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    Plan détaillé Texte intégral Worum es in diesem Text nicht gehen wird Erst einmal ein ganz anderes Thema Nur ganz kurz: Gottesbegriffe Noch ein anderes Thema Das Thema Notes de bas de page Auteur

    Zur Zukunft der Bereichsethiken – Herausforderungen durch die Ökonomisierung der Welt

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    Wenn die Wirtschaft boomt, hat Gott keine Konjunktur…

    Renate Dürr

    p. 201-205

    Texte intégral Worum es in diesem Text nicht gehen wird Erst einmal ein ganz anderes Thema Nur ganz kurz: Gottesbegriffe Noch ein anderes Thema Das Thema Notes de bas de page Auteur

    Texte intégral

    1Dieser Satz klingt nicht schlecht, aber ist er auch wahr? Im Folgenden wollen wir schauen, inwieweit unsere heutige westliche Gesellschaft Gott überhaupt eine Einmischung „erlaubt“, insbesondere in das wirtschaftliche Handeln.

    Worum es in diesem Text nicht gehen wird

    2Es geht nicht um eine Untersuchung des Verhältnisses von Ökonomie und Religion, nicht um ökonomische Theorien als Gegenstände der Religionswissenschaft, also weder um Religionsökonomie noch um religiöse Ökonomie, obwohl bei Letzterer auch die übliche Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft. Es geht weder um Karl Marx’ noch um Max Webers Konzeptionen, nicht unbedingt um protestantische Arbeitsethik oder katholische Soziallehre. Und eigentlich geht es auch nicht um GOTT, sondern um religiöse Moral und gesellschaftlich-sozialen Wandel.

    Erst einmal ein ganz anderes Thema

    3Wenn Peter zu Gerda sagt, Max habe viel Gottvertrauen, dann meint er, dass Max – freundlich ausgedrückt – ein wenig einfältig sei. Als Heloise im Jahr 1117 zu Fulbert sagte, dass Abaelard viel Gottvertrauen habe, dann meinte sie, dass Abaelard viel Gottvertrauen hätte. Was ist da in der Zwischenzeit geschehen? Viel!

    4Es soll nun keineswegs behauptet werden, dass das Prädikat „Gottvertrauen-Haben“, insbesondere aus der Ersten-Person-Perspektive geäußert, heute nie bedeute, dass jemand Gott vertraut. Ob diese Äußerung überhaupt eine Bedeutung hat und welche, hängt hier, wie immer, vom Kontext ab.

    5Wobei Kontext hier in einem engen und einem weiten Sinn zu verstehen ist. Mit „engem Sinn“ ist die ganz spezielle, aktuelle Situation, in der sich Sprechende und Hörende befinden, gemeint. Unter „weitem Sinn“ ist (in diesem Text) der in einer Gesellschaft sozial normierte Sprachgebrauch zu verstehen. Klarerweise gibt es Wechselwirkungen bzw. Zusammenhänge zwischen diesen beiden „Bereichen“. Man könnte auch sagen, die einzelne Sprechsituation ist eingebettet in den allumfassenden Kontext einer Sprachgemeinschaft bzw. einer Lebensform (ganz korrekt wäre dies allerdings nicht, zumindest nicht falls man mathematische Enthaltenseinsverhältnisse im Auge hat).

    6Im Folgenden wird es in erster Linie um den Kontext im weiteren Sinn gehen. Wir wollen, nicht detailliert, sondern eher holzschnittartig, untersuchen, wie und weshalb ein Ausdruck über die Zeit hinweg einen wesentlichen Teil seines Gehaltes verliert und nunmehr lediglich eine Haltung oder Einsicht kennzeichnet, die wir als sehr naiv auffassen. Anders ausgedrückt: Einer Person, der Gottvertrauen zugeschrieben wird, wird eine sehr beschränkte Weltsicht bescheinigt. Wobei die Gründe dieser Beschränkung direkt „selbstverschuldet“ (vgl. Aufklärung) sein können oder sozusagen indirekt selbstverschuldet, insofern das Individuum sich den Zwängen von Religion und Erziehung nicht entziehen kann oder was immer sonst einem kritischen Hinterfragen im Wege steht (vgl. ebenfalls Aufklärung).

