1. Das Glücksspiel und seine Unternehmer
p. 33-93
Texte intégral
1Die zentrale Bedeutung des staatlich konzessionierten Glücksspiels für den Erfolg insbesondere Baden-Badens, aber auch anderer Spielbäder, wird in der einschlägigen Forschung fast immer erwähnt, aber meist nur oberflächlich behandelt1. In diesem Kapitel wird die Entwicklung des Glücksspiels in Baden-Baden seit der Jahrhundertwende im Detail dargestellt und vor allem in Hinblick auf seine Bedeutung für die deutsch-französische Beziehungsgeschichte der Stadt untersucht. Beachtung findet dabei auch die bislang noch gar nicht behandelte »Spielbankenfrage«, die seit Anfang der 1840er-Jahre nicht nur die deutsche Presse, sondern auch diverse Landtage, den Reichstag und 1849 die Nationalversammlung in Frankfurt beschäftigte. Auch die meist französischen Spielpächter sind noch nicht mit ausführlichem Interesse bedacht worden. Eine Ausnahme ist François Blanc, über den mit »Der Zauberer von Homburg und Monte Carlo« eine quellenreiche Biografie aus dem Jahr 1932 vorliegt2. Die Bénazets fehlen zwar in kaum einer wissenschaftlichen Publikation zum Thema Weltbäder, doch gehen die Informationen über sie nur selten über diejenigen in stadtgeschichtlichen Darstellungen hinaus und sind mitunter falsch. Außerdem werden sie stets einseitig als Importeure französischer Einflüsse in Baden-Baden dargestellt. Im zweiten Teil dieses Kapitels wird die »Dynastie Bénazet« daher basierend auf Primärquellen ausführlich vorgestellt und ihre Rolle als interkulturelle Mittler zwischen Frankreich und dem deutschsprachigen Raum herausgearbeitet.
1.1 Konzessioniertes Glücksspiel in Europa und Baden-Baden
2»En ce qui concerne spécialement les villes thermales, le jeu est une condition sine qua non de leur existence«3, schrieb der französische Journalist Auguste Villemot im Sommer 1856 in »Le Figaro« und verwies auf den Kontrast zwischen der bürgerlichen Langeweile des französischen Heilbades Aix-les-Bains und den mannigfachen Verlockungen eines Weltbads wie Baden-Baden. Obwohl das Glücksspiel offensichtlich ein wichtiger Faktor für den Erfolg eines Modebades war, existierten solche Spielbäder aufgrund der Glücksspielverbote in den meisten Ländern damals nur noch im belgischen Spa sowie in einigen süd- und mitteldeutschen Staaten wie eben im Großherzogtum Baden.
3Nachfolgend werden zunächst die Entstehung und Entwicklung von Spielbädern vor allem in Deutschland einerseits und andererseits die Bemühungen um ihre Abschaffung seitens verschiedener Akteure dargestellt. Anschließend wird die wachsende Bedeutung des konzessionierten Glücksspiels in Baden-Baden seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert im Einzelnen dargestellt und analysiert, wobei ein Fokus auf der Frage nach französischen Einflüssen liegt. Dieser Aspekt wird im dritten Abschnitt vertieft: Hier geht es um die Spielpraxis sowie um die Vorgänger der Bénazets als Spielpächter, die ebenfalls fast ausschließlich Franzosen waren.
1.1.1 Spielbäder
4Während der im Deutschen meist pejorativ verwendete Begriff »Spielbäder« – ebenso wie die seltener anzutreffende und neutraler gebrauchte französische Bezeichnung villes de jeux – erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkam, ist das Phänomen selbst deutlich älteren Ursprungs. Die »weitgehende Emanzipation der Unterhaltung vom gesundheitlichen Aspekt« hatte sich im aristokratisch geprägten europäischen Badeleben bereits im 17. Jahrhundert bemerkbar gemacht4. Die »noble Passion« des Glücksspiels stellte dabei als zentraler Bestandteil der Adelskultur eine Hauptattraktion für Reisende dar und wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts für manchen Badeort zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. So etwa für die Geburtsstätte der modernen Kurstadt, das englische Bath, wo die Spieleinnahmen unter der Ägide des berühmten master of ceremonies, Richard »Beau« Nash, seit 1708 wesentlich zur Finanzierung des Aufschwungs beitrugen5. Öffentlich gespielt wurde auf der Insel damals auch in anderen aufstrebenden Badeorten wie Tunbridge Wells oder Epson. Jedoch wurden Glücksspiele jeglicher Art in Großbritannien durch drei Gaming Acts von 1738, 1739 und 1745 schon früh für illegal erklärt und somit in private Zirkel verdrängt, während sich im kontinentalen Europa gegenläufige Entwicklungen vollzogen.
5Hier stach vor allem das damals noch zum Heiligen Römischen Reich gehörende Spa hervor, das sich nach dem Vorbild von Bath in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum »café de l’Europe« entwickelte, wobei das Glücksspiel eine tragende Rolle einnahm6. Gleiches galt für den Aufschwung anderer Badeorte in verschiedenen deutschen Staaten, zum Beispiel Pyrmont in der gleichnamigen Grafschaft, Schlangenbad in Hessen-Kassel, das unter gemeinschaftlicher Herrschaft der Häuser Hessen-Darmstadt und Oranien-Nassau stehende Ems oder die Reichstadt Aachen. »[A]n vielen Orten [hat man es] gleichsam als einen Grundsatz angenommen, daß weder Messen noch Bäder und Gesundbrunnen ohne Hazardspiele bestehen können«7, klagte 1774 der Verfasser einer rechts- und verwaltungswissenschaftlichen Abhandlung über das Kartenspielen. Zwar wurde das Glücksspiel schon damals als lasterhafte Praxis angesehen, jedoch reagierten viele betroffene Regierungen nicht mit Verboten, sondern gingen zunehmend zu einer obrigkeitlich organisierten Konzessionierung, lokalen Konzentrierung und somit einer Monopolisierung des ursprünglich von verschiedenen Bankhaltern in diversen Gaststätten angebotenen Spielbetriebs über8. Dabei wurde die Verleihung von Exklusivprivilegien durch kommunale und staatliche Autoritäten mit der besseren Kontrolle des Spielbetriebs gerechtfertigt. Verbote wie die britischen Gaming Acts führten, wie man nicht zu Unrecht argumentierte, zu einer Konjunktur des privaten, geheimen Spiels, das als das größere Übel galt, da ein jeder und eine jede, unabhängig von seinen oder ihren Verhältnissen, daran teilnehmen konnte, es dem Falschspiel Vorschub leistete und häufig Ehrenhändel nach sich zog9. Dass in Wirklichkeit jedoch immer auch fiskalische Interessen der betreffenden Staaten oder Städte ein Hauptgrund für die Tolerierung und Konzessionierung öffentlicher Spielbanken waren, zeigte schon die Art der Pachtvergabe, die durch Versteigerung an die meistbietende Partei erfolgte. An der Wende zum 19. Jahrhundert war diese »Entwicklung zum kapitalistischen Unternehmen Glücksspiel« auf dem Gebiet des Reiches schon weit fortgeschritten und manifestierte sich auch darin, dass es sich bei den neuen Spielpächtern oft nicht mehr um Adelige und Militärs mit persönlicher Verbindung zum jeweiligen Herrscher, sondern zunehmend um bürgerliche Unternehmer handelte10.
6In Frankreich hatte die Verstaatlichung des Glücksspiels vergleichsweise spät eingesetzt: Erst unter dem Direktorium wurden angesichts des desaströsen Zustands der Staatsfinanzen seit 1796 förmliche Privilegien vergeben, zunächst für Paris – wo bis dahin geheime oder stillschweigend tolerierte Spielzirkel floriert hatten – und bald auch für andere Städte11. Im Juni 1806 erließ Napoleon ein ambivalentes Dekret, durch das die sogenannten maisons de jeux einerseits im gesamten Reich verboten, andererseits aber Ausnahmeregelungen für die Hauptstadt sowie für Badeorte – einschließlich jener in den besetzen Gebieten – während der Kursaison eingeräumt wurden. Das daraus hervorgehende Konzessionssystem überdauerte das Erste Kaiserreich sowie die Restauration, trug der Staatskasse bedeutende Summen ein und ermöglichte, wie später noch im Einzelnen zu zeigen ist, den Aufstieg Jacques Bénazets. Zur Zeit der Julimonarchie jedoch forderten weite Teile der bürgerlichen Presse und des politischen Justemilieu immer vehementer und schließlich erfolgreich ein Gesetz zur vollständigen Aufhebung aller öffentlichen Spielbanken, das am 1. Januar 1838 in Kraft trat.
