Sprache vor und nach der „Wende“
„Gewendete“ Texte – „gewendete“ Textsorten
p. 114-128
Texte intégral
1. Kommunikation in der DDR
1Denkt man an die sich verändernde, sich „wendende“ Kommunikation in den neuen deutschen Bundesländern, so hat man wohl vor allem die politische Sprache im Blick. Außenstehende, an demokratische Prinzipien Gewöhnte, müssen sich erst bewußt machen, daß für autoritäre Staatsgebilde, wie die DDR eines war, die gesamte institutionelle Kommunikation politische Kommunikation war; denn das öffentliche Handeln insgesamt, jede Art institutionellen, kommunikativen Handelns war politisiert. Politisiert in dem Sinne, daß Werte, Themen und auch partiell der Sprachgebrauch der SED vorgegeben waren. Nicht nur die im engeren Sinne tatsächlich politischen Institutionen wie z.B. Außen-und Innenpolitik, Parteipresse, auch die Kunst, die Wissenschaften, das Bildungswesen, die Lokalpresse und andere Institutionen sollten zu politischen Instrumenten und Sprachrohren der SED gemacht werden. Das gelang im Fall von Bildung und Presse z.B. vollkommen, im Fall von Wissenschaft und Kunst zum mehr oder weniger großen Teil.
2Nun darf man aber nicht übersehen, daß auch nichtoffizielle Bereiche des Lebens sprachlich von der Wirklichkeit des autoritären Staates geprägt waren, so z.B. Familienfeiern mit ihren Ritualen wie sozialistische Namensgebung, Jugendweihe, sozialistische Eheschließung u.a. (Fix 1992), so auch Alltagsgespräche. Politisierte Sprache gebrauchte man z.B., wenn im privaten Kreis über das Arbeits- und Schulleben gesprochen wurde. Erscheinungen des Arbeits- und Schulalltags mußten mit den einmal vorhandenen Bezeichnungen fachlichen Charakters wie Kollektiv, Wettbewerb, Plan, Parteiversammlung, Pionierversammlung, FDJ-Sekretär, Unterrichtstag in der sozialistischen Produktion benannt werden, wollte man sich verständigen. Selbst in Alltagsgespräche, die sich nicht auf Institutionen wie Arbeit oder Schule bezogen, drang spezifischer Wortschatz ein, den man zwar nicht politisiert nennen kann, den man aber als DDR-typisch zu bezeichnen hat und der Sprecher aus den neuen Bundesländern sicher am längsten von Sprechern aus den alten Ländern unterscheiden wird. Durch seine Unauffälligkeit wird er sich noch lange halten: z.B. orientieren auf etwas, einschätzen, diskutieren ein Problem, signalisieren ein Problem, realisieren ein Vorhaben, auswerten Ergebnisse, etwas optimal tun, Fakt ist, Elternteil, Leiter, Leitung, wir (DDR-Bürger), unsere Menschen (DDR-Bürger).
3Für die Textanalyse, die ich vorstellen will, habe ich zwei Textsorten gewählt, die während der Wende ihren institutionellen Charakter verloren bzw. gemildert haben: Losungen und Schülerbeurteilungen, so daß sowohl das Typische institutioneller Texte deutlich wird als auch die charakteristische Tendenz zur Individualisierung von Texten im Verlauf der „Wende“.
4Ob man, wie es das Thema verspricht, „gewendete“ Begriffe oder „gewendete“ Texte untersucht, immer hat man es mit einer Grundfrage zu tun, die weit oberhalb der Wort- oder Textebene ansetzt. Mit der Frage nach den kommunikativen Bedingungen nämlich, unter denen die Kommunikationsteilnehmer zu handeln hatten. Ehe man Begriffe oder Texte untersucht, ist zu prüfen, inwieweit sich Mitglieder einer Kommunikationsgemeinschaft als Individuen fühlen durften und konnten, also über Möglichkeiten der Selbst- und Mitbestimmung verfügten, und inwieweit sie überhaupt die Möglichkeit hatten, sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen. Wieweit stand dem Sprachteilnehmer Sprache als Reservoir menschlicher und staatsbürgerlicher Entwicklung zur Verfügung? Wie wurde z.B. in der Schule das Reden und Argumentieren geübt? Wie frei war der Kommunikationsteilnehmer in der Wahl der Themen und Mittel? Gab es überhaupt einen öffentlichen Diskurs gleichberechtigter Mitglieder der Gesellschaft, um gemeinsam Probleme zu lösen (Habermas 1984, Apel 1989), also eine Annäherung an eine ideale Kommunikationsgemeinschaft im Sinne der Diskursethik, einen Diskurs, den das verlautbarte Selbstverständnis der angestrebten oder gar schon als erreicht proklamierten sozialistischen Gesellschaft eigentlich verlangt hätte. Ich stelle voran, daß es diesen freien Diskurs nicht gegeben hat. An seiner Stelle standen regulative und integrierende Texte (Grünert 1984), die der Indoktrination bzw. der Systembestätigung dienten.
5Neben der Freiheit des Handelns müssen andere Faktoren berücksichtigt werden, wenn man den Charakter von institutioneller Kommunikation in der DDR vollständig erfassen will. So ist nach der Kommunikationssituation im öffentlichen Sprachgebrauch zu fragen, die in der Regel, so lautet die Antwort, von einem autoritären asymmetrischen Adressatenverhältnis bestimmt war. Weiter ist es von Belang zu wissen, nach welchen Maximen die Kommunikationsteilnehmer gehandelt haben. Es galten wohl vor allem zwei Maximen:
6Kooperativität/Offenheit innerhalb von Eliten war die eine:
Unter uns können wir ja einmal ganz offen sprechen. – In diesem Kreis nennen wir die Dinge einmal beim Namen.
7Die andere hieß: Dem Dritten, dem „Klassenfeind“ darf kein Einblick gewährt werden. Lügen, Beschönigen, Verschleiern sind daher erlaubt. Statt:
Mit unserer Umwelt sieht es schlimm aus.
8mußte es heißen:
Mit der Erhaltung unserer Umwelt muß es weiter vorangehen.
9Die Intentionen, die mit öffentlicher Kommunikation verfolgt wurden, waren die schon genannten: Regulieren und Integrieren.
