9. Häufige Form- und Stilfehler in Seminararbeiten
p. 123-124
Texte intégral
1Die äußere Form der Geschichte als Wissenschaft ist ihre Sprache. Der Sprachstil des Historikers bestimmt nicht nur wesentlich den Charakter seiner ,Humanwissenschaft‘, sondern auch ihren Wert. Sprachliche und stilistische Fehler beweisen Unsicherheit im historischen Denken.
- Autorperspektive: Wissenschaftliche Texte kennen als transsubjektive Kommunikationsart keine Ich-, bzw. Wir-Form.
- Satzbau. Zu vermeiden sind: Schachtelsätze; eingeklammerte Einschübe; eintönig mit ,daß‘ eingeleitete Nebensätze; Häufung von Relativsätzen. Die deutsche Grammatik ermöglicht einen differenzierten Satzbau: Keineswegs ist im Deutschen der kurze Satz der bessere Satz. Konditionale, konsekutive und kausale Satzkonstruktionen sind eine Bereicherung – sofern die deutschen Nebensatzarten beherrscht werden.
- Rhetorische Redundanz: Konstruktionen wie „Es war Reichskanzler Bismarck, der (…)“ sind zu vermeiden.
- Wortwahl. Zu vermeiden ist die häufige Wiederholung von Füllwörtern (aber, auch, also, wohl, hingegen, freilich, gewissermaßen, folgendermaßen, indessen). Eine gute typographische Lösung zur Betonung des gedanklichen Abstands zwischen zwei Sätzen ist der Geviertstrich: —
- Fremdwörter. Die Qualität einer wissenschaftlichen Arbeit bemißt sich nicht nach der Häufigkeit von Fremdwörtern. Beispiele: annehmen statt akzeptieren; unterscheiden statt differenzieren, mitteilen statt signalisieren; verwirklichen statt realisieren; Absicht statt Intention; Möglichkeit statt Alternative; beweglich statt flexibel; genau statt detailliert; erheblich statt relevant; befähigt statt qualifiziert, etc. Das gilt jedoch nicht für fachspezifische Termini wie z. B. Kontextualisierung.
- Ideologische Ausdrücke kommen in einem wissenschaftlichen Text nicht vor, es sei denn in thematisierter Form.
- Modewörter sollten unbedingt vermieden werden. Beispiele: verstehen statt nachvollziehen, schließlich statt letztendlich, Bedeutung statt Stellenwert, Konflikt statt Konfliktsituation, Zukunft statt Zukunftsperspektive, Spannung statt Spannungsfeld, ,ähnlicher Fall‘ statt ,ähnlich gelagerter Fall‘, enthalten statt beinhalten, ,einen Kurs abhalten‘ statt ,einen Kurs fahren‘.
- Tempus. Das übliche Tempus historischer Texte ist das Imperfekt. Tempuswechsel ist zu vermeiden. Zu meiden ist das journalistisch beliebte ,historische Präsens‘.
- Genus verbi. Historische Texte stehen im Aktiv. Passivstil verschleiert die Verantwortung eines Tuns.
- Modus. Die souveräne Beherrschung des Konjunktivs der indirekten Rede sowie des Irrealis wird vorausgesetzt.
- Historischer Stil ist erzählender und analytischer Schriftstil, der ohne Pathos auskommt.
2Sprachliche und grammatische Korrektheit wird auch durch die Zeichensetzung bestimmt.
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