    7Man könnte also sagen, „Gottvertrauen“ ist gleichzusetzen mit unbegründetem Vertrauen. Und das „unbegründet“ liefert uns ein weiteres Stichwort, mit dem wir uns ein wenig auseinandersetzen wollen, nämlich „Gründe“ bzw. „Begründetsein“. Es gibt unter den Philosophen (und möglicherweise nicht nur unter diesen) jene, die der Auffassung sind, dass für jede, wie immer geartete; Handlung gute, zumindest aber überhaupt, Gründe ausschlaggebend sind. Oder ganz „philosophisch“ ausgedrückt: Gründe sind konstitutiv für Handlungen. Die Vertreter dieser Auffassung kommen in zwei Typen vor: Jene, die dafürhalten, dass diese (guten) Gründe immer und nur bei der entscheidenden Person liegen. Und es gibt jene, die annehmen, dass die guten Gründe auch lediglich mittelbar sein können in dem Sinne, dass Personen sich voll und ganz auf das Expertentum anderer Personen verlassen. Diesen also vertrauen oder zutrauen, dass deren Wissen oder deren Fähigkeiten – bildlich gesprochen – die Brücke am Einsturz hindern.

    8Eine Frage ist allerdings noch offen: Ist „unbegründetes Vertrauen“ überhaupt ein sinnvoller Ausdruck? Metaphorisch, aber genauer gefragt: Ist „unbegründetes Vertrauen“ nicht bloß ein weißer Schimmel? Weil Vertrauensakte in gewisser Hinsicht immer unbegründet sind. Oder ist es eben nur so, dass sie GRUNDsätzlich unterbestimmt sind, da Vertrauen nur da „nötig“ ist, wo es an sicherem Wissen mangelt (wobei wir hier unberücksichtigt lassen, ob es überhaupt so etwas wie sicheres (Tatsachen-) Wissen gibt.

    9Und nun streichen wir das „Vertrauen“ bzw. überlassen es der Psychologie, die dieses ja, zu Recht (!) zusammen mit anderen intentionalen Objekten als einen ihrer Gegenstände reklamiert.

    10Nun, in gewisser Weise gilt als das, was über das „Gottvertrauen“ gesagt wurde, auch für GOTT, besser: für den Gottesbegriff.

    Nur ganz kurz: Gottesbegriffe

    11Auch wenn die monothetischen Religionen, wie der Name sagt, nur EINEN GOTT kennen, so gibt es doch manigfaltige Auffassungen über dessen „Beschaffenheit“. Ungeachtet, dass alle nichtatheistischen Philosophen ihm die Prädikate allmächtig, allwissend, allgütig zuschreiben – und dabei betonen, dass ER gar keine Eigenschaften habe, sondern reines Sein sei, postulieren die Einen, dass er sich irgendwie zeigt (Theophanie), andere meinen, dass dem Denken durch die Unbestimmbarkeit Gottes schlicht und einfach Grenzen gesetzt werden. Hier ist insbesondere Wilhelm von Ockham zu nennen. Seine These: Was in unserem Wissen vorkommt, ist nicht Gott, sondern nur unser Begriff von Gott. Es gilt die Nichtkonvergenz von Wirklichkeit und Begriff, d.h. Begriffsschema und Wirklichkeit sind strikt getrennt. Während viele Denker sich bemühten, Gott als höchst rationales Wesen und Gotteserkenntnis als rationales Unterfangen auszuweisen, „entrationalisiert“ Ockham Gott, aber der Gottesbegriff ist rational, weil Produkt der menschlichen Rationalität. Das ist beinahe so wie bei Immanuel Kant, nur dass bei Letzterem Gott kein Begriff, sondern eine Idee ist, wenn auch eine ganz besondere. Die Position jener, die die vollkommene Rationalität Gottes postulieren, hat mindestens eine Implikation im thematischen Zusammenhang: Wenn Gott rational ist – und die Menschen rationale Wesen sind, wenn die Welt nach Prinzipien1 geschaffen wurde, dann kann das richtige ökonomische Handeln erkannt werden.

    Noch ein anderes Thema

    12Im Jahr 2010 gab es in Bonn eine Tagung unter dem Titel „Religion: Störfaktor und Ressource in der Wirtschaft?“ Die Frage ist jedoch: Hätte es nicht besser „oder“ geheißen, auch und gerade weil die meisten Referenten zu einer „Sowohl-als-auch-Antwort“ kamen. Wir jedoch wollen uns jetzt einmal mehr oder weniger historisch mit der Titelthese auseinandersetzen.