10Eine der Fragen, die man stellen sollte, wenn man Kommunikationswirklichkeit erfassen will, wird in diesem Beitrag in den Mittelpunkt gestellt. Ich will nach den Textsorten fragen, die dem Sprachteilnehmer zur Verfügung standen, und deren Veränderungen betrachten. Dieser Ansatz bietet sich deshalb an, weil sich in Textmustern alle Bedingungen der Kommunikation in spezifischer Weise wiederfinden. Man muß, wenn man Textmuster untersucht, darauf achten, wie verbindlich sie waren, ob man mit ihnen frei, d.h. kreativ umgehen konnte. Losungen z.B. waren vor der „Wende“ vom Zentralkomittee oder anderen politischen Institutionen vorgegebene Texte. Während und nach der „Wende“ wurden sie frei gebildet, abgewandelt bzw. in freier Entscheidung verwendet.
11Weiter ist zu untersuchen, welche Kommunikationssituation ein Textmuster widerspiegelt. Losungen entsprechen vor der „Wende“ einer asymmetrischen autoritären Situation, eben durch ihre Verordnetheit. Während und nach der „Wende“ sind sie Ausdruck einer Kommunikationssituation, in der Widerspruch geübt werden darf. Das bedeutet auch, daß die Sprachspiele wechseln, vom regulativen des Anordnens zum instrumentalen, dem Widersprechen. Auch die geltenden Maximen finden sich in Textmustern geronnen wieder: Losungen vor der „Wende“ folgen der Maxime des Beschönigens, während und nach der „Wende“ wohl eher der Qualitätsmaxime: Sage, was du für wahr hältst. In Textmustern ist auch fixiert, welche sprachlichen Mittel typisch für die Textsorte sind. Darauf, wie sich die Mittel von Losungen verändert haben – vom Formelhaften zum Kreativen – gehe ich später ein.
12An den Veränderungen von Textsorten und ihrer Muster läßt sich Sprachwandel, gerade auch politisch verursachter, sehr genau erfassen. Dies will ich im folgenden erst allgemein und dann am Beispiel der Losungstexte zu zeigen versuchen.
2. Textsortenwandel während und nach der „Wende“
13Wir können bei der Betrachtung des vollzogenen und sich noch vollziehenden Wandels drei Prozesse erkennen:
Alte Textsorten fallen weg.
Neue Textsorten treten hinzu.
Alte Textsorten verändern sich.
2.1. Verschwundene Textsorten
14Ersatzlos verschwunden sind in einem sehr raschen Adaptionsprozeß (Katz/ Levin/Hamilton 1972) Textsorten, die für die DDR typisch waren und die man in offenen Gesellschaften nicht findet, weil man sie da nicht braucht. Solche Textsorten z.B. sind Aktionsprogramm, Aufruf, Entschließung, Resolution, Begrüßungsadresse, Argumentationshilfe, Kampfprogramm, Wettbewerbsprogramm, Wettbewerbsvertrag, Arbeitsplan, Dorfwirtschaftsplan, Bericht, Auswertung, Verpflichtung.
15Auf diese Texte soll nur insofern eingegangen werden, als ihr institutioneller, regulativer, integrativer und formelhafter Charakter zu betonen ist, ein Charakter, der sich bei der Lektüre der Beispiele schnell erschließt. Alle diese Texte, von wem sie auch geschrieben wurden, dienten dem, was die SED in ihrem Sprachgebrauch die „Mobilisierung der Massen“ und die „operative Funktion“ von Verlautbarungen genannt hat. Sie sollten die Menschen nicht nur in ihren Werten und Meinungen beeinflussen, sondern sie auch zu bestimmten Handlungen direkt aufrufen. Schon die Textsortennamen Programm, Aufruf, Verpflichtung machen das deutlich. Daß die Formelhaftigkeit dieser Texte auch eine rituelle Funktion hatte, sei nur am Rande erwähnt.
2.2. Neue Textsorten
16So wie Textsorten wegfallen, weil sie in der neuen Realität nicht mehr gebraucht werden, treten neue auf, weil es einen Bedarf für sie gibt. An dieser Stelle wird das Einmalige des Kommunikationswandels, wie er sich in den neuen deutschen Bundesländern vollzieht, besonders deutlich. Es entwickelt sich ja nicht, wie üblicherweise bei Sprachwandel, innerhalb einer Kommunikationsgemeinschaft aus dem Vorhandenen etwas Neues, sondern das innerhalb der Kommunikationsgemeinschaft gültig Gewesene fällt – zum Teil ersatzlos – weg, und die Lücke wird durch Übernahmen aus dem Sprachgebrauch einer bisher anderen Kommunikationsgemeinschaft derselben Sprache geschlossen: Adaption findet statt anstelle der zumindest von den DDR-Führern gewollten sprachlichen Konfrontation oder einer während der „Wende“ angestrebten eigenständigen Entwicklung, die freilich ohnehin illusionär war. Eine solche Adaption findet auch auf dem Feld der Texte statt. Ich nenne einige Beispiele für neue Textsorten, die die Vielfalt der betroffenen Lebensbereiche andeuten: Steuertip, Werbebrief, ein neuer Typ von Kontaktanzeigen, Projektanträge, Vertragstexte, Texte von Boulevardzeitungen, Steuererklärungen.
17Diese wenigen Beispiele zeigen deutlich, daß sich nicht die Sprache allein, die Texte für sich verändert haben, sondern daß deren Wandel eine Reaktion auf die Veränderung von Wirklichkeit ist. Mit den neuen Textsorten, mit ihren Intentionen wie RATEN, WERBEN, ÜBERREDEN, KONTAKT HERSTELLEN u.a. werden auch Muster sprachlicher Art übernommen, d.h. Formelhaftigkeit können wir auch in den neuen Texten finden, allerdings wohl nie in doktrinärer autoritativer Ausprägung.
2.3. Veränderte Textsorten
18Statt mit Adaption haben wir es hier mit Durchdringung/Diffusion (Katz/ Levin/ Hamilton 1972) zu tun. Gemeint ist mit Diffusion in der Ethnologie, daß eine Sozialstruktur mit einem bestimmten Werte- und Verhaltenssystem Elemente einer anderen Sozialstruktur übernimmt und in ihre bereits vorhandenen Strukturen einbettet.
