktiengesellschaften. Von 1870 bis 1872 wurde ebensoviel Geld in neuen Aktien angelegt, wie in den zwanzig Jahren vorher, in denen sich immerhin Deutschlands take off in die Industrialisierung vollzogen hatte. Dabei entstand manches Gutbegründete und Dauerhafte, die drei heute größten deutschen Banken z.B., aber auch viel Windig-Vergängliches. Sehr schnell trat das Solide hinter das Spekulative zurück.
42Der Dichter Wilhelm Raabe hat das ein wenig altväterlich, dabei aber sehr anschaulich gekennzeichnet :
Die Wunden der Helden waren noch nicht verharscht, die Tränen der Kinder und Mütter noch nicht getrocknet, die Gräber der Gefallenen noch nicht übergrünt : aber in Deutschland ging's schon recht wunderlich her. Wie nach einer großen Feuersbrunst in der Gosse ein Sirupfaß platzt, so war im deutschen Volke der Geldsack aufgegangen, und die Taler rollten auch in den Gossen und nur zu viele Hände griffen danach. "
43Soweit der Dichter. Der Historiker Heinrich Treitschke, dem zum Dichter freilich auch nicht viel fehlte, hat es kurzfaßlicher ausgedrückt und anders akzentuiert : “Während der Gründerepoche schien es freilich,” so schrieb er, “als ob die menschliche Dummheit sich ins Unermeßliche erweitert hätte.”
44Drei Jahre ging das so. Dann kamen Krach und Krise. Mit Krach ist der Zusammenbruch der Spekulation an der Börse gemeint, mit Krise die Wende vom dynamischen Wachstum der volkswirtschaftlichen Produktion zu deren Rückgang. Was beides auslöste und wie eines mit dem anderen zusammenhing, das ist nicht vollends geklärt und ist für das, was uns hier interessiert, auch nicht sehr wichtig. Häufig ist zu lesen, daß der Krach die irgendwann fällige Konsequenz der spekulativen Übersteigerungen war und seinerseits die Krise auslöste. Das grenzt im ersten Teil an Tautologie und verkürzt die Zusammenhänge im zweiten Teil so sehr, daß man es getrost falsch nennen kann. Börsenkräche lösen Krisen nicht aus, sie indizieren und akzentuieren Krisen allenfalls.
45Doch wie auch immer : Krach und Krise standen am Anfang einer sechsjährigen Phase voll bedrängender und bedrückender wirtschaftlicher Probleme, die die Konsolidierung des deutschen Nationalstaats belasteten, verzögerten und nachhaltig beeinflußten. Diese Probleme bestanden im Wesentlichen in Dreierlei :
46Erstens in mittelfristiger Stagnation der volkswirtschaftlichen Produktion bis 1880, in die freilich beträchtliche zeitliche Unstetigkeiten und sektorale Unterschiede eingelagert waren.
47Die Produktion schwankte insgesamt von Jahr zu Jahr, ohne über die Jahre hinweg zu wachsen und sie nahm in einigen Sektoren dauerhaft zu, während sie dafür in anderen kräftig zurückging. Das schaffte einerseits Unruhe und Unsicherheit und rief andererseits höchst unterschiedliche Ansichten der wirtschaftlichen Lage und voneinander abweichende Interessen hervor.
48Das zweite Problem war ein anhaltender Preisverfall, der die Kalkulierbarkeit unternehmerischer Tätigkeit erschwerte, die Beziehungen zwischen Kosten und Erlösen durcheinanderbrachte, Verluste hervorrief und auf diese Weise wiederholt unternehmerische Erwartungen enttäuschte.
49Das dritte Problem schließlich bestand in stetig zunehmender Arbeitslosigkeit. Die Unternehmer waren unter dem Druck des Absatzmangels und der Preisrückgänge bemüht, durch Rationalisierung und Produktivitätssteigerungen die Kosten zu senken. Ihre Bemühungen waren weithin erfolgreich. Das verbesserte ihre Ertragslage, ohne daß diese stabil und zufriedenstellend wurde, machte aber zugleich Arbeitskräfte überfüssig.