7Das französische Glücksspielverbot wirkte sich positiv auf die deutschen Spielbäder aus, die nun einen erhöhten Zustrom vermögender Gäste aus dem Nachbarland verzeichneten12. Gleichzeitig wurde aber die Spielbankenfrage ähnlich wie zuvor in Frankreich nun auch in der deutschen bürgerlich-liberalen Presse zu einem zentralen Thema, das sich hier eng mit dem nationalen Diskurs der Vormärzzeit verband. Demnach wurde das Spiel nicht nur als lasterhafte und vor allem für die unteren Bevölkerungsschichten gefährliche und deshalb moralisch, sozial und volkswirtschaftlich schädliche Praxis, sondern auch als dem deutschen Wesen fremdes, aus Frankreich importiertes Laster identifiziert. Auf politischer Ebene gewann das Thema ebenfalls an Brisanz, und zwar sowohl innerhalb einzelner Staaten, wie später am Beispiel Badens zu zeigen ist, als auch im gesamtdeutschen Kontext. So brachte Württemberg, das selbst keine Spielbank beherbergte, 1844 beim Bundestag einen Antrag auf umgehende Aufhebung aller deutschen Spielbanken ein. Allerdings hätte eine solche Maßnahme einen einstimmigen Beschluss der Versammlung erfordert, der aufgrund der abweichenden Interessen der betroffenen Staaten nicht zu erreichen war13. Anders stellte sich die Situation im Revolutionsjahr 1849 dar, als die Abgeordneten der verfassungsgebenden Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche am 8. Januar über die Spielbankenfrage verhandelten. Wie zuvor schon vielfach in der Presse, wurde hier mit Pathos und teils gepaart mit unverhohlener Frankophobie an das deutsche Nationalgefühl appelliert: »Meine Herren! Es handelt sich hier um einen Ehrenpunkt unseres Vaterlandes, um die Ausrottung einer Gruppe von Producten romanischer Verdorbenheit, denn aus den romanischen Ländern sind diese öffentlichen Spiele zu uns gekommen, und es handelt sich darum, ein brandiges Glied rasch abzuschneiden mit einem schnellen und kühnen Schnitt«14. In diesem Sinne sollte eine gesamtdeutsche gesetzliche Regelung der Spielbankenfrage auch den Einheitsgedanken untermauern, und so verabschiedete die Versammlung schließlich ein Gesetz, dessen einziger Artikel wie folgt lautete: »Alle öffentlichen Spielbanken sind vom 1. Mai 1849 an in ganz Deutschland geschlossen und die Spielpachtverträge aufgehoben«15.
8Es folgten die zu erwartenden Schwierigkeiten. Die Regierungen der betroffenen Staaten gerieten aufgrund des raschen Inkrafttretens des Gesetzes unter Druck. In vielen Fällen standen zu Saisonbeginn nicht nur die Roulette- und Kartentische still, sondern es blieben auch die von den Spielpächtern finanzierten und organisierten übrigen Unterhaltungen aus. Dies drohte die angesichts der angespannten politischen Lage ohnehin voraussichtlich schwierige Saison vollends zunichtezumachen und negative wirtschaftliche Konsequenzen für die lokalen Bevölkerungen nach sich zu ziehen. Robert von Mohl, damals Justizminister der Provisorischen Zentralgewalt, erinnerte sich viele Jahre später während einer Sitzung der Ersten Kammer des Badischen Landtags an »fast unglaubliche Vorkommnisse«, namentlich »Entschädigungsansprüche der Unternehmer, meist Franzosen, unterstützt von ihrer republikanischen Regierung, bis zu 2 Millionen gehend, Petitionen, Drohbriefe«16. Er selbst war seinerzeit direkt in die Auseinandersetzung mit Hessen-Homburg involviert gewesen, wo sich der Pächter François Blanc mit Rückendeckung des Landgrafen weigerte, seine Spielsäle zu schließen. Obwohl dieses Mittel in der Verfassung nicht vorgesehen war, hatte die Provisorische Zentralgewalt schließlich Anfang Mai eine Reichsexekution gegen den Kleinstaat veranlasst. »Mein Spielreich in Homburg wird länger halten als das deutsche Reich in Frankfurt«17, soll Blanc daraufhin verkündet haben, und in der Tat wurde das Gesetz mit dem baldigen Ende der Revolution und dem Scheitern der Reichsverfassung hinfällig, sodass die Kugel fast überall wieder rollen konnte. Nur in Bayern beugte sich König Maximilian II. der »öffentlichen Meinung, [die] über dergleichen Institute in einer Weise sich kundgetan hat, daß deren Fortbestehen als eine Verletzung des sittlichen Gefühles erscheint«18. Er verfügte im August 1849 die umgehende Schließung der damals letzten noch verbliebenen bayerischen Spielbank in Kissingen.
9In der Folgezeit wurde dann vor allem Preußen in der Spielbankenfrage aktiv. 1854 musste das einzige auf seinem Staatsgebiet befindliche Etablissement in Aachen schließen. Im selben Jahr und dann erneut 1858 und 1862 wurden Bemühungen um eine bundesweite Regelung zur Aufhebung der Banken angestrengt19. Jedoch konnte in der Bundesversammlung aus denselben Gründen wie vor 1848 weiterhin keine Einigung erzielt werden. Erst der preußische Sieg über Österreich im Krieg von 1866 sollte die Dinge schließlich vorantreiben. Durch die Annexionen des Herzogtums Nassau, Kurhessens und der Landgrafschaft Hessen-Homburg lagen mit Ems, Wiesbaden, Homburg, Hofgeismar und Nenndorf nunmehr fünf der zwölf noch existierenden deutschen Spielbäder auf preußischem Territorium. Die Spielbanken in den Seebädern Doberan und Travemünde sowie in den Kurorten Pyrmont, Wildungen und Nauheim befanden sich jeweils in Staaten, die ab 1867 dem unter preußischer Führung neu gegründeten Norddeutschen Bund angehörten. In dessen Namen erließ Wilhelm I. am 1. Juli 1868 ein Gesetz, nach dem öffentliche Spielbanken fortan »weder konzessioniert noch geduldet werden« durften und die bereits existierenden mit Ablauf der gegenwärtigen Konzessionen, spätestens aber bis zum 31. Dezember 1872, geschlossen werden mussten20.
10Mit dem Beitritt des Großherzogtums Baden zum Deutschen Reich 1871 wurde diese Regelung auch für Baden-Baden rechtskräftig, wo sich die Spielbank seit der Wende zum 19. Jahrhundert zur wichtigsten Lebensader des Weltbades und seiner Bevölkerung entwickelt hatte.
1.1.2 Glücksspiel und Spielpacht in Baden-Baden
11Das älteste bekannte Dokument über das Glücksspiel in Baden-Baden stammt aus dem Jahr 1748 und ist eine Urkunde des Markgrafen, die einzelnen Gastwirten die Genehmigung erteilte, Räumlichkeiten für das »Hasardspiel« einzurichten21. Von einem zwei Jahrzehnte später erlassenen allgemeinen Spielverbot im Land blieb der damals noch unter seinem offiziellen Namen Baden bei Rastatt bekannte Kurort während der Saison ausgenommen22. Laut dem späteren Karlsruher Hofhistoriker und eifrigen Chronisten Baden-Badens Aloys Schreiber war das Ausmaß des Glücksspiels aber zu dieser Zeit noch begrenzt23. Ohnehin wurde die ehemalige Residenzstadt der Markgrafen von Baden, die nach der Niederbrennung durch französische Soldaten im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1689) ihre einstige Bedeutung verloren hatte, damals nur wenig besucht24. Bis in die 1790er-Jahre belief sich die Zahl der Fremden auf nur wenige Hundert pro Saison, die überwiegend aus der unmittelbaren Umgebung kamen und das Bad in der Regel aufgrund der Heilquellen aufsuchten25. Doch die Französische Revolution leitete in dieser Hinsicht einen allmählichen Wandel ein.
12Zu dieser Zeit bestanden vielfältige Beziehungen zwischen der Markgrafschaft Baden und dem Nachbarland Frankreich. Der als aufgeklärter Herrscher regierende Landesfürst Karl Friedrich pflegte enge Kontakte nach Paris, interessierte sich für französische Staatsdenker und Philosophen, verfasste Essays über Volkswirtschaft in französischer Sprache und orientierte sich am französischen Lebensstil26. Allerdings verfolgte er die revolutionären Ereignisse in Frankreich von Anfang an mit Unbehagen und wachsenden Bedenken. Schon bald wurde Baden zu einem wichtigen Zufluchtsort französischer Revolutionsflüchtlinge, zunächst hauptsächlich aus Adel und Klerus, später jedoch überwiegend aus dem dritten Stand, darunter Bauern, Handwerker und Tagelöhner, vor allem aus dem Elsass27. Baden-Baden blieb indessen ein bevorzugtes Ziel aristokratischer Emigranten und Emigrantinnen, und mit ihnen hielt, wie Schreiber berichtet, auch das »grand jeu« – offenbar mit Bezug auf die damals in Pariser Spielhäusern üblichen Karten- und Würfelglücksspiele mit großer Beteiligung sowie die damit einhergehende Atmosphäre – Einzug, das »vorher nur wenig bekannt war« und das erst »Krieg und Emigration bei uns epidemisch gemacht haben«28. Tatsächlich nahm das Glücksspiel unter dem Einfluss der seit 1792 im Schwarzwald stationierten Armee von Condé, einer konterrevolutionären Truppe aus Angehörigen des französischen Hochadels, überhand, sodass die markgräfliche Regierung 1794 ein umfassendes Spielverbot erließ, das auch Baden-Baden einschloss29. Im Sommer 1796 eroberte die revolutionäre französische Rheinarmee unter General Jean-Victor Moreau Baden-Baden. Die Stadt erlitt keinen Schaden, aber es wurde beschlossen, insbesondere die französischen Adeligen von hier sowie aus der gesamten Markgrafschaft auszuweisen; eine Maßnahme, die nicht zuletzt im Hinblick auf den bevorstehenden Rastatter Kongress getroffen wurde30. Gleichzeitig wurde das Glücksspiel in Baden-Badener Wirtshäusern wieder genehmigt.