    Das Thema

    13Eines ist wohl gleich festzuhalten: In westlichen Industriegesellschaften hat die Religion ihre Wirkmächtigkeit schon längere Zeit eingebüßt, und das ist nicht allein der „Verprivatisierung“ geschuldet, die im Übrigen in Kontinentaleuropa einen größeren Stellenwert hat als in der anglo-amerikanischen Welt.2

    14Ob Gott Konjunktur hat, hängt von vielerlei ab, aber kaum von boomender Wirtschaft – und auch nicht von deren Stagnation.

    15Gerade in „Wachstumszeiten “ gab und gibt es immer auch Verlierer. In den frühen Tagen solche, die ihre Armut oder Verarmung demütig hinnahmen, auf die Belohnung im nächsten Leben setzten und sich mehr oder weniger mit Matthäus 19 beruhigten: „Wenn […] der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt [werden] die Letzten die Ersten sein“. Und es gab und gibt jene, die die Ungerechtigkeit nicht klaglos hinnahmen, und dies ebenfalls unter Berufung auf Neues und Altes Testament.

    16So zum Beispiel der Oberrheinische Revolutionär3: „der eigenutz macht groß beschwernuß in der welt […] ist das nit ein grosse beschwernus, die […] burger oder begonen [dies sind Personen, die nur um der Präsensgelder willen, also wegen der Bezahlung in Gremien gehen], die nehmen den zehend und geben weder den keisser noch dem armen pilger ir spiß nit?“ und diese sind „des tuffels knecht“.4

    17Man kennt das Zinsverbot im Alten Testament, und übersieht aber gern, wenn dieses als Argument gegen die „Reichen“ angeführt wird, dass es 1. nur in Bezug auf eine bestimmte Art von Krediten gilt, und 2., dass reich sein und Zinsen einzunehmen nicht per se ein Übel ist – Wucherzinsen aber allemal.

    18Der Wohlstand, so fürchteten viele, gefährde den (christlichen) Glauben. Das Problem jedoch, das sich die Träger dieser Überzeugung einhandeln: Wo allenthalben blanke Not herrscht, die Beschaffung des absolut (Über-) Lebensnotwendigen die ganze Kraft erfordert, ist auch nicht viel „Platz“ für den Glauben.

    19So mag es sein, dass in Krisenzeiten die Nachfrage nach Religion steigt, aber, wie oben umgekehrt schon angedeutet, in der Krise gibt es auch immer welche, die an dieser sehr gut verdienen.

    20Nun, es gab immer auch Zeiten, da rechnete man Gott den Gewinn einer Schlacht, eine machtbereichsvergrößernde Heirat, die Geburt eines Thronfolgers und Ähnliches zu. Es wäre aber schon sehr befremdlich, wenn bei einem Rekordhoch des DAX die Börsianer ein Te Deum Laudatum anstimmen würden.

    21Praktizierende Christen bitten um das „täglich Brot“ – und danken dafür. Heißt das, dass Gott im Prinzip nur für das Stillen der Grundbedürfnisse zuständig ist? Bestimmte Gruppierungen innerhalb des Calvinismus sehen das sicherlich anders. Für diese zeigt sich die Gnadenwahl, die vor allen Zeiten getroffen wurde, auch in der Form eines bemerkenswerten Wohlstandes. Was allerdings auch gilt: Wirtschaftlicher Erfolg soll und darf nicht in ein Luxusleben5 umschlagen, sondern soll weiteren wirtschaftlichen Erfolg generieren.

    22Wie dem auch sei, es gab und gibt und wird vermutlich immer gegeben sein, dass in bestimmten historischen Situationen sich mehr Menschen auf den Glauben besinnen. Darunter jene, die zu den Verlierern gehören, aber auch einige derer, die man zu den Erfolgreichen zählen kann.