19In unserem Fall sind es Varietäten, Register, Textmuster einer Sprache, die nicht Fremdsprache, aber auch nicht Muttersprache ist, des Deutschen der alten Bundesländer also. Ihre Muster durchdringen die schon vorhandenen Strukturen des DDR-Deutschen, wandeln sie ab, ohne sie ganz aufzulösen.
20Ich will das an zwei Beispielen erläutern, an der Textsorte ‘Schülerbeurteilungen’ und an der Textsorte ‘Losungen’.
2.3.1 Das erste Beispiel: die Textsorte ‘Schülerbeurteilung’
21Die Textsortenklasse ‘Beurteilungstexte’ umfaßte im Sprachgebrauch der DDR eine große Zahl von Textsorten. Allein in der Schule konnte man folgende Arten von Beurteilungen für Schüler – Lehrer wurden auch beurteilt – finden: Abschlußbeurteilungen am Ende eines jeden Schuljahres, Abschlußbeurteilungen am Ende der Schulzeit, Entwicklungsbeurteilungen für Problemsituationen, Eignungsbeurteilung bzw. Delegierungsbeurteilung zur Vorlage bei der Studienbewerbung. Ein im Arbeitsprozeß stehender Mensch wurde z.B. beurteilt bei Gehaltserhöhung, Stellenwechsel, möglicher Beförderung, für die Gewährung einer Prämie oder eines Kuraufenthaltes, wenn er eine Reise ins westliche Ausland beantragt hatte. Die SED beurteilte ihre Mitglieder. Ebenso tat es das MfS. Aus der Fülle sehr spezialisierter Beurteilungstexte fallen zunächst nach der „Wende“ viele weg, weil die Institutionen, die sie veranlaßt haben, nicht mehr existierten. So die SED- und MfS-Beurteilungen. Innerhalb der weiter vorhandenen Institutionen verändern sich die Textsorten. An Universitäten werden über Studenten keine didaktischen Beurteilungen mehr geschrieben (vgl. Text 1), sondern fachbezogene Gutachten hergestellt. In den Schulen entdeckt man nun einen neuen Typ von Schülerbeurteilungen (Text 3), der mehr Individualität zuläßt (vgl. dagegen Text 2, eine traditionelle Beurteilung). Den traditionellen und den neuen Typ möchte ich nun vergleichen. Die Proposition der neuen Beurteilungstexte besteht wie die der früheren auch darin, daß auf eine Person und deren Verhalten in einem bestimmten Werte- und Verhaltenssystem referiert wird. Die Grundfunktion des Beurteilens bleibt erhalten, in beiden Typen vollzogen als ERMUTIGEN durch BESTÄTIGEN und LOBEN und als REGULIEREN durch KRITISIEREN und FORDERN. Dennoch wirken die Texte unterschiedlich. Das läßt sich vor allem an den unterschiedlichen Adressatenbeziehungen erklären, die an der sprachlichen Formulierung abzulesen sind. Drei Beobachtungen sind es im wesentlichen, die die Erklärung für die verschiedene Wirkung der Texte liefern.
221. Der Beurteilende drückt eine persönliche bzw. unpersönliche Beziehung zum Beurteilten aus. Im Text (2) wird über das beurteilte Kind gesprochen (3. Person).
Kathrin ist eine aufgeschlossene ... Schülerin.
Kathrin hat Kenntnisse erworben ...
23An mehreren Stellen wird die Unpersönlichkeit der 3. Person durch andere Mittel des unpersönlichen Ausdrucks noch gesteigert, z.B. durch Substantivierungen, mit deren Hilfe das handelnde Subjekt aus dem Satz verschwindet:
Kathrins Leistungen basieren auf einer gut entwickelten Lern- und Merkfähigkeit.
(Kathrin kann gut lernen und hat ein gutes Gedächtnis.)
Hinzu kommt ihr Fleiß ...
(Kathrin ist fleißig ...)
Eine kontinuierliche Arbeitsweise wäre ratsam ...
(Kathrin sollte kontinuierlicher arbeiten ...)
24In Text (3) wird das beurteilte Kind direkt angesprochen (2. Person). Der Text scheint äußerlich einer anderen Textsorte, der Textsorte ‘Persönlicher Brief’ anzugehören, die als eine besonders adressatenbezogene, persönlich gehaltene Textsorte gilt. Wir finden die typische Eingangsformel persönlicher Briefe: Lieber Florian.
Du bist dabei stets freundlich, fair, verständnisvoll ...
Du hast auch gern mal Deine Ruhe ...
Das kannst Du doch ändern, Florian (direkte Anrede im Text).
252. Der Beurteilende nimmt sich persönlich aus dem Text heraus bzw. bringt sich und die Gemeinschaft in den Text ein.
26In Text (2) verweist die beurteilende Person in keinem Fall auf sich selbst, auf ihre Überlegungen, Fragen, Gefühle. Es ist, als sollte der Eindruck absoluter Objektivität und Autorität erweckt werden.
27In Text (3) gibt es viele Stellen, an denen die beurteilende Person, indem sie die anderen Kinder einbezieht, auf persönliche Überlegungen, Fragen und Gefühle verweist.
Wir alle hören Dir gern zu.
Wie oft haben wir schon gestaunt, wenn Du ... eine Lösung gefunden hast.
28Ein Gefühl von Gemeinsamkeit wird vermittelt.
293. Der Ausdruck von KRITISIEREN und ERMUTIGEN wird in beiden Texten unterschiedlich vollzogen.
30In Text (2) wird jede positive Feststellung sofort durch eine negative relativiert, ohne daß – eventuell durch eine positive Schlußbemerkung – eine ermutigende Grundstimmung entsteht.
Kathrin ist eine aufgeschlossene ... Schülerin
31Entgegensetzung: Daher ist es oft schwierig, sie auf Fehler aufmerksam zu machen.
Hinzu kommt ihr Fleiß ...
32Entgegensetzung: der allerdings weniger interessegebunden sein sollte.
Kathrin hat ... Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten erworben ...
Entgegensetzung: die sie künftig noch mehr im Unterricht einsetzen könnte!