13Der Rastatter Kongress, der den Friedensschluss zwischen dem revolutionären Frankreich und dem Reich herbeiführen sollte, begann im Dezember 1797 und wurde im April 1799 durch den Zweiten Koalitionskrieg unterbrochen. Während dieser Zeit unternahmen die internationalen Gesandten Ausflüge in das nahe gelegene Baden-Baden. Schon Zeitgenossen wie Aloys Schreiber schrieben diesem Ereignis die wahre Wiederentdeckung der Kurstadt zu, und auch in der Stadtgeschichte sowie in der Bäderforschung wird diese Ansicht vertreten31. Mitunter wird jedoch auch darauf hingewiesen, dass der Wiener Kongress von 1814/15 wohl noch größere Bedeutung hatte: Viele Diplomaten, die damals zwischen Paris und Wien hin- und herreisten, hätten bei dieser Gelegenheit das etwa auf halber Strecke gelegene Baden-Baden entdeckt und seien später regelmäßig dorthin zurückgekehrt32.
14Da für die fraglichen Jahre keine Zahlen vorliegen, können die tatsächlichen Auswirkungen der beiden Kongresse im Einzelnen nicht bewertet werden. Fest steht aber, dass Baden-Baden zwischen 1790 und 1820 einen enormen Bedeutungszuwachs erfuhr, der sich in den um fast das Zehnfache von 554 auf 5138 angestiegenen Gästezahlen manifestierte33. Zwar wurde über die Nationalitäten der Ankömmlinge zur damaligen Zeit noch keine Statistik geführt, aber wie Douglas Rosenberg nach einem Einblick in die frühen Jahrgänge der seit 1809 existierenden Fremdenlisten feststellt, gab es »einen reichlichen Einschlag westlicher Nachbarn besonders aus dem Elsass«34. Der überwiegende Teil dieser Gäste suchte Baden-Baden nicht wegen der Qualität seiner Quellen auf, sondern wegen seiner günstigen geografischen Lage, seiner malerischen Umgebung, die dem damals aufkommenden Bedürfnis nach romantischer Naturerfahrung Rechnung trug, und nicht zuletzt wegen der gesellschaftlichen Vergnügungen, unter denen das Glücksspiel einen besonderen Stellenwert einnahm: »Die ganze Art der Wiedererweckung lässt uns sofort vermuten, […] dass nur das Vergnügungsbad Baden-Baden, nicht das Heilbad wieder entdeckt war«35, konstatiert Rosenberg, und Aussagen von Zeitgenossen bestätigen diesen Befund. So stellte 1819 der Augsburger Medizinalrat Johann Wetzler fest, dass »[so] wie die Anstalten zu Baden jetzt sind, […] das Bad mehr zur Belustigung von Gesunden als zur Heilung von Kranken geeignet [ist]«36. Keiner der 100 Kurgäste in seiner Herberge habe einen Arzt gebraucht. 1841 schrieb der Breslauer Arzt und Professor für Medizin Johann Wendt, dass die meisten der inzwischen 20 000 Saisongäste der »Vergnügungssucht« folgten und sich darunter »kaum drei Tausend wirklich Hülfe Suchende befinden«37. Diese Tendenz nahm in der Glanzperiode der 1850er- und 1860er-Jahre noch deutlich zu, wie Berechnungen des badischen Badearztes Carl Frech zeigen. Demnach machten »eigentliche Kurgäste«, also solche, die einer Bade- oder Trinkkur folgten, zwischen 1857 und 1868 einen durchschnittlichen Anteil von nur 5,6 Prozent (2700 von 47 423) aller Touristinnen und Touristen aus38.
15Tatsächlich wurde die medizinische Funktion in der Baden-Badener Stadtplanung vernachlässigt, da die markgräfliche und später die großherzogliche Kurortpolitik von Beginn an vor allem auf die Bedürfnisse solcher Gäste zugeschnitten war, welche »den höheren Klassen der Gesellschaft angehören […], die nicht zum Gebrauche der Heilquelle, sondern nur zu ihrer Erholung oder zu Vergnügungszwecken den Kurort besuchen«39. An dieser Stelle sei erwähnt, dass alles, was die kurörtliche Struktur in Baden-Baden betraf, nicht Angelegenheit der Stadt, sondern des Staates war40. Bürgermeister, Gemeinderat und der Bürgerausschuss hatten höchstens eine beratende Funktion oder mussten sich bei besonderen Anliegen mit Petitionen an den Landtag oder den Großherzog persönlich wenden. Zuständig war in erster Linie das Ministerium des Inneren, vertreten durch einen Stadtdirektor, der zugleich der sogenannten Badanstalten-Kommission vorstand.
16Die Präsenz des Glücksspiels war entscheidend für das Ziel, Baden-Baden zu einem erstklassigen Luxus- und Modebad zu entwickeln, denn »Verbote von Hazardspielen schwächen den Zufluss reicher Müßiggänger«41, wie es bereits 1804 formuliert wurde. Entsprechend rechtfertigten die Karlsruher Autoritäten die Tolerierung dieser Praxis mit »Rücksichten, die man den Sitten und Gewohnheiten der Fremden aus höhern Ständen trug«42. In seinem Bericht zur Spielbankenfrage aus dem Jahr 1844 betonte der liberale Staats- und Innenminister Carl Friedrich Nebenius zwar, dass der kontinuierliche Anstieg der Gästezahlen in Baden-Baden nicht allein »der anziehenden Kraft der Spielbank […], sondern vielmehr der vermehrten Reiselust, dem wachsenden allgemeinen Wohlstand, und den natürlichen, durch die Kunst erhöhten Reizen der Badestadt und ihrer Umgebungen« zuzuschreiben sei. Er betonte jedoch die beträchtliche »Zahl derer, welche eine gewohnte Unterhaltung, je nach ihren Umständen[,] in höherem oder niederem Spiele zu finden pflegen« und unter denen sich oft bedeutende Persönlichkeiten befänden: »[W]enn für solche bei der Wahl des Kurortes für ihren Sommeraufenthalt ein Umstand entscheidend wird, so macht ihn der Zusammenhang der großen Welt und ihrer gesellschaftlichen Verbindungen mittelbar auch für viele andere entscheidend«43.
17Dass die Spielbank vor allem für Franzosen und Französinnen attraktiv war, legt unter anderem die bereits erwähnte Tatsache nahe, dass das französische Glücksspielverbot von 1838 zu einem erhöhten Besucherstrom aus dem Nachbarland in rechtsrheinische Kurorte führte44. In Baden-Baden war dieser Effekt zwar nicht unmittelbar spürbar, da zwischen 1835 und 1840 die Anzahl der französischen Gäste nur geringfügig von 3699 auf 3797 Personen stieg. Bis 1845 folgte dann aber ein sprunghafter Anstieg auf 6262 Einträge in den Fremdenlisten, während die Zahl englischer Gäste im selben Zeitraum kaum zunahm45. Dieser Anstieg dürfte jedoch nicht allein auf die Spielbank als solche zurückzuführen sein, sondern vor allem auf die Werbeoffensiven des neuen Pächters Jacques Bénazet und das von ihm erweiterte und verbesserte Unterhaltungsangebot. Diesen Zusammenhang erkannte auch Nebenius, wie aus einem weiteren Schreiben zur Spielbankenfrage hervorgeht, dem überdies zu entnehmen ist, dass dem Regierungschef an einer französischen Klientel besonders gelegen war:
Die Spiele ziehen ohne Zweifel die haute volée hierher. Nicht der Ruf unserer Quellen, nicht die schöne Natur allein, sondern die infolge der Spiele eingetretene Möglichkeit, ihnen elegante Unterhaltung und Virtuosität zu bieten, ziehen die Massen von gebildeten Franzosen nach Baden. Wie wäre es ohne die Spiele dem gebildeten Badepublikum möglich, die ausgezeichneten Künstler und Produktionen, welche so mächtig anziehen und nur in den Hauptstädten Europas wiederzufinden sind, zu hören46.
18Die Präferenz für französische und andere ausländische Gäste ließ sich auch in den Kurortpolitiken anderer »Spielstaaten« beobachten. Dies war laut Rosenberg vor allem auf die finanzielle Potenz der Gäste aus Frankreich, Russland und England zurückzuführen, während die deutsche Bevölkerung aufgrund ihrer vermeintlich geringeren finanziellen Kapazitäten offenbar nicht in Betracht gezogen worden sei47. Daneben spielte aber spätestens seit den 1840er-Jahren gewiss auch die moralische Legitimation eine entscheidende Rolle: In Zeiten, in denen die öffentlichen Spielbanken sowohl im Badischen Landtag als auch in der gesamtdeutschen Presse zunehmend unter Beschuss gerieten und als »nationaler Schandfleck« betrachtet wurden, diente der Verweis darauf, dass hauptsächlich wohlhabende Ausländerinnen und Ausländer ihr Vermögen beim Roulette und beim Trente et quarante einsetzten, ihren Verteidigern als ein wichtiges Argument.