    23Im Moment ist die Situation derart, dass die Kirchen zu zwei Gelegenheiten gut besucht sind: An Weihnachten und wenn es eine „Vesperkirche“ ist. Das eine hat mit dem anderen so gut wie nichts zu tun. Und nicht alle, die kommen, kommen um der Frohen Botschaft Willen. Gott spielt im Alltag vieler (möglicherweise der meisten – sehr reichen, relativ situierten oder armen) Mitteleuropäer kaum eine Rolle. Und es sieht so aus, als ob von einem Gutteil der Akteure in den oberen Etagen der Wirtschaft außer gelegentlichen Lippenbekenntnissen einiger, z.B. zu einer christlich fundierten Ethik, auch kaum etwas „zu holen“ ist. Aber wir wollen den Teufel ja nicht an die Wand malen…

    Notes de bas de page

    1 Vgl. hierzu den Standpunkt von G.W. Leibniz, z.B. Theodizee.

    2 Vgl. hierzu Zeitschrift für Marktwirtschaft und Ethik, Frühjahr 2013, 6.

    3 Franke, A. (Hrsg.): Das Buch der hundert Kapitel und der vierzig Statuten des sogenannten Oberrheinischen Revolutionärs. [Geschrieben von ca. 1490 bis 1509.] Berlin 1967.

    4 Vgl. (ebd. 37, Statut 196a).

    5 Böse Zungen sagen, dass der ungeheure Erfolg der Schweizer Uhrenindustrie eine „Folge“ des Calvinismus sei: Schließlich ist eine Armbanduhr, egal wie edel, ein Gebrauchs-und kein Luxusgegenstand. Vielleicht sind aber diese Zungen gar nicht so böse.

    Auteur

    • Renate Dürr

      Professorin Dr., Institut für Philosophie, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

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    Creative Commons - Attribution - Partage dans les Mêmes Conditions 4.0 International - CC BY-SA 4.0

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    1 Vgl. hierzu den Standpunkt von G.W. Leibniz, z.B. Theodizee.

    2 Vgl. hierzu Zeitschrift für Marktwirtschaft und Ethik, Frühjahr 2013, 6.

    3 Franke, A. (Hrsg.): Das Buch der hundert Kapitel und der vierzig Statuten des sogenannten Oberrheinischen Revolutionärs. [Geschrieben von ca. 1490 bis 1509.] Berlin 1967.

    4 Vgl. (ebd. 37, Statut 196a).

    5 Böse Zungen sagen, dass der ungeheure Erfolg der Schweizer Uhrenindustrie eine „Folge“ des Calvinismus sei: Schließlich ist eine Armbanduhr, egal wie edel, ein Gebrauchs-und kein Luxusgegenstand. Vielleicht sind aber diese Zungen gar nicht so böse.

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    Dürr, R. (2016). Wenn die Wirtschaft boomt, hat Gott keine Konjunktur…. In M. Maring (éd.), Zur Zukunft der Bereichsethiken – Herausforderungen durch die Ökonomisierung der Welt. Karlsruhe: KIT Scientific Publishing. Consulté à l’adresse https://books.openedition.org/ksp/4581
    Dürr, Renate. « Wenn die Wirtschaft boomt, hat Gott keine Konjunktur… ». In Zur Zukunft der Bereichsethiken – Herausforderungen durch die Ökonomisierung der Welt, édité par Matthias Maring. Karlsruhe: KIT Scientific Publishing, 2016. https://books.openedition.org/ksp/4581.
    Dürr, Renate. « Wenn die Wirtschaft boomt, hat Gott keine Konjunktur… ». Zur Zukunft der Bereichsethiken – Herausforderungen durch die Ökonomisierung der Welt, édité par Matthias Maring, KIT Scientific Publishing, 2016, https://books.openedition.org/ksp/4581.

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    Maring, M. (éd.). (2016). Zur Zukunft der Bereichsethiken – Herausforderungen durch die Ökonomisierung der Welt. Karlsruhe: KIT Scientific Publishing. Consulté à l’adresse https://books.openedition.org/ksp/4506
    Maring, Matthias, éd. Zur Zukunft der Bereichsethiken – Herausforderungen durch die Ökonomisierung der Welt. Karlsruhe: KIT Scientific Publishing, 2016. https://books.openedition.org/ksp/4506.
    Maring, Matthias, éditeur. Zur Zukunft der Bereichsethiken – Herausforderungen durch die Ökonomisierung der Welt. KIT Scientific Publishing, 2016, https://books.openedition.org/ksp/4506.
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