33In Text (3) finden wir ebenfalls ein Nebeneinander von KRITISIEREN und LOBEN. Nur hat es hier eine andere, positive Wirkung. Daran mag das oben beschriebene Persönliche des Stils seinen Anteil haben. Das Wichtigste ist aber wohl die Formulierungsweise der im Text reichlich vertretenen Aufforderungen. Obwohl hinter ihnen Kritik steht, wirken sie anspornend, u.a. durch die bestätigende Partikel doch, durch den Konditionalsatz mit günstiger Folge und das bestätigende Adverb ruhig.
Versuche das doch mal!
Das kannst Du doch ändern, Florian.
Wenn Du nun noch die Lesekartei nutzt, wird es immer besser gehen.
... da solltest Du Dir ruhig ein bißchen mehr zutrauen.
34Die Spezifizierung der Bewertungen, ihr Bezug auf reale Situationen und Personen, hat sicher auch Anteil an der ermutigenden Wirkung des Textes:
Das ist in Ordnung, wenn ...
Liegt es jedoch daran, daß ..., ist es ärgerlich.
... daß wir Dir alle gern zuhören.
Das ist viel besser geworden ...
Umso lobenswerter ist es, ...
Wie oft haben wir schon gestaunt, ...
35Im Gegensatz zu Text (2), der sich um strenge Objektivität bemüht, wird hier der nachträgliche Versuch unternommen, alle Beteiligten in die Äußerung einzubeziehen, den Text persönlich zu machen.
36Dieser neue Typ von Beurteilungstexten, aus den alten in die neuen Bundesländer übernommen, wäre in der DDR nicht möglich gewesen. Der Lehrer hatte nur eine sehr beschränkte Freiheit im Umgang mit solchen Texten. Das Adressatenverhältnis hatte in einem autoritär orientierten Bildungssystem asymmetrisch zu sein. Die Texte dienten dem regulativen Sprachspiel, sollten Verhältnisse „von oben“ her ordnen. So folgten sie einem genau festgelegten und verinnerlichten Muster. Daß es eine umfangreiche didaktisch-psychologische Literatur zu Beurteilungen in der „sozialistischen Schule“ gab, mag als Nachweis für die Festgelegtheit der Muster dienen.
37Der neue Texttyp basiert auf der Freiheit, von Mustern auch abweichen zu dürfen. Symmetrische Adressatenbeziehungen sollen hergestellt werden. Und die Kommunikationsmaxime: „Schone die Selbstachtung deines Partners“ wird berücksichtigt. Ein integrierendes Sprachspiel wird angestrebt: Der Angesprochene soll sich in einer Gruppe einbeziehen lassen. Dies alles ist Ausdruck veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse.
382.3.2 Das zweite Beispiel: die Textsorte ‘Losungen’
39Die Textsorte ‘Losungen’ geht während der „Wende“ über in die Textsorte ‘Demo-Sprüche’ und später in eine spezifische Art von Graffiti. Allen gemeinsam ist, was das Mannheimer Große Wörterbuch der deutschen Sprache (1978) zu Losungen sagt:
Leitwort, Wahlspruch, Parole, nach dem man sich richten will.
40Losungen werden in dem in der DDR erschienenen Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1984) strikter definiert:
kurz und einprägsam formulierter, mobilisierender (politischer) Leitsatz, Aufruf, in dem ein aktuelles gesellschaftliches Anliegen ausgedrückt wird.
41Die Striktheit besteht in dem Verweis auf die Gesellschaftlichkeit des Anliegens. Mit anderen Worten: der Staat, die Partei entschieden, welche Anliegen bedeutsam genug seien, um in Losungen formuliert und vorgetragen zu werden.
Losungen: ritualisierte Texte
42In der Kommunikationsgeschichte der DDR sind Losungen öffentliche Aufrufe mit der dominierenden Sprachhandlung des AUFFORDERNS. Ihr Inhalt ist politischer Art. Es handelt sich in der Regel um Ein-Satz-Texte, in wenigen Fällen auch um kurze Mehr-Satz-Texte, oft elliptisch realisiert. Satzzeichen wie Gedankenstriche und vor allem Ausrufezeichen spielen eine wichtige Rolle. Der Wortschatz enthält Schlagwörter und stark verallgemeinernden Wortschatz, nach Klaus (1971: 139) „hochaggregierte Symbole“. Der Wortschatz ist in der Regel hochsprachlich.
43Die Texte wurden von Instanzen vorgegeben. Eigene Losungen zu tragen, war verboten. Sie wurden den Trägern entrissen. So geschah es mit der Losung Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, die Rosa Luxemburg zitiert, im Januar 1988 in Berlin. Ebenso mit der Losung, die über die Bildschirme ging : Reisefreiheit statt Massenflucht vor der Leipziger Nikolaikirche am 4.9.1989.
44Die Aktanten der Mai-Losungen waren die Regierung und vor allem die SED. Die Klienten waren das Volk. Wir haben es demnach mit einer asymmetrischen, von oben nach unten gerichteten Adressatenbeziehung zu tun. Die Losungen zum 1. Mai (vgl. Texte 4) wurden von Sprechern auf Tribünen zum vorbeilaufenden Volk gesprochen. Zum Teil trugen diese die Losungen auf Transparenten bei sich.
45Die Themen der Mai-Losungen (Texte 4) beziehen sich auf große Themen, die, da ständig apostrophiert, den Lesern sinnentleert erscheinen mußten: Partei, Frieden, Sozialismus, DDR, Wirtschaft, Bruderländer, Solidarität, Produktion, Wettbewerb u.a. Sie blieben daher im Abstrakten und ließen sich von den Sprachteilnehmern nicht auf konkrete Alltagserfahrungen beziehen.
46Es dominieren Sprachhandlungen, die der offiziellen, von oben nach unten gerichteten Kommunikation dienten. Beispiele: AUFRUFEN (1, 2, 6‑11), FESTSTELLEN/ BEHAUPTEN (3, 4), GRÜSSEN und DANKEN, das ebenso wie VERSICHERN in ritueller Funktion gebraucht wird (5, 15), AUFFORDERN (oder FESTSTELLEN) (20). Die alten Losungen weisen keine ästhetischen, sprachspielerischen Elemente auf. Ein Bestreben nach Rhythmisierung ist in der Losung Alles mit dem Volk, alles durch das Volk, alles für das Volk zu erkennen.
47Hochaggregierte Symbole in den Mai-Losungen sind z.B. Ausdrücke wie Solidarität, sozialistische Integration, Sozialismus, Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Daraus werden zum Teil feste Formeln: bewährter Kurs der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik oder Weiter voran unter dem Banner, breite Anwendung, effektive Nutzung.
48Gedankenstriche ersetzen Verben und bewirken manchmal – gewollt? – Uneindeutigkeit. In der Losung Durch die Verwirklichung der ökonomischen Strategie zu hoher Arbeitsproduktivität, Effektivität und Qualität bleibt es offen, ob aufgefordert oder festgestellt werden soll.
49Man kann zusammenfassend diesen Typ der alten Losungen als ritualisierte Textsorte bezeichnen. Es kam, wenn man Losungen verwendete, in keiner Weise mehr auf die Inhalte als Vermittlung von Sachinformationen an. Es ging darum, daß diese Texte bestätigende und integrierende Funktion hatten. Sie sollten gelesen und gesprochen werden und die Leser und Sprecher durch das gemeinsame Tun verbinden.
50• Demo-Sprüche: entritualisierte ästhetische Texte
51Während der „Wende“ erlebten die Demo-Sprüche, die es vorher schon in Ansätzen gegeben hat, ihre Blüte. Sie sind Äußerungen von einzelnen oder von Gruppen, oft spontan gebildet, und drücken, Freiräume des kommunikativen Handelns nutzend, deren individuelle Meinung aus. Die Aktanten sind das Volk als Individuum oder als freiwillig gebildete Gruppen. Die Klienten sind entweder andere Individuen oder Gruppen, alle Demonstranten innerhalb einer neuen Art von Kommunikationsgemeinschaft, dem Demonstrationszug. Sie befinden sich dann in einer symmetrischen Adressatenbeziehung.
Wir sind das Volk.
Schließ dich an.
Laßt uns selbst entscheiden, wer uns soll leiten.
52Die Klienten können auch Partei und Regierung einschließlich ihrer Apparate sein. Hier findet man ein asymmetrisches Adressatenverhältnis, von unten (ehemals unten?) nach oben, also ein wirkliche Umkehrung im Vergleich zu den Mai-Losungen.
53Die Themen der Demo-Sprüche umfassen den gesamten politischen Erfahrungsschatz der Bürger und sind teilweise sehr konkret. Sie sind selbst dann noch faßbar, wenn sie Allgemeineres ausdrücken, weil sie Neues, noch nicht Abgegriffenes mitteilen. Beispiele für konkrete Losungen:
Gute Luft statt schlechte Kohle. Rettet die Dübener Heide.
Wir Schlosser des Dieselmotorenwerkes fordern die Zulassung des Neuen Forum.
Beispiele für allgemeinere Losungen:
Freie Einsicht in die Kaderakten.
Laßt uns selbst entscheiden, wer uns soll leiten.
54Die Losungen waren am Anfang der „Wende“ eines der wenigen Mittel der öffentlichen Kommunikation, wie die Straße der Ort war, wo man sich mitzuteilen versuchen mußte. Daher sind die Demo-Sprüche als Dialog-Teile zu verstehen. Und dies erklärt die Vielfalt von Sprachhandlungen, die man möglicherweise nicht erwartet hätte:
FRAGEN
SED, was war das?
Egon, das 8. Weltwunder?
MORALISCHES APPELLIEREN
Schämt euch was!
Honi, reih dich ein, du kannst so schlecht nicht gewesen sein.
DANKEN
Kirche, wir danken dir.
BESCHIMPFEN
Scheiß SED!
Ihr seid das LETZTE!
SICH EMOTIONAL ENTLASTEN
Daß ich das noch erleben darf!
FORDERN
Stasi in die Volkswirtschaft!
55Sprachlich sind die Demo-Sprüche gekennzeichnet durch Kreativität, Originalität, Humor. Das wohl am häufigsten genutzte Mittel ist die Textmustermischung (Texte 5). Textmuster aus dem Bereich anderer Spruch- und Kurztextgattungen werden übernommen, z.B. Sprichwort, Kinderreim, Abzählvers, Aphorismus, Werbespruch, Anspielung, Sponti-Sprüche, Zitate und Formeln. Die Textsorte ‘Losung’ wird durch diese Art von individuellem und respektlosem Gebrauch völlig entritualisiert. Es kommt darauf an, daß sich das Individuum zu erkennen gibt. Indem jemand eine Losung mit sich trug, bekannte er sich – im Gegensatz zu den Maidemonstrationsgepflogenheiten – ganz entschieden und mit Mut zu einer vom Vorgegebenen abweichenden Meinung. Die Sprachteilnehmer hatten im Herst 1989 auch ihre Freiräume im Bereich des sprachlichen Handelns erkannt und sie in beeindruckender Weise genutzt.
Graffiti: anarchisierte Texte
56Die Textsorte ‘Demo-Sprüche’ verschwand mit dem Ende des Jahres 1989, spätestens im Verlauf des Jahres 1990. An ihre Stelle traten als Mittel öffentlicher Meinungsäußerung in Spruchform Graffiti politischen Inhalts (Texte 6). Graffiti verweisen auf „Orientierung und Normen der Subkulturen“ (Neumann 1991: 270), auf deren „private Utopien“ (ebd.). Sie transportieren Lebensgefühl, sind „Indikator und Ventil gesellschaftlicher Konflikte“ (ebd.).
57Vergleicht man die seit 1989 in Leipzig gesprühten, geschriebenen, gekratzten Graffiti politischen Inhalts mit den Sprüchen des Herbstes 1989, stellt man zunächst Gemeinsamkeiten fest: Die Freiheit im Handelnkönnen wird in beiden Fällen in Anspruch genommen und (mehr oder weniger) gewährt. Die Schreiber der Sprüche fühlen sich wie die Rufer des Herbstes 1989 in einem asymmetrischen Adressatenverhältnis, als die „von unten“, die aufbegehren oder – in einem symmetrischen Verhältnis – die andere, Gleichgesinnte ansprechen. Sie reflektieren die aktuelle politische Situation kritisch. Die Sprachhandlungen sind demzufolge dieselben wie die der Herbst-Sprüche, z.B.
BESCHIMPFEN
SED - Rote Partei!
Saddam + Kohl + Bush = Hitler
FRAGEN
Hat sich Ihr Hausbesitzer schon gemeldet?
89 auf die Straße gegangen - 90 auf die Straße geworfen?
Sich EMOTIONAL ENTLASTEN
Kohlsuppe schmeckt bitter.
Wir sitzen alle im selben Kot.
FORDERN
Gohliser, bleibt rot!
Bundi, go home.
FESTSTELLEN
Gohlis bleibt rot.
Die Reps brauchen ein Deutschland. Wir brauchen eine DDR.
58Die Graffiti sind ebenso einfallsreich wie die Demo-Sprüche von 1989, die, wie an dieser Stelle angemerkt werden muß, von der Graffiti-Kultur des Westens stark beeinflußt waren. Die Tradition der Demo-Sprüche wird insofern fortgesetzt, als sich die Urheber öffentlich, kritisch und kreativ zu öffentlichen Vorgängen äußern. Sie übernehmen nicht nur Themen der westlichen Graffiti-Kultur – dies tun sie auch –, sie greifen durchaus eigene, aktuelle Gegenstände auf und spielen sie durch (Beispiele 6). Worin nun unterscheiden sie sich von den Sprüchen des Herbstes 1989? Der Unterschied ist in der veränderten gesellschaftlichen Situation und den sich daraus ergebenden anders gearteten Möglichkeiten der öffentlichen Meinungsäußerung abzuleiten. Demo-Sprüche, ob gesprochen oder auf Transparenten getragen, waren Ausdrucksmittel einer Bürgerbewegung von Zehntausenden, wie sie nicht lange bestehen und agieren konnte. Mit der Etablierung der Mehrparteiendemokratie verlagerte sich das Aushandeln von Problemen in die dafür vorgesehenen Institutionen, Parlamente, Parteigremien. Graffiti sind in diesem Äußerungskontext eine Äußerungsmöglichkeit von Gruppen oder Individuen, die sich außerhalb parlamentarischer Spielregeln bewegen wollen. Sie sind „politisches Ausdrucksmittel“ und „ästhetisches Phänomen“ als „Spur von Gruppen und Gangs“ (Hermann 1991: 15), Ausdruck der „zweiten Kultur“. Ihre Urheber treten nicht in Erscheinung, treten hinter ihre Texte zurück – anders als die Sprecher und Träger von Sprüchen im Herbst 1989. Das hängt mit dem Selbstverständnis als Außenseiter und mit dem Zweifel an der Möglichkeit von Veränderungen zusammen. Hier – nicht im Bereich der Sprachgestalt – liegt der gravierende Unterschied zwischen Demo-Sprüchen und politischen Graffiti.
59Die Geschichte dieser Kurztexte von 1989 bis 1993 an den Etappen Losung, Demo-Spruch, Graffiti zu verfolgen, ist sicher eine geeignete Methode, den Zusammenhang von gesellschaftlicher und sprachlich-kommunikativer Veränderung zu zeigen. Diesen Zusammenhang Schülern zu vermitteln kann ihr Verständnis für Demokratie und ihre Bereitschaft zur Teilhabe an Demokratie möglicherweise entwickeln.
Materialien zum Vortrag - Textbeispiele
(1) Studentenbeurteilung
....... ist eine selbstbewußte Studentin, die gute Kontakte zu den Mitgliedern ihrer Seminargruppe besitzt. Sie hat einen festen Platz im Kollektiv und wird von allen geachtet. Sie vertritt ihre Meinung offen und ehrlich.
....... hat besonderes Interesse an der englischen Sprache und versucht, ihre Kenntnisse auf diesem Gebiet ständig zu erweitern. Sie muß sich aber bemühen, ihre Reserven in anderen Lehrgebieten durch eine intensivere und kontinuierlichere Arbeitsweise auszuschöpfen. Den Seminarvorbereitungen müßte sie mehr Zeit widmen. Die Prüfungsergebnisse liegen bei befriedigend bis genügend, was auch mit einer längeren Krankheit zusammenhängt.
An gesellschaftlichen Veranstaltungen nimmt ....... regelmäßig teil.
(2) Beurteilung für Kathrin Schmidt
Kathrin ist eine aufgeschlossene und von ihren Fähigkeiten häufig überzeugte Schülerin. Daher ist es oft schwer, sie auf Fehler aufmerksam zu machen. Kathrins erreichte Leistungen basieren auf einer gut entwickelten Lern- und Merkfähigkeit. Hinzu kommt ihr Fleiß, der allerdings weniger interessegebunden sein sollte. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt den Sprachen, der Literatur. Kathrin hat dadurch Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten erworben, die sie künftig noch mehr im Unterricht einsetzen könnte. Trotz Bemühungen gelang es ihr nicht, ihre Noten in Mathematik und Physik zu verbessern. Eine kontinuierlichere Arbeitsweise wäre ratsam. Da Kathrin über einen reichhaltigen Wortschatz und ein gutes sprachliches Ausdrucksvermögen verfügt, kann sie ihre Gedanken klar und gut formuliert zum Ausdruck bringen.
Klassenlehrerin
(3) Grundschule-Zeugnis
Bericht über das Arbeits- und Sozialverhalten und über die Leistungen:
Lieber Florian, mit Deinen Freunden kannst Du gut zusammen arbeiten und spielen. Du bist dabei stets freundlich, fair und verständnisvoll. Zu Deinen übrigen Mitschülern hast Du wenig Kontakt. Versuche das doch mal! Da Du keinen Streit anfängst, spielen sicher viele gern mit Dir. Du hast auch gern mal Deine Ruhe und arbeitest oder spielst für Dich.
Wenn etwas für alle erklärt wird, fällt es Dir sehr schwer zuzuhören. Meistens müssen wir Dir anschließend alles noch einmal sagen. Das kannst Du doch ändern, Florian.