19Die Karlsruher Regierung sah die Erhaltung der Spielbank als zunehmend wünschenswert an, da sie schon bald nicht mehr nur einen Attraktivitätsfaktor darstellte, sondern sich zur wichtigsten Finanzierungsquelle für die Kurortentwicklung in Baden-Baden und darüber hinaus im gesamten Land entwickelte. Anfangs hatte man unter der Herrschaft Karl Friedrichs noch gezögert, das Glücksspiel zu besteuern, da es dessen »religiöse[m] Sinne nichts weniger als entsprochen [hat], daß auf diese Art ein Gelderwerb gemacht werden solle«48. Doch angesichts der schlechten Finanzlage des Staates ging man im Jahr 1801 doch dazu über, von den Bankhaltern in den Wirtshäusern eine Taxe zu verlangen, die nach Partien berechnet wurde. Diese Einnahmen durften jedoch nur für wohltätige Zwecke wie die Unterhaltung des Armenbades verwendet werden. In den folgenden Jahren entstand rasch eine Konkurrenz unter den Spielunternehmern, und die angebotenen Summen waren derart, »daß man sich leicht zu deren Annahme entschließen konnte«, gerade weil »dies zu einer Zeit [war], wo die Staatskasse durch die Kriegskosten bedeutende Opfer bringen musste«49.
20Seit 1804 wurde dann ein jährlicher Pachtzins erhoben und die Konzession für die Spielbank durch Versteigerung vergeben. Der anfangs moderate Betrag von 215 Louisdor, etwa 1000 Gulden (fl.), wuchs bis 1810 auf rund 10 000 fl. an. Im Jahr 1854 betrug die Pachtgebühr 127 000 fl., und gemäß dem letzten Vertrag für die Jahre 1871 und 1872 belief sie sich schließlich auf eine halbe Million Gulden. Diese Mittel waren zweckgebunden und dienten der Erhaltung und Erweiterung der kurörtlichen Infrastruktur nicht nur in Baden-Baden, sondern auch in den anderen, teils neu erschlossenen Bädern im gesamten Großherzogtum wie Antogast, Badenweiler, Peterstal, Rippoldsau, Sulzbach und Wolfach. Seit den 1830er-Jahren machten die Spielpachteinnahmen rund 85 Prozent des dafür eingerichteten »Badanstaltenfonds« aus50. Für Baden-Baden wurde 1839 ein weiterer Betrag hinzugefügt, der nicht im Budget des Innenministeriums aufgeführt war und von Jacques Bénazet und seinen Nachfolgern zunächst für den Neubau und die Verbesserungen am Konversationshaus und später auch für »öffentliche Verschönerungen und Gegenstände des öffentlichen Nutzens für den hiesigen Curort« verwendet werden sollte51. Auch dieser Posten erhöhte sich von Vertrag zu Vertrag beträchtlich, von zunächst 5000 fl. auf rund 200 000 fl. in den 1860er-Jahren.
21Die verfügbaren Informationen über die Einnahmen der Spielbank sind begrenzt und basieren größtenteils auf zeitgenössischen Einschätzungen, die mit Vorsicht zu bewerten sind. Einigermaßen belastbar erscheint ein Bericht der großherzoglichen Budgetkommission aus den 1830er-Jahren, worin von einem Bruttogewinn von 80 000 fl. bei einem Pachtzins von 27 000 fl. die Rede ist. Ein Spielbankgegner berechnete zu Beginn der Bénazet-Ära basierend auf Erfahrungswerten aus den Pariser Spielhäusern einen Nettogewinn von 37 720 fl. bei Gesamteinnahmen von 117 720 fl. und Ausgaben von 75 000 fl. Letztere fielen jedoch in Wirklichkeit deutlich höher aus und Jacques Bénazet hinterließ seinen Nachkommen 1848 eine hohe private Schuldenlast sowie ein Loch von 100 000 fl. in der Kasse des Unternehmens. Für die Glanzzeit in den 1860er-Jahren hält Douglas Rosenberg die Schätzungen zeitgenössischer Journalisten, die von einem Ertrag von 1,5 bis 2 Millionen Gulden und einem Nettoeinkommen von etwa 470 000 fl. ausgingen, für realistisch52. Zieht man in Betracht, dass Jacques Bénazets Sohn und Nachfolger Édouard in den frühen 1860er-Jahren jährlich etwa 340 000 fl. für außervertragliche Leistungen wie Personalkosten, diverse Veranstaltungen und Spenden für wohltätige Zwecke ausgab, erscheinen diese Beträge in der Tat plausibel. Jedoch ist auch hier einzuwenden, dass Émile Dupressoir die Spielbank nach dem Tod seines Onkels 1867 ebenfalls mit einem Defizit von 100 000 fl. übernommen haben soll53.
22Ein Zeitgenosse brachte die zentrale Bedeutung der Spielbank für die Entwicklung Baden-Badens auf den Punkt:
Ohne Spielbank kein Heil für B. Baden. Dem Spiele dankt B. Baden sein Emporkommen und seinen jetzigen Flor und ohne das Spiel würde dieser bald verschwinden, denn das Spiel zieht Fremde herbei, und, was die Hauptsache ist, der Ertrag des Spielpachts verschafft die Mittel zu den kostspieligen Einrichtungen und Anstalten, durch welche B. Baden seine jetzige Bedeutung erhalten hat54.
23Der Artikel, dem diese Aussage entnommen ist, erschien 1840 in der »Deutschen Vierteljahrs-Schrift« und stammte von einem Gegner der öffentlichen Spielbanken, der hier die Position ihrer Verteidiger aufzeigte. Wie Nebenius später feststellte, war dies der erste bedeutende Beitrag in der deutschen Presse, der sich gegen die Spielbäder richtete55. Zahlreiche weitere folgten und Baden-Baden stand dabei meist im Zentrum der Polemik. Die Frage nach dem Fortbestehen von Spielbanken schwebte fortan wie ein Damoklesschwert über dem Weltbad, umso mehr, als sie nicht nur in der Presse und auf Bundesebene, sondern auch in der Landespolitik lebhaft debattiert wurde.
24Der größte Widersacher der Spielbanken im Großherzogtum war der ultrakonservative und streng katholische Freiherr Heinrich Bernhard von Andlaw-Birseck, der als Abgeordneter der Ersten Kammer der Ständeversammlung fungierte. Im November 1843 stellte er dort erstmals einen Antrag auf Aufhebung der Baden-Badener Spielpacht. Darin wies er unter anderem darauf hin, dass ausgerechnet das seines Erachtens lasterhafte Frankreich die moralische Stärke besessen habe, diesen Schritt zu unternehmen, während »[d]as sich so gern seiner Sittlichkeit rühmende Deutschland eigenes und fremdes Gift in seinem Inneren nähren [soll]«56. Andlaw argumentierte, dass Baden mit gutem Beispiel vorangehen müsse, um schließlich die Unterdrückung des Spiels in allen deutschen Bundesstaaten zu erreichen. Gewiss war diese Initiative von konservativer Seite nicht zuletzt als Angriff gegen die liberale Regierung von Carl Friedrich Nebenius gedacht, aber insgesamt lässt sich feststellen, dass die Positionen in der Spielbankenfrage nicht von politischen Lagerzugehörigkeiten abhängig waren. So druckte zum Beispiel ausgerechnet das liberal-national und antiklerikal ausgerichtete »Frankfurter Journal« Andlaws Antrag in seiner Beilage vollständig ab, und auch die »Deutsche Vierteljahrs-Schrift« war bis 1848 klar liberal ausgerichtet. Allerdings gehörte Nebenius zu den prominentesten Verteidigern der Spielbank und begründete seine Haltung so pragmatisch wie liberalistisch damit, »dass das Spiel an sich weder nach natürlichen Rechtsgrundsätzen als widerrechtlich, noch als sittlich verwerflich betrachtet werden kann, indem es seiner Natur nach den Handlungen angehört, die der freien Selbstbestimmung des Einzelnen überlassen bleiben«57. Darüber hinaus war er der Ansicht, dass die von Andlaw geforderte Initiative Badens in der Spielbankenfrage eine erhebliche Bedrohung für die Wirtschaft der Stadt und ihrer Umgebung sowie für das Interesse der Staatskasse bedeute. Außerdem prognostizierte er, dass eine vorzeitige Aufkündigung der noch bis 1853 laufenden Spielkonzession einen Vertragsbruch darstelle, der die staatliche Integrität Badens infrage stellen könnte und voraussichtlich Entschädigungsansprüche des Pächters zur Folge hätte. Aufgrund dieser Argumente lehnte die Kammer den Antrag auf Aufhebung der Baden-Badener Spielbank schließlich nach langer Debatte ab.