50Es waren nun gar nicht so sehr diese Probleme selbst, wie vielmehr deren sozialpsychologischen, organisatorischen und politischen Konsequenzen, die tiefe und dauerhafte Spuren in der politisch-sozialen Ordnung des deutschen Kaiserreichs hinterließen. Und damit sind wir beim dritten und letzten Punkt.
4. “Konservative Neugründung” auf der Grundlage wirtschaftlicher und finanzpolitischer Interessen ?
51Die Ursachen- und Wirkungszusammenhänge der Krise wurden nur unvollkommen durchschaut. Und soweit sie durchschaut wurden, waren die Ursachen für die Betroffenen wenig schmeichelhaft. Es lag nahe, vor ihrer Einsicht auszuweichen oder sie zu camouflieren und anstelle des Bekenntnisses zu eigenen Verfehlungen Sündenböcke namhaft zu machen. Dafür mußten der Liberalismus und die Juden herhalten ; der Liberalismus als jene Richtung des politisch-ökonomischen Denkens und Strebens, die die innere Reichsgründung stark, für viele unliebsam stark beeinflußt hatte und die Juden – so hieß es bald in bösartig-widerwärtigen Wendungen – als Repräsentanten sowohl jenes politisch-ökonomischen Liberalismus wie dazu noch eines gewissenlosen Spekulantentums.
52So bewirkte die Wirtschaftskrise eine weitreichende und tiefgehende Diskreditierung des Liberalismus in Deutschland und sie rief den modernen Antisemitismus hervor. Beides war schlimm, soll uns aber hier nicht weiter beschäftigen.
53Wir wenden uns vielmehr den wirtschaftspolitischen Folgerungen zu, die aus den Krisenerscheinungen gezogen wurden. Das wirtschaftspolitische Repertoire jener Zeit war ähnlich beschränkt wie das Verständnis ökonomischer Krisenursachen. Den liberalen Ökonomen und Staatsbeamten fiel außer Trost und Zukunftshoffnungen gewöhnlich gar nichts, den interessierten Unternehmern hingegen rasch die Zollpolitik als Hilfs- und Heilmittel ein. Und diesmal fiel sie ihnen umso schneller ein, als das Reich die freihändlerische Politik des Zollvereins geerbt hatte und Zölle die Zufuhr von Gütern nach Deutschland kaum mehr behinderten. Deshalb, so ging die Klage, werde Deutschland mit fremden Waren überschwemmt, die deutschen Erzeugnissen mit betont niedrigen Preisen, sog. Dumpingpreisen, Konkurrenz und erfolgreich den Absatz streitig machten. Die Klage tönte vor allem aus den Mündern der rheinisch-westfälischen Eisen- und Stahlindustriellen und der süddeutschen Textilfabrikanten. Die litten nun in der Tat unter Absatzmangel und waren deshalb von der Krise am schwersten betroffen. Aber das lag weniger an unzureichendem Zollschutz, als vielmehr daran, daß sie im Aufschwung ihre Produktionskapazitäten ziemlich bedenkenlos über das hinaus ausgedehnt hatten, was der Markt aufnehmen konnte. Im Falle der süddeutschen Textilindustrie lag es außerdem noch an überlegener Konkurrenzfähigkeit der Spinner und Weber im jüngst okkupierten Elsaß. Nur konnte das ein patriotischer deutscher Unternehmer natürlich nicht offen und laut beklagen.
54So beklagten sie denn die Schleuderkonkurrenz von außen und forderten dagegen Schutzzölle, die den deutschen Markt für deutsche Erzeugnisse reservierten und es den deutschen Produzenten überdies ermöglichten, ihrerseits mit niedrigen Preisen weiter auf die Auslandsmärkte vorzudringen. Und damit niemand auf die naheliegende Idee käme, daß sie dies in ihrem eigenen unternehmerischen Interesse forderten, erfanden sie ein anheimelndes und überzeugungskräftiges Schlagwort dafür : Der Zoll sei nötig zum “Schutz der nationalen Arbeit”.
55Das klang gut. Wichtiger für den Erfolg der bald sehr lebhaften Agitation für den Schutzzoll war freilich, daß sich die Unternehmer zu diesem Zweck zu Verbänden zusammenschlossen ; zunächst zu regional und sektoral begrenzten Verbänden, schließlich – im Jahre 1876 – zum allumfassenden Centralverband deutscher Industrieller.
56Derlei wirtschaftliche Interessenverbände waren etwas grundsätzlich Neues. Verbandliche Zusammenschlüsse von Unternehmen hatte es zwar auch vorher schon gegeben. Die Tätigkeit solcher Verbände hatte sich aber immer nur auf die innere Verfassung der verbandlich geeinten Betriebe und ihrer Organisation gerichtet. Die modernen Interessenverbände hingegen wollten über sich hinauswirken, dabei die Öffentlichkeit, die Presse, die Parteien für ihre Belange einnehmen, insbesondere aber Regierung und Parlament zu Maßnahmen und Entscheidungen veranlassen, die ihren Mitgliedern nützten. Das haben sie erstmals bei der Schutzzollkampagne in den siebziger Jahren und seitdem in unterschiedlicher Absicht und mit unterschiedlichem Ergebnis immer wieder getan.
57Es ist schwer zu sagen, wie sehr und in welcher Weise der politische Prozeß im Kaiserreich davon beeinflußt, manche sagen : deformiert wurde. Vor Überschätzungen sollte man sich hüten, aber unbeachtlich war es gewiß auch nicht.
58Im Falle der Schutzzollkampagne wären die Einflußversuche sicher weniger erfolgreich gewesen, wenn ihnen nicht zwei bedeutsame Umstände zur Hilfe gekommen wären. Einer dieser Umstände waren bemerkenswerte Veränderungen auf dem internationalen Getreidemarkt, der andere die prekäre Haushaltslage des Reiches.
59Bis in die frühen siebziger Jahre setzten die deutschen Landwirte, setzten namentlich die ostdeutschen Gutswirtschaften in beträchtlichem Umfang Getreide in England und Skandinavien ab. Deshalb waren die politisch konservativen Gutsbesitzer aus ökonomischem Interesse Freihändler gewesen. Das ging solange gut, wie russisches und amerikanisches Getreide, das viel billiger produziert wurde als deutsches Getreide, durch hohe Transportkosten vom englischen, skandinavischen und übrigens auch vom westdeutschen Markt ferngehalten wurde. Die Verdichtung des Eisenbahnnetzes und die Dampfschiffahrt senkten die Transportkosten aber allmählich so sehr, daß sie die Produktionskostenunterschiede seit etwa 1875 nicht mehr ausglichen. Von da an konnte russisches und amerikanisches Getreide in England und Skandinavien billiger angeboten werden als deutsches und verdrängte das deutsche Getreide von diesen Märkten. Und mehr noch, es wurde auch in den westdeutschen Industriegebieten zum ernsthaften Konkurrenten ostdeutschen Getreides. Die Verdrängung und die Gefahr machten die Landwirte dem Freihandel abtrünnig und an der Seite der Industriellen zu Schutzzollinteressenten.
60Das lenkte Bismarcks anfangs diffuse Bestrebungen, die Finanzen des Reiches auf festere Grundlagen zu stellen, in eine bestimmte Richtung. Das Reich war bei der Aufteilung der Steuern und sonstigen Abgaben schlecht weggekommen. Die ergiebigen Steuerquellen waren bei den Ländern verblieben, das Reich erhielt ein paar Verbrauchssteuern und dazu die Zölle. Wenn es damit nicht auskam – und es kam nur wenige Jahre damit aus –, mußte es die Länder um Zuschüsse, sog. Matrikularumlagen, bitten. Die Länder konnten die Zuschüsse nicht verweigern, aber Bismarck empfand es natürlich als höchst lästig und unwürdig, Kostgänger bei den Ländern zu sein.
Jedes Jahr muß ich die Rolle des Bettlers spielen, empörte er sich. Ich muß Braunschweig und Mecklenburg um Gaben bitten : Ist das zu ertragen, Repräsentanten dieser kleinen Länder zur Zielscheibe ihres Spotts zu dienen ?
