Vorbemerkung
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Texte intégral
1Als ich 17 Jahre alt war, betrat ich zum ersten Mal eine europäische Gemäldegalerie. Gerade aus Kolumbien nach Deutschland immigriert, erlebte ich, dass es meinen Mitschülerinnen ein Bedürfnis war, mir in Hamburg das Schauspielhaus und die Kunsthalle zu zeigen. In letzterer ergriff mich sogleich ein Gefühl grenzenlosen Staunens. In der Abteilung Holländische Genremalerei, die ich später als solche zu benennen lernte, hingen an weißen Wänden kleine, in Graubrauntönen beschmierte Täfelchen, an denen das Publikum andächtig schweigend vorbeischlich. Ich konnte in diesen Dingen weder einzelne Farben, Figuren noch Handlungen und schon gar nicht irgendetwas Faszinierendes erkennen. Neugierig machte mich vielmehr die Tatsache, dass diesen Objekten ein derart teures Gebäude überlassen wurde, während es überall auf der Welt – auch in Hamburg – Menschen gibt, die frieren und hungern. Das so erwachte ethnologische Interesse an dem Kulturphänomen Kunst im Museum führte mich zum Studium der europäischen Kunstgeschichte.
2Dass ich von der weißen Mehrheitsgesellschaft damals nur aufgrund meiner äußeren Erscheinung sogleich als dazugehörig akzeptiert wurde, ersparte mir existenzielle Konflikte, denen andere eingewanderte oder in Deutschland geborene Menschen täglich ausgesetzt sind. Das Wissen um dieses Privileg verdanke ich dem Aufwachsen in Wohngemeinschaften meiner weißen deutschen Eltern mit weißen und Schwarzen Kolumbianer_innen, in denen die politischen Auseinandersetzungen und »Rassen«-Konflikte im Land lebhaft diskutiert und zuweilen als nicht lösbar erlebt wurden. Die vorliegende Arbeit widmet sich dem strukturellen Rassismus im Fach europäische Kunstgeschichte. Sie ist aus weißer Perspektive verfasst, und ich rechne vor allem mit weißen Leser_innen. Immer da, wo ich Schwarze Perspektiven referiere, wird mein eigener Erkenntnisprozess zu Weißsein gespiegelt.
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