25In der Saison 1849 kam es infolge des von der Nationalversammlung beschlossenen Reichsgesetzes über die Aufhebung der Spielbanken tatsächlich zu rechtlichen Auseinandersetzungen mit Édouard Bénazet, der gerade in den Spielpachtvertrag seines verstorbenen Vaters eingetreten war. Ähnlich wie Hessen-Homburg zeigte sich auch Baden hinsichtlich der Umsetzung des Gesetzes zunächst zögerlich, jedoch genügte hier die bloße Drohung mit einer Reichsexekution58. Bénazet reagierte, indem er zu Saisonbeginn nicht nur die Spieltische, sondern das gesamte Konversationshaus, das den gesellschaftlichen Mittelpunkt Baden-Badens bildete, geschlossen hielt59. Zusammen mit François Blanc mobilisierte er im Februar 1849 sogar das französische Außenministerium, das die beiden Spielpächter angeblich »aufs freundschaftlichste [beruhigte] und ihnen kräftigen Schutz zu[sicherte]«, wie ein Pariser Korrespondent einer Augsburger Zeitung empört berichtete: »Bereits hat auch die französische Gesandtschaft in Frankfurt die genaueste Weisung, sich energisch um die Sache dieser Staatsangehörigen Frankreichs, deren wohlerworbenes Recht (?!) verletzt zu werden Gefahr laufe, anzunehmen. – Aber in Frankreich werden sie schon lange nicht mehr geduldet!«60 Im März wandte sich der Reichsinnenminister Heinrich von Gagern in einem Schreiben mit folgender Erklärung an den französischen Gesandten beim Deutschen Bundestag:
Il paraît que les pétitionnaires, en adressant leur réclamation au gouvernement français, ont méconnu le caractère de la décision de l’Assemblée nationale, qui prononce l’interdiction des jeux de hasard. […] L’Assemblée nationale, de même que la législation de France, a aboli les jeux de hasard par une mesure générale, dont les motifs sont puisés uniquement dans la moralité publique. […] Leur suppression est donc simplement une mesure de police prononcée dans l’intérêt commun et n’entre d’aucune façon dans le domaine de la législation civile61.
26Die zivilrechtliche Frage der Entschädigungen falle daher nicht, wie von dem Diplomaten erwogen, in den Zuständigkeitsbereich der Reichverwaltung, sondern sei Angelegenheit der lokalen Autoritäten. Hier wiederum könnten sich die Geschädigten auf die Unabhängigkeit und den Gerechtigkeitssinn der deutschen Gerichte verlassen: »D’après cet état de choses«, erklärte er zusammenfassend, »la question internationale se bornera à constater que les nationaux français ne soient pas moins favorablement traités que les indigènes, et sous ce rapport je crois pouvoir vous donner toutes les assurances désirées«.
27Das Ende der deutschen Revolution verhinderte weitergehende diplomatische Verwicklungen zwischen den deutschen Landesregierungen und Frankreich. In Baden-Baden akzeptierte Bénazet eine Ermäßigung des Pachtzinses um 29 000 fl., anstatt auf einer Entschädigung für seine tatsächlichen Verluste zu bestehen62. Die Regierung zog Lehren aus der Erfahrung und fügte dem Folgevertrag mit Bénazet 1853 entsprechende Klauseln hinzu. So war es gemäß § 2 nunmehr beiden Parteien ab dem Jahr 1863 gestattet, den Vertrag zu kündigen, und § 3 legte fest, dass »[d]er Pacht erlischt, wenn die verpachteten Hazardspiele überhaupt verboten werden sollten«, wobei für den Fall, dass dies vor Ablauf der ersten zehn Jahre geschehen sollte, eine Entschädigungssumme fixiert wurde63.
28Seit Anfang der 1860er-Jahre bereitete sich die Karlsruher Regierung auf die wahrscheinliche Schließung der Baden-Badener Spielbank vor. Es wurde nun doch erwogen, nicht mehr auf eine bundesweite Maßnahme zu warten, sondern selbst die Initiative zu ergreifen und von dem Kündigungsrecht Gebrauch zu machen64. Für die Bürgerinnen und Bürger Baden-Badens war dies eine höchst beunruhigende Vorstellung. Im Auftrag des alarmierten Stadtrates verfasste Hippolyt Schreiber, selbst Mitglied dieses Gremiums und Sohn des Hofhistorikers Aloys Schreiber, eine Petition an die Zweite Kammer sowie ein Schreiben an den Großherzog, dem sich Édouard Bénazet mit einem persönlichen Brief anschloss65. Ferner setzte sich der Abgeordnete der Stadt Baden im Landtag für den Erhalt der Spielbank ein. Diese Bemühungen waren insofern erfolgreich als die Aufhebung der Spielbank zunächst bis 1867, dann auf erneute Initiative des Gemeinderats bis 1870 und schließlich ein letztes Mal bis 1872 hinausgeschoben wurde. Die Verlängerung der Frist war jedoch nicht nur ein Zugeständnis an die Baden-Badener Bevölkerung. Sowohl in Baden-Baden als auch in Karlsruhe ging man davon aus, dass die Stadt ihren Status nach Abschaffung des Glücksspiels nicht dauerhaft aufrechterhalten könnte, und erkannte in diesem Zusammenhang das große Nachholbedürfnis in Bezug auf die Heilfunktion des Bades. Die Regierung forderte daher von den städtischen Behörden, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Diese neu ausgerichtete Kurpolitik spiegelte sich auch in den immer härteren Bedingungen, die Édouard Bénazet und später Émile Dupressoir angesichts der drohenden Schließung ihres Unternehmens annehmen mussten: Neben der deutlichen Erhöhung der Pachtsumme sowie des Betrags für Verschönerungen und Neubauten musste Bénazet seit 1863 zusätzlich 186 000 fl. für »Bauten und Einrichtungen in Baden, welche zu Förderung der Heilzwecke oder zur Verschönerung und Erhöhung der Annehmlichkeiten dienen«, entrichten66. Dupressoir zahlte im letzten Jahr seiner Pacht einen Gesamtbetrag von 700 000 Fr. und verpflichtete sich darüber hinaus, alles, was er und seine Vorgänger auch aus privaten Mitteln in Baden-Baden geschaffen und finanziert hatten, nach Ablauf seines Vertrages unentgeltlich dem staatlichen Badfonds zu überlassen67.
29Mit dem Pachtvertrag von Émile Dupressoir, dem »dernier roi de Bade«, endete im Oktober auch die lange Tradition französischer Spielpächter, die in Baden-Baden so alt war wie das konzessionierte Glücksspiel selbst. Ehe diese Akteure im Einzelnen vorgestellt werden, soll zunächst noch von den Spielen die Rede sein, die sie aus ihrer Heimat mitbrachten.
30Das wohl am meisten gespielte Glücksspiel im 19. Jahrhundert war das Roulette, das im Jahr 1812 in Baden-Baden eingeführt wurde, wo es bis dahin als vermeintliches Spitzbubenspiel verboten gewesen war68. Das moderne Roulette, wie es heute noch gespielt wird, war damals ein relativ neues Glücksspiel, das zur Zeit der Revolution aus einer Kombination verschiedener anderer Spiele in Frankreich entstanden war und vor allem in den geheimen Pariser Spielhäusern populär wurde. Anders als die Bezeichnung »Spitzbubenspiel« suggeriert, bot das Roulette im Vergleich zu Kartenspielen einen vergleichsweise hohen Schutz vor Betrug, aber auch einen größeren Bankvorteil. Es führte aufgrund der vielen möglichen Wettoptionen und der Aussicht auf sehr hohe Gewinne von bis zum 35-Fachen des Einsatzes zu besonders hitzigen Gemütern69. Neben den Kritikern der Spielbanken hat dies besonders eindringlich der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski in seinem 1867 veröffentlichten Roman »Der Spieler« geschildert, in dem er seine eigenen in Baden-Baden, Wiesbaden und Homburg gesammelten Erfahrungen mit der Spielsucht verarbeitete:
Bisweilen blitzte es übrigens in meinem Kopfe auf, wie eine Spur von Ueberlegung. Dann klammerte ich mich an gewisse Zahlen und Chancen, doch sah ich bald wieder von ihnen ab und setzte blindlings, wie bisher. Auch meine Gewinne vermochte ich nicht immer zu kontrolliren, die Croupiers mußten mir öfters zu Hilfe kommen. Von meinen Schläfen rann der Schweiß und meine Hände zitterten70.
31In den staatlich regulierten Pariser Spielhäusern war das Roulette eines der beliebtesten Spiele. Allerdings genoss es in den höheren Gesellschaftskreisen einen schlechten Ruf, da es, anders als die gängigen Kartenglücksspiele, nicht höfischen Ursprungs war. Als Jacques Bénazet, damals Hauptpächter der Pariser Spielhäuser, im Jahr 1827 die Aufstellung eines Roulettetisches in seinem exklusivsten Etablissement, dem Cercle des étrangers, ankündigte, führte dies zu lautstarken Protesten71.
32Vermutlich war das 1812 aufgegebene Verbot des Roulettes in Baden-Baden auf diesen schlechten Ruf in jener Gesellschaftsschicht zurückzuführen, die man vor allem anzuziehen hoffte. Doch nach seiner Einführung entwickelte es sich schnell zu einem Publikumsmagneten und blieb dies auch bis zum Glücksspielverbot von 1872. Gleichzeitig war es das Spiel, das von den Gegnern der Spielbanken am schärfsten verurteilt wurde, nicht nur, weil es als besonders gefährlich in Bezug auf die Spielsucht galt, sondern auch, weil der geringe Mindesteinsatz verstärkt Angehörige der unteren sozialen Schichten anlockte72. Allerdings betrug der Mindesteinsatz beim Roulette in Baden-Baden während der Bénazet-Ära 1 fl., was in heutiger Kaufkraft etwa 15–25 € entspricht oder dem doppelten Tagelohn eines Maurer- oder Zimmergesellen zur damaligen Zeit73. Außerdem waren »Landleute, Dienstboten, Handwerkspursche und dergleichen Leute«, später auch Studenten, namentlich aus dem durch die Eisenbahn näher gerückten Heidelberg, vom Spiel in Baden-Baden ausgeschlossen74. Frauen hingegen durften hier und in anderen deutschen Spielbädern daran teilnehmen, im Gegensatz zu den Pariser Spielhäusern, wo ihnen nur fortgeschrittene Travestiekünste Zugang verschaffen konnten.