61Um das zu ändern, hatte er sich zunächst vorgenommen, sämtliche deutsche Eisenbahnen in den Besitz des Reiches zu bringen. Denn die Bahn war damals eine ertragreiche Angelegenheit. Das war wegen des Widerstandes der Länder mißlungen. Dann wollte er die Produktion, die Verarbeitung und den Absatz von Tabak zu einem Monopol des Reiches machen. Dafür fand er keine Mehrheit im Reichstag. Schließlich begann er unter dem Eindruck der industriellen Agitation vom Schutzzoll zu reden. Es blieb freilich beim Reden, solange sich die Agrarier noch zum Freihandel bekannten. Als sie sich davon abwendeten, machte sich Bismarck die Schutzollinteressen für seine Zwecke zueigen. Die wirtschaftlichen Wirkungen des Zolls blieben ihm dabei ziemlich gleichgültig. Die Einführung von Zöllen sollte ihm vor allem als Hebel für eine große Finanzreform zugunsten des Reiches dienen.
Wir müssen den Schutzzöllnern einen Schnaps geben, sagte er, dann sind sie unsere sichersten Verbündeten bei der Steuerreform.
62Machen wir das Ende kurz : 1878 nützte Bismarck zwei Attentate auf den Kaiser dazu, den Reichstag aufzulösen und neu wählen zu lassen. Das Ergebnis eines häßlichen Wahlkampfes, in dem sich nach einem Wort Ludwig Bambergers “Bismarcks Herrschsucht mit der Selbstsucht aller gemeinen Triebe” verbunden habe, war eine schutzzöllnerische Reichstagsmehrheit quer durch die Parteien. Diese Mehrheit akzeptierte ein Jahr später ein Steuer- und Zollgesetz, das sachlich von relativ geringer, als Ausdruck der politischen Befindlichkeit des deutschen Reiches hingegen von erheblicher Bedeutung war.
63Die industriellen Schutzzollinteressenten bekamen ihren Schnaps, brauchten ihn um diese Zeit zur Auffrischung ihrer Lebensgeister aber gar nicht mehr, wenn sie ihn denn je gebraucht hätten. Die Agrarzölle änderten nichts an der tieferliegenden Konkurrenzschwäche des ostdeutschen Getreidebaus und vorerst wenig an den Ertragseinbußen der Gutsherren. Und Bismarck stand nachgerade als der Dupierte da, weil ihn die fameuse Lex Frankenstein um den Preis seiner Anstrengungen brachte. Das Reich blieb Kostgänger bei den Ländern.
64Andererseits zerbrach – Bismarcks Absichten und Erwartungen gemäß – die Nationalliberale Partei an der Abstimmung über das Gesetz und bestätigte dadurch in gewisser Weise die vorhergehende Diskreditierung des liberalen Gedankens. Der Liberalismus schied als politisch ideologische Tragkraft des Reiches aus und die Reichspolitik wurde zwar weniger als enragierte Historiker später behauptet haben und doch mehr als den ideellen und praktischen Verfechtern des Nationalstaatsgedankens lieb sein konnte, zu einer Vermittlungsinstanz ökonomisch-sozialer Ansprüche und Interessen.
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Auteur
-
Volker Hentschel
Professor an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
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Médiations ou le métier de germaniste
Hommage à Pierre Bertaux
Gilbert Krebs, Hansgerd Schulte et Gerald Stieg (dir.)
1977
Tendenzen der deutschen Gegenwartssprache
Hans Jürgen Heringer, Gunhild Samson, Michel Kaufmann et al. (dir.)
1994
Volk, Reich und Nation 1806-1918
Texte zur Einheit Deutschlands in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft
Gilbert Krebs et Bernard Poloni (dir.)
1994
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Présences françaises à Berlin au temps de la République de Weimar
Gilbert Krebs et Hans Manfred Bock (dir.)
2005
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Une langue européenne à découvrir : le néerlandais
Laurent Philippe Réguer
2004
France-Allemagne. Les défis de l'euro. Des politiques économiques entre traditions nationales et intégration
Bernd Zielinski et Michel Kauffmann (dir.)
2002