Die Bearbeitung von schriftlichen Aufgaben dauert bei Dir sehr lange. Das ist in Ordnung, wenn Du die Zeit wirklich brauchst. Liegt es jedoch daran, daß Du Deine Arbeit alle zwei Minuten unterbrichst, ist es ärgerlich.
In den Aussuchstunden fängst Du jetzt an, die unterschiedlichen Angebote viel besser zu nutzen. Du bist auch dabei zu lernen, Dir Deine Zeit besser einzuteilen.
Im Morgenkreis erzählst Du ganz oft von Deinen Erlebnissen. Das machst Du so interessant und anschaulich, daß wir Dir alle gern zuhören.
Im Lesen hast Du gerade in letzter Zeit schöne Fortschritte gemacht. Leichte Texte mit kurzen Sätzen kannst Du Dir langsam erlesen. Nur bei längeren Wörtern brauchst Du Hilfe. Du hast jetzt auch angefangen, Dir Bücher aus der Lesekiste zu holen und sie uns vorzulesen. Wenn Du nun noch die Lesekartei nutzt, wird es immer besser gehen.
Beim Schreiben war besonders die Reihenfolge der Buchstaben für Dich am Anfang ein Problem. Das ist viel besser geworden. Einzelne Wörter schreibst Du überwiegend richtig und kleine Texte lesbar auf. In Mathematik löst Du Aufgaben im Bereich 1 bis 10 ziemlich problemlos. Geht es jedoch in den Zahlenbereich bis 20, brauchst Du Hilfsmittel und extrem viel Zeit. Ergänzungsaufgaben und Aufgaben mit Zehnerübergang fallen Dir besonders schwer. Umso lobenswerter ist es, Florian, daß Du in letzter Zeit so fleißig an Deinen Rechenheften und an den Karteien gearbeitet hast.
Malen und Basteln sind Deine ganz großen Stärken. Wie oft haben wir schon gestaunt, wenn Du auch für komplizierte Bastelaufgaben eine Lösung gefunden hast. Deine Bilder sind kleine Kunstwerke. Du malst und zeichnest sehr genau und sorgfältig und kannst gut mit Farben umgehen. Deine Bilder erzählen ganze Geschichten. Bei unserem Museumsbesuch hast Du in Windeseile kleine, gut erkennbare Skizzen angefertigt. Beim Theaterspielen bist Du sehr zurückhaltend, da solltest Du Dir ruhig ein bißchen mehr zutrauen. Im Sport machst Du meistens gern mit.
Florian rückt auf nach Klasse 2.
(4) Losungen des Zentralkomittees der SED zum 1. Mai 1989
(Neues Deutschland, 6.4.1989)
1. Es lebe der 1. Mai, der Kampftag der internationalen Arbeiterklasse!
2. Hohe Leistungen zum Wohle des Volkes und für den Frieden – Alles für die Verwirklichung der Beschlüsse des XI. Parteitages der SED – Vorwärts zum 40. Jahrestag der DDR!
3. Mit dem Blick auf den XII. Parteitag der SED lösen wir die Aufgaben der Gegenwart!
4. Vierzig Jahre DDR – Alles mit dem Volk, alles durch das Volk, alles für das Volk!
5. Gruß und Dank allen Werktätigen für ihren Beitrag zum Werden und Wachsen unserer Deutschen Demokratischen Republik!
6. Für Frieden und Sozialismus, wählt am 7. Mai die Kandidaten der Nationalen Front!
7. Für das weitere Aufblühen unserer Städte und Gemeinden – am 7. Mai unsere Stimme den Kandidaten der Nationalen Front!
8. Weiter voran auf dem bewährten Kurs der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik!
9. Mit erfüllten Plänen zur Wahl am 7. Mai!
10. Im bewährten Bündnis der Nationalen Front für das Wohl des Volkes!
11. Arbeite mit, plane mit, regiere mit!
12. Je stärker der Sozialismus, umso sicherer der Frieden!
13. Schluß mit dem Wettrüsten! Keine Modernisierung von Atomwaffen in Europa! Für kern- und chemiewaffenfreie Zonen!
14. Für konventionelle Abrüstung in Europa – vom Atlantik bis zum Ural!
15. Unser Gruß den Bruderparteien, den Werktätigen aller sozialistischen Länder! Gemeinsam für Frieden und Sozialismus!
16. Sozialistische ökonomische Integration – für enge Zusammmenarbeit in Wissenschaft, Technik und Produktion!
17. Mein Arbeitsplatz – Mein Kampfplatz für den Frieden!
18. So wie wir heute arbeiten, so werden wir morgen leben!
19. Mit Schöpfertum und Initiative im sozialistischen Wettbewerb den Plan 1989 erfüllen – wir halten Wort!
20. Durch die Verwirklichung der ökonomischen Strategie zu hoher Arbeitsproduktivität, Effektivität und Qualität!
21. Dynamisches Wirtschaftswachstum durch breite Anwendung und effektive Nutzung der Schlüsseltechnologien!
22. Konsequent verwirklichen wir das Wohnungsbauprogramm und lösen die Wohnungsfrage als soziales Problem!
23. Forscher, Konstrukteure und Technologen! Mit kühnen Ideen und Tatkraft zu neuen wissenschaftlich-technischen Spitzenleistungen!
24. Genossenschaftsbauern und Arbeiter der sozialistischen Landwirtschaft! Macht das 40. Jahr der DDR zum Jahr der höchsten Erträge und Leistungen auf den Feldern und in den Ställen!
25. Werktätige des Handels und der Dienstleistungen! Täglich guter Dienst am Kunden – Euer Beitrag zum Wohlbefinden der Bürger!
26. Mitarbeiter des Gesundheits- und Sozialwesens! Gute Betreuung der Bürger – Grundanliegen unserer sozialistischen Gesellschaft!
27. Hochschullehrer und Studenten! Stärkt unseren sozialistischen Staat durch die Meisterung der Wissenschaft!
28. Mit täglich guter Bildungs- und Erziehungsarbeit – Vorwärts zum IX. Pädagogischen Kongreß!
29. Jugendliche! Mit hohen Leistungen im „FDJ-Aufgebot DDR 40“ – Vorwärts zum „Pfingsttreffen der FDJ“!
30. Jung- und Thälmannpioniere! Mit guten Ergebnissen bei der Erfüllung des Pionierauftrages „Meine Liebe, meine Tat meiner Heimat DDR“! Vorwärts zum 40. Jahrestag der DDR!
(5) Demo-Sprüche
WERBESPRUCH:
Sie wählen SED, wir drucken Ihnen Ihre Lebensmittelkarten.
SPONTI-SPRUCH:
Lieber schwarze Löcher als schwarze Kanäle.1
Lieber viele saubere Flüsse (Bäche) als einen schwarzen Kanal.
Lieber Kohlplantagen statt weiter sozialistische Versuchsfarm.
ABZÄHLREIM:
1,2,3, am 6. [Mai U.F.] sind wir frei.
KINDERREIM:
Das ZK ins Altersheim, Gysi soll der Pförtner sein.
(...soll der Bräutigam sein)
KINDERLIED:
Hopp, hopp, hopp, Gysi lauf Galopp.
REIM:
Logen sie gestern, lügen sie heute,
es sind immer die gleichen Leute.
Mit dem Fahrrad durch Europa,
aber nicht als alter Opa.
GEDICHT:
Sollen die Menschen im Lande bleiben,
so muß man Kampftruppen und Stasi vertreiben!
Für eine Zukunft in Freiheit versperren sie die Sicht,
und das Brot, das sie essen, verdienen sie nicht.
BRIEF:
Herr Krenz! Jeder Arbeiter wird für gute Arbeit belohnt, für eine schlechte zur Rechenschaft gezogen. Wir fordern eine unabhängig arbeitende Volkskontrollkommission, damit die Arbeit von Herrn Honecker bis runter in die kleinste Funktionärsebene überprüft und analysiert wird! Ebenso fordern wir eine offene Devisenabrechnung der letzten Jahre. Danke!
ZITATE:
wörtlich:
Vorwärts immer, rückwärts nimmer. (E. Honecker)
Deutschland einig Vaterland. (Nationalhymne)
abgewandelt:
Der Kaiser geht, die Generale bleiben.
(Th. Plivier: Der Kaiser ging, die Generale blieben.)
(6) Graffiti
BESCHIMPFEN
SED - Rote Partei!
Saddam + Kohl + Bush = Hitler
FRAGEN
Hat sich Ihr Hausbesitzer schon gemeldet?
89 auf die Straße gegangen - 90 auf die Straße geworfen?
SICH EMOTIONAL ENTLASTEN
Kohlsuppe schmeckt bitter!
Wir sitzen alle im selben Kot.
FORDERN
Gohliser, bleibt rot!
Bundi go home.
FESTSTELLEN
Gohlis bleibt rot.
Die Reps brauchen ein Deutschland.
Wir brauchen eine DDR.
Bibliographie
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Format
Apel, Karl-Otto (1984): Diskurs und Verantwortung. Frankfurt /M.
Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. Mannheim 1978.
Fix, Ulla (1990): „Der Wandel der Muster – der Wandel im Umgang mit Mustern. Kommunikationskultur im institutionellen Sprachgebrauch der DDR am Beispiel von Losungen.“ In: Deutsche Sprache. H. 4, 332-347.
Fix, Ulla (1992): „Rituelle Kommunikation im öffentlichen Sprachgebrauch der DDR und ihre Begleitumstände.“ In: Lerchner, G. (Hg.): Sprachgebrauch im Wandel. Anmerkungen zur Kommunikationskultur in der DDR vor und nach der Wende. Frankfurt M., 3-99.
Fix, Ulla (1993): „Texte mit doppeltem Boden? Diskursanalytische Untersuchung inklusiver und exklusiver personenbeurteilender Texte im Kommunikationskontext der DDR.“ Erscheint 1994 in Wien.
Grünert, Horst (1984): „Deutsche Sprachgeschichte und politische Geschichte in ihrer Verflechtung.“ In: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Hg. v. W. Besch/O. Reichmann/ S. Sonderegger. Berlin, New York, 29-37.
Habermas, Jürgen (1984): Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt /M.
Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. In zwei Bänden. Hrsg. v. e. Autorenkollektiv unter Leitung von Günther Kempcke. Berlin.
Katz, Elihu/ Levin, Martin L./ Hamilton, Herbert (1972): „Geschichte und Stand der Diffusionsforschung.“ In: Badura, Bernhard/ Gloy, Klaus (Hgg.): Soziologie der Kommunikation. Eine Textauswahl zur Einführung. Stuttgart- Bad Cannstatt, 25-56.
Neumann, Renate (1991): Das wilde Schreiben. Graffiti, Sprüche und Zeichen am Rande der Straße. Essen.
Sandig, Barbara (1978): Stilistik. Sprachpragmatische Grundlegung einer Stilbeschreibung. Berlin, New York.
10.1515/9783110882032 :Welke, Klaus/ Sauer, Wolfgang W./ Glück, Helmut (Hgg.) (1992): „Die deutsche Sprache nach der Wende.“ Germanistische Linguistik 110-111. Hildesheim, Zürich, New York.
Notes de bas de page
1 „Schwarzer Kanal“ war eine berüchtigte, die westdeutschen Medien ideologisch kritisierende Fernsehsendung von Karl-Eduard von Schnitzler.
Auteur
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Ulla Fix
Universität Leipzig
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Médiations ou le métier de germaniste
Hommage à Pierre Bertaux
Gilbert Krebs, Hansgerd Schulte et Gerald Stieg (dir.)
1977
Tendenzen der deutschen Gegenwartssprache
Hans Jürgen Heringer, Gunhild Samson, Michel Kaufmann et al. (dir.)
1994
Volk, Reich und Nation 1806-1918
Texte zur Einheit Deutschlands in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft
Gilbert Krebs et Bernard Poloni (dir.)
1994
Échanges culturels et relations diplomatiques
Présences françaises à Berlin au temps de la République de Weimar
Gilbert Krebs et Hans Manfred Bock (dir.)
2005
Si loin, si proche...
Une langue européenne à découvrir : le néerlandais
Laurent Philippe Réguer
2004
France-Allemagne. Les défis de l'euro. Des politiques économiques entre traditions nationales et intégration
Bernd Zielinski et Michel Kauffmann (dir.)
2002