33Außer dem Roulette wurde in Baden-Baden und den meisten anderen Spielbädern im 19. Jahrhundert nur noch ein weiteres Spiel namens Rouge et noir, auch bekannt als Trente et un oder Trente et quarante, gespielt. Obwohl die Baden-Badener Spielpachtverträge auch das vor allem im 18. Jahrhundert populäre Kartenspiel Pharo sowie das Würfelspiel Creps erwähnen, wurden diese beiden Spiele, soweit es den Quellen zu entnehmen ist, nie gespielt. Rouge et noir ist ein Kartenglücksspiel, das seinen Ursprung wie das Roulette in Frankreich hat. Es wurde Mitte des 17. Jahrhunderts angeblich von Kardinal Mazarin, dem Lehrmeister und letzten Premierminister Ludwigs XIV., am Hof von Versailles eingeführt75. Im Gegensatz zum »vulgären« Roulette wurde es als aristokratisches Spiel angesehen und von den höheren Gesellschaftskreisen in den deutschen Spielbädern bevorzugt, wie unter anderem Dostojewski in »Der Spieler« beschreibt: »Das Publikum, welches diesem Kartenspiele huldigt, ist vornehmer als das Publikum der Roulette«76. Das Rouge et noir weist zwar einen niedrigeren Bankvorteil auf als das Roulette, bietet aber nur zwei einfache Chancen – rouge oder noir, couleur oder inverse – sodass es im Vergleich zu diesem ein »sehr ruhiges Spiel« ist77. In Baden-Baden fanden beide Spiele in separaten Sälen statt, wobei der Mindesteinsatz beim Rouge et noir mit 2 fl. doppelt so hoch war wie am Roulettetisch.
34Während der Bénazet-Ära war die Anzahl der Spieltische im Konversationshaus zunächst auf insgesamt fünf und ab 1854 sogar auf nur noch drei begrenzt. Schon deshalb galt Baden-Baden trotz aller Kritik weder als das bevorzugte Bad für das »Spielproletariat«, das hier keinen Zutritt hatte, noch für Berufsspieler und -spielerinnen78. Letztere zog es vor allem nach Homburg, wo die Spielbank das ganze Jahr über geöffnet hatte und Anfang der 1840er-Jahre sowohl beim Roulette als auch beim Rouge et noir neue Regeln eingeführt wurden, die den Hausvorteil nahezu halbierten und bald von den meisten anderen Spielunternehmern in deutschen Bädern übernommen wurden, um mehr Publikum anzulocken79. In Baden-Baden war dies nicht der Fall. Vielmehr gelang es den Bénazets, dem Glücksspiel den Anschein einer Nebensache, einer von vielen Unterhaltungsmöglichkeiten, zu verleihen. Ironisch wurde darauf in einer 1862 in der Publikumszeitschrift »Die Gartenlaube« veröffentlichten Reportage mit dem Titel »Aus den deutschen Spielhöllen« hingewiesen: »Wer will nun leugnen, daß Baden keine Spielhölle ist, sondern nur ein reizender Vergnügungsort, wo mitunter auch gespielt wird?«80 Die Pariser Schauspielerin und Schriftstellerin Marie Colombier formulierte ähnlich, aber ohne Ironie, in ihren Erinnerungen an das Baden-Baden der 1860er-Jahre: »Le jeu lui-même n’intervenait dans cette vie enchantée que pour lui donner un piment de plus«81. In Karl Gutzkows »Unterhaltungen am häuslichen Herd« wurde hingegen in einem Artikel über die Baden-Badener Spielbank darauf hingewiesen, dass die eigentliche Gefahr in der indirekten Sittenverderbnis liege, die die bevorzugt in Baden-Baden zu findenden »Mode- und Luxusspieler« mit sich brachten: »Sie verschwenden nicht nur am Spieltisch, sondern auch in den Hôtels und Bijouterieläden; was sie gewinnen, kommt der »Stadt« ebenso zugute, als was sie verlieren dem »Badfonds« und den öffentlichen Anstalten. Aber mit solchem Geld pflegt man die Moral nicht zu befördern«82. Dieses Verhalten, das angeblich der lokalen Bevölkerung als schlechtes Vorbild diente, wurde als ein Aspekt des französischen Einflusses in Baden-Baden interpretiert. Von einer bevorstehenden »moralischen Eroberung« und vom »Abwirtschaften« Baden-Badens durch das Zweite Kaiserreich war hier die Rede.
35Auch wenn zahlreichen zeitgenössischen Beschreibungen der Baden-Badener Spielsäle zu entnehmen ist, dass hier nicht nur Pariser fashionables, sondern gleichermaßen Menschen aus verschiedenen anderen Nationalitäten anzutreffen waren, kann die Spielpraxis selbst zusammenfassend als französischer Kulturimport bezeichnet werden. Der Begriff »Import« ist hier passender als »Transfer«, da nicht nur die Spiele und ihr Reglement unverändert übernommen wurden, sondern auch die Spielsprache Französisch beibehalten wurde und zudem zumindest in der Bénazet-Ära neben den Betreibern auch ein Großteil des Personals, einschließlich der Croupiers und tailleurs, aus Frankreich stammte. Die obigen Ausführungen bekräftigen außerdem die These, dass die Spielbank selbst für den Aufstieg Baden-Badens zur Sommerhauptstadt Europas weniger bedeutend war als das Engagement ihrer Pächter.
1.1.3 Französische Spielunternehmer
36»Ein preußischer König, ein deutsches Parlament wird […] diese Anstalten nicht halten können. Sie sind gegründet von französischen Abenteurern, welche in ihrer Heimath Frankreich mit ihrem schmutzigen Gewerbe unterdrückt, es hinübertrugen auf den geduldigen deutschen Boden«83. Dies postulierte im Jahr 1866 ein anonymer Verfasser in einem Beitrag über die deutschen Spielbäder in der Zeitschrift »Die Grenzboten«, und tatsächlich wurden von den zwölf deutschen Spielbanken, die damals noch existierten, sieben von Franzosen und eine von einem Belgier betrieben.
37Die Tradition französischer Spielunternehmer in deutschen Badeorten reichte bis in die Zeit der Napoleonischen Kriege zurück. Damals hatten Franzosen in den besetzten und annektierten Gebieten bestehende Spielbanken übernommen oder neue gegründet84. Dieses Phänomen setzte sich auch nach 1815 fort und verstärkte sich seit den 1840er-Jahren infolge des französischen Glücksspielverbotes. Wie das Zitat aus den »Grenzboten« deutlich macht und später am Beispiel Baden-Badens und der Bénazets noch genauer gezeigt wird, war die französische Herkunft der Spielpächter ein wichtiges Argument bei der nationalistischen Aufladung der Spielbankenfrage.
38In Baden-Baden waren seit Beginn der Konzessionierung und Monopolisierung mit nur einer Ausnahme alle Spielpächter Franzosen. Die Baden-Badener Archivarin und Stadthistorikerin Dagmar Kicherer vermutet, dass man die durchaus vorhandenen deutschen Interessenten »davor bewahren [wollte], sich die Finger schmutzig zu machen«, und daher auf ausländische Unternehmer zurückgegriffen habe85. Dies steht allerdings im Widerspruch zu einem Regierungserlass von 1806, in dem festgelegt wurde, dass die Glücksspielkonzession einer inländischen Gesellschaft zuzuwenden sei, um das Geld im Land zu halten86. Dessen ungeachtet wurde ein Jahr später die Konzession für das Glücksspiel im Promenadenhaus, das damals als Hauptversammlungsort der Badegesellschaft fungierte, abermals an den Franzosen Joseph Payer vergeben, der sie bereits zuvor innegehabt hatte, einschließlich einer Genehmigung für den Spielbetrieb in drei Baden-Badener Gasthöfen87. Angesichts der engen Beziehungen zwischen Baden und dem napoleonischen Frankreich wäre eine Zurückweisung Payers, eines Militärs im Oberstenrang, wohl schwer zu rechtfertigen gewesen. Großherzog Karl Ludwig verdankte dem französischen Kaiser durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 maßgebliche territoriale Erweiterungen sowie die Kurfürstenwürde. Im Jahr 1806 wurde die Verbindung durch die mit neuerlichem Gebietsgewinn einhergehende Erhebung Badens zum Großherzogtum und die Rheinbundakte sowie durch die Eheschließung zwischen dem badischen Erbprinzen Karl Ludwig Friedrich und Napoleons Adoptivtochter Stéphanie de Beauharnais weiter gefestigt. Letztere hielt sich nach dem frühen Verlust ihres Mannes und bis zu ihrem eigenen Tod im Jahr 1860 häufig in Baden-Baden auf, wo sie, umgeben von treuen Anhängern Bonapartes, zunächst in einem Landhaus und seit 1843 in einem Stadtpalais residierte. In der Stadtgeschichte wird sie als eine zentrale Figur der Franzosenzeit angeführt und ihre Empfänge als erster Baden-Badener Salon bezeichnet88. In den Quellen der 1840er- und 1850er-Jahre wird sie allerdings nur am Rande erwähnt.
39Im Jahr 1809 übernahm François Chévilly, ein weiterer Franzose, die Pacht des Promenadenhauses, während Payer die Genehmigung erhielt, im gerade zu einem »Konversationshaus« umgebauten ehemaligen Jesuitenkolleg eine Spielbank zu betreiben89. Drei Jahre später wurde den Parisern Joseph de Balathier und Jean-Jacques Bernard das exklusive Privileg zum Spielbetrieb in beiden Häusern zugesprochen90. Die Quellenlage für die ersten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts ist dünn und es ist kaum etwas über diese Akteure bekannt. Doch laut einer Beschreibung des badischen Heimatdichters Johann Peter Hebel aus dem Sommer 1812 brachten Balathier und Bernard schon damals einen Hauch der französischen Hauptstadt ins Oostal: »Das ist alles, will nicht sagen fürstlich, aber pariserisch«, schrieb er über die Einrichtung des Konversationshauses; auch würden dort »alle Erfrischungen […] von Parisern bereitet«91.
40Zwischen dem Beginn des Pachtsystems im Jahr 1804 und der Aufhebung der Spielbank 1872 wurde die Kontinuität des französischen Spielunternehmertums in Baden-Baden nur einmal unterbrochen, als im März 1815 die ursprünglich bis 1821 befristete Konzessionslaufzeit Bernards und Balathier nach nur drei Jahren frühzeitig endete. Wie aus einem zwei Jahre später gestellten Entschädigungsgesuch der beiden hervorgeht, hatte dies politische Gründe, nämlich die von ihnen als »acte arbitraire« bezeichnete Aussetzung der badisch-französischen Handelsbeziehungen anlässlich der Rückkehr Napoleons aus der Verbannung auf Elba und des Beginns seiner Herrschaft der Hundert Tage. Obwohl die Geschädigten einräumten, dass »le ban qui mettait hors la loi la personne de Bonaparte n’atteignait pas les Français paisibles, qui n’ont pris part à son invasion qu’en souffrant sous les maux qu’en ont été pour eux la suite déplorable«92, blieb ihre Klage erfolglos.
41Inzwischen hatte ein Berliner Unternehmer, Salomon Oppenheimer, die Pariser als Spielpächter abgelöst. Sein Vertrag, der ursprünglich bis 1827 befristet war, wurde jedoch seitens der Regierung im Frühjahr 1824 ebenfalls vorzeitig aufgekündigt, wobei Oppenheimer im Gegensatz zu seinen Vorgängern eine Entschädigung erhielt93. Der Grund für diese Maßnahme war vermutlich die Aufhebung des Spielbetriebs im ehemaligen Jesuitenkolleg. Dieses in der Altstadt gelegene Gebäude hatte sich angesichts der steigenden Besucherzahl als unzureichend erwiesen. Deshalb wurde das jenseits der inzwischen geschleiften Stadtmauern gelegene Promenadenhaus durch den Architekten Friedrich Weinbrenner zum neuen Konversationshaus erweitert, das fortan den Mittelpunkt des Badelebens bilden sollte. Dies war der letzte Schritt der lokalen Konzentrierung und Monopolisierung des Spielbetriebs im Großherzogtum Baden und gleichzeitig die eigentliche Geburtsstunde der Spielbank Baden-Baden. Mit der Veränderung der örtlichen Gegebenheiten waren auch neue Vertragsbedingungen verbunden, darunter insbesondere eine höhere Pachtsumme. Möglicherweise war Oppenheimer nicht bereit oder in der Lage, diese zu erfüllen, weshalb die Eröffnung des Weinbrenner’schen Hauses mit einem Unternehmerwechsel und mit der Wiederaufnahme der Tradition französischer Spielpächter einherging.
42Politische Bedenken waren diesbezüglich nicht mehr vorhanden. Das Verhältnis zwischen dem Großherzogtum und Frankreich während der Restaurationszeit war von wechselseitigem Wohlwollen und guten Handelsbeziehungen geprägt94. Insbesondere mit dem benachbarten Elsass gab es auch auf der Ebene der Zivilgesellschaften enge Verbindungen. In Baden-Baden machten Elsässerinnen und Elsässer einen so bedeutenden Teil der steigenden Gästezahl aus, dass der Pariser Schriftsteller Gérard de Nerval es bei seinem Besuch im Sommer 1838 als ein »Saint-Cloud de Strasbourg« wahrnahm95. Auch der neue Pächter des Konversationshauses, Antoine Chabert, war ein gebürtiger Straßburger, der zuvor in seiner Heimatstadt ein Café betrieben und dann angeblich in einem von Bénazets Pariser Spielhäusern eine ansehnliche Summe gewonnen hatte, die ihm zum Zuschlag der Badener Konzession verholfen habe96.
43Obwohl der damals in Baden-Baden ansässige deutsch-französische Journalist Wilhelm von Chézy den Straßburger gemessen an seinem Nachfolger Jacques Bénazet als einen »Spießbürger in allen Stücken« bezeichnete, der »immerdar Scheu [trug], auch nur das kleinste Würstlein nach dem Schinken zu werfen«97, trug Chabert bereits entscheidend zum Aufschwung Baden-Badens bei. Mit 27 000 fl. entrichtete er einen gegenüber seinem Vorgänger Oppenheimer (16 800 fl.) deutlich erhöhten Pachtzins. Zusätzlich wendete er für vertragliche Verpflichtungen wie die Ausstattung und Möblierung der Säle und Wirtschaftsräume des Konversationshauses sowie für sonstige freiwillige Investitionen in den ersten sechs Jahren seiner Pacht eine Summe von 195 000 fl. auf98. »Die frühere einfache, bürgerliche Einrichtung [des ehemaligen Promenadenhauses] wurde unter ihm bald ebenso geschmackvoll als elegant«, berichtete der Freiburger Historiker Wilderich Weick über einen damaligen Aufenthalt, »er wusste für die Restauration, für das Vergnügen der Badegäste besser zu sorgen, der Ton wurde feiner, das Leben großartiger«99. Einen besonderen Ruf erwarb sich der ehemalige Cafébesitzer Chabert in der Tat als Gastronom, indem er die zum Konversationshaus gehörenden Speisesäle als »restaurant à la française« nach dem Vorbild berühmter Pariser Lokale einrichtete100. Darüber hinaus führte er weitere Neuerungen ein, die nicht nur dem Namen nach auf das kulturelle Leben in der französischen Hauptstadt Bezug nahmen. 1828 gründete er den Cercle des étrangers für abonnierte Mitglieder, um diese im Konversationshaus durch Musik, Tanz und Gesellschaftsspiele zu unterhalten. Während später auch andere europäische Modebäder ähnliche Institutionen einführten, gab es zu dieser Zeit ansonsten nur in Paris einen solchen Cercle, der von Jacques Bénazet als Spieletablissement für die höchsten Kreise der Gesellschaft betrieben wurde. Im Gegensatz dazu war Chaberts Angebot allerdings der gesamten Badegesellschaft zugänglich und auch für den Mittelstand erschwinglich101. Für die höheren Kreise führte er ebenfalls nach Pariser Vorbild exklusive Bals parés ein, von denen Nerval so begeistert war, dass sie ihm im Vorfeld alle Bälle des folgenden Winters verdarben102. In musikalischer Hinsicht bot Chabert den Abonnenten des Cercle des étrangers mitunter hochkarätige Genüsse, darunter 1830 diverse Auftritte des berühmten italienischen »Teufelsgeigers« Niccolò Paganini. Bei anderen Gelegenheiten zeigte er sich in dieser Hinsicht jedoch weniger kultiviert als seine Nachfolger, zum Beispiel als er anlässlich eines spontanen Konzertes des jungen Felix Mendelssohn Bartholdy den Flügel aus dem Konversationshaus entfernen ließ, da, wie der Musiker berichtete, er »ihm durch [s]ein Spielen eine Menge Leute von der Roulette weggelockt [hätte]«103.
44Während Chaberts Amtszeit von 1824 und 1838 verzeichnete Baden-Baden einen bis dahin beispiellosen Anstieg der Gästezahlen, von 7279 auf 19 198104. Gleichzeitig veränderte sich die Zusammensetzung der Badegesellschaft entsprechend den Wünschen der Regierung: War diese in den ersten beiden Jahrzehnten des Jahrhunderts trotz des wachsenden Zustromes ausländischer Besucher und Besucherinnen, insbesondere aus Frankreich und von den Britischen Inseln, noch überwiegend regional geprägt gewesen, wurde im August 1830 im »Morgenblatt für gebildete Leser« verkündet: »[M]an kann das jährliche Verhältniß der Fremden aus allen Teilen Europas folgendermaßen annehmen: 2/5 Deutsche, ebenso viele Engländer und Franzosen, und 1/5 Niederländer, Italiener, Russen, Polen, Amerikaner etc.«105 Im Laufe der 1830er-Jahre übertraf die Anzahl der französischen Gäste allmählich diejenige der Briten und Britinnen, wenngleich zunächst noch in weniger bedeutendem Ausmaß als dies in den 1840er- und vor allem den 1850er-Jahren der Fall sein sollte106.
45Zu Beginn des Jahres 1837 verbreitete sich in Baden-Baden das Gerücht, dass der Vertrag mit Chabert nach seinem Ablauf im kommenden Jahr nicht erneuert werden sollte. Dies wurde von Einheimischen und Fremden gleichermaßen bedauert, denn der Straßburger wurde als fähiger Spielunternehmer angesehen107. In Karlsruhe wurde dieser Standpunkt aber schon seit längerer Zeit nicht mehr geteilt, denn Chabert hatte durch verschiedene Aktionen den Unmut des für die Spielpachtvergabe zuständigen Innen- und Staatsministers Georg Ludwig Winter auf sich gezogen: In den frühen 1830er-Jahren hatte er wiederholt um Nachlass der Pachtsumme gebeten und dies mit angeblich rückläufigen Einnahmen und dem ihm und seiner Familie drohenden wirtschaftlichen Ruin begründet. Nachdem seinen Bitten jeweils entsprochen worden war, stellte sich später heraus, dass er »in einer Reihe weniger Jahre sich einige Millionen von Franken erworben [und] einen jährlichen Gewinn von mindestens 80 000 fl. bei einem Pachtzins von 27 000 fl. erhalten hat«108. Noch schwerwiegender war die Tatsache, dass Chabert in Reaktion auf die Zurückstellung zweier von ihm gestellter Anträge auf frühzeitige Verlängerung seiner Konzession dem Angebot aus Nassau gefolgt war und im Jahr 1835 auch die Pacht der Spielbanken in den Taunusbädern Wiesbaden, Ems, Schlangenbad und Schwalbach übernommen hatte. Winter empfand es als unvereinbar mit den Interessen des Badener Etablissements, dass der Unternehmer seine Ressourcen auf diese Weise zersplitterte, und betrachtete ihn daher nicht mehr als akzeptablen Pächter, wie er dem Großherzog mitteilte109. Darüber hinaus war der Minister überzeugt, dass man in dem Pariser Spielunternehmer Jacques Bénazet, mit dem seit Oktober 1836 Verhandlungen geführt wurden, bereits einen äußerst geeigneten Nachfolger gefunden hatte. Er glaubte, »daß wir einen gleich guten Pächter […], der die erforderlichen Einrichtungen in Baden auf einen anständigen Fuß bringen, überhaupt diesen Badeort mehr emporbringen wird, als dieser Mann […] nicht sonst wo finden werden«110. Dieses Urteil sollte sich als zutreffend erweisen und Jacques Bénazet in seiner Bedeutung als Mäzen Baden-Badens nur noch von seinem Sohn und seinem Enkel übertroffen werden.
1.2 Die Dynastie Bénazet
46Im heutigen Baden-Baden verläuft zwischen Kurhaus und Trinkhalle der Bénazetweg zum Michaelsberg hinauf. Auf einem Gedenkstein, halb vom hohen Gras verborgen, steht geschrieben:
Zum Gedenken an die »Dynastie Bénazet«
Jacques Bénazet, »le roi de Bade« (1838–1848)
Édouard Bénazet, »le duc du zéro« (1848–1867)
Émile Dupressoir (1867–1872)
Spielbankpächter, Mäzene und Ehrenbürger der Stadt Baden-Baden
»La capitale d’été de l’Europe«.
47Im Inneren des Kurhauses schmücken die Porträts der Familienmitglieder den Eingangsbereich des Casinos, während das von Jacques Bénazet zudem, überlebensgroß an die Wand gemalt, die Blackjack-Tische im nach ihm benannten Bénazet-Saal zu überwachen scheint. Im Juli 1980 erinnerte der damalige französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing bei einem Staatsbesuch im Baden-Badener Rathaus im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft an seine Landsleute: »Au siècle dernier, c'est à deux Français, Jacques et Édouard Bénazet, que Baden-Baden doit de devenir la capitale d’été de l’Europe, celle où se rassemble tout ce qui compte sur notre continent«111. Die Bedeutung der Bénazets für den Aufstieg Baden-Badens zur Sommerhauptstadt Europas wird nicht nur in der Stadtgeschichte, sondern auch in der einschlägigen Forschung hervorgehoben112, aber gemessen an ihrer internationalen Bekanntheit zu Lebzeiten sind die überlieferten Informationen über sie spärlich und teilweise inkorrekt.
48Um diesem Mangel entgegenzuwirken, wird zunächst die Geschichte des Aufstiegs von Jacques Bénazet und seiner Familie im nachrevolutionären Frankreich nachgezeichnet und anschließend ihr Wirken in und ihr Verhältnis zu Baden-Baden beleuchtet. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf ihrer zentralen Position im deutsch-französischen Beziehungsgeflecht der Stadt.
1.2.1 Herkunft und gesellschaftlicher Aufstieg
49Jacques Bénazet war ein aus einfachen Verhältnissen stammender Südfranzose und ein klassischer Aufsteiger der revolutionären und postrevolutionären französischen Gesellschaft113. Er wurde 1778 in Foix im Departement Ariège als Sohn eines Hufschmieds geboren. Ein erster Schritt, um sich aus dem kleinbürgerlichen Milieu seines Elternhauses zu befreien, war die Anstellung des erst 15-Jährigen als Sekretär der Gemeindeverwaltung im Jahr 1793. Im darauffolgenden Jahr gehörte Jacques zu den wenigen auserwählten Söhnen von Sansculotten, die eine Offiziersausbildung und eine republikanische Erziehung an der Militärakademie École de Mars erhalten sollten. Doch nach dem Sturz der Jakobiner im Juli 1794 wurde die Schule nach nur wenigen Monaten wieder geschlossen. Bénazet gab das Ziel einer militärischen Laufbahn auf und entschied sich stattdessen für ein Studium der Rechtswissenschaften in Bordeaux, wo er anschließend zunächst als Angestellter am Handelsgericht und später als Rechtsanwalt an einem tribunal de première instance arbeitete. Im Jahr 1798 heiratete er die Tochter des wohlhabenden Reeders Hugues Lapierre, der während der Terrorherrschaft hingerichtet worden war. Im Jahr darauf wurde ihre Tochter Hortense geboren, gefolgt von den beiden Söhnen Édouard und Théodore in den Jahren 1801 und 1805.
50Schon in Bordeaux fanden glanzvolle Veranstaltungen im Hause Bénazets statt, den man für seinen »esprit conciliant« sowie die »urbanité de ses manières« schätzte114. Zu dieser Zeit knüpfte er enge Verbindungen zu Persönlichkeiten, die während der Zweiten Restauration (1815–1830) hohe politische Ämter bekleiden sollten. Es ist unbekannt, wann und aus welchen Gründen Bénazet seinen bisherigen Beruf aufgab und mit seiner Familie nach Paris übersiedelte, wo er sich an verschiedenen Geschäften beteiligte und sich so den Respekt des aufstrebenden Finanzbürgertums erwarb. Im Jahr 1820 trat er als Vermittler im Konflikt der beiden damaligen Inhaber der Pariser Spielkonzession auf und wurde bald darauf selbst Teilhaber des Unternehmens. Schnell stieg er zum Primus inter Pares auf und war schließlich von 1828 bis zur Aufhebung der Spielbanken am 1. Januar 1838 alleiniger Konzessionär.
51Die Pariser Pacht umfasste damals zunächst zehn, später acht und zuletzt noch sieben Spielhäuser, die sich in den Galerien oder in unmittelbarer Nähe des seit der Revolution als Vergnügungsviertel Europas geltenden Palais-Royal befanden. Zwielichtige Etablissements wie die von Honoré de Balzac in »La peau de chagrin« (1831) beschriebene Adresse 36, Palais-Royal gab es zu Bénazets Zeiten nicht mehr, da er eine rigide Einlasskontrolle einführte und eng mit der Pariser Polizeibehörde kooperierte. Der Präfekt des Seine-Departements, Claude-Philibert Barthelot, Graf von Rambuteau, bescheinigte, dass die Spielverwaltung bei Bénazet in den besten Händen sei, »que vous y donnez tous vos soins, que vous allez fréquemment au-devant du mal, et qu’il y a lieu de rendre justice à vos bonnes intentions«115. Der Zutritt zu Etablissements wie dem berühmten Frascati oder dem bereits erwähnten Cercle des étrangers war einem auserlesenen Publikum aus den in- wie ausländischen gesellschaftlichen Eliten der Hauptstadt vorbehalten. Ähnlich wie später in den multifunktionalen Kurhäusern der europäischen Modebäder gab es hier ein umfassendes Unterhaltungsprogramm, das neben dem Glücksspiel auch Theatervorstellungen, Bälle sowie Lesekabinette einschloss. Aufgrund von Jacques Bénazets besonderer Leidenschaft für Musik fanden außerdem regelmäßig Konzerte statt, bei denen renommierte Musiker und Musikerinnen ihr Können zeigten.
52Im Laufe der 1820er-Jahre erlangte Jacques Bénazet den Ruf eines »grand seigneur« und »homme de goût« in der Gesellschaft des Tout-Paris116 . Dieser noch heute geläufige Begriff bezeichnet die Gesamtheit der Persönlichkeiten aus den Bereichen Literatur, Kunst, Wirtschaft und Politik, die aufgrund ihrer Bekanntheit bei mondänen Veranstaltungen der Hauptstadt präsent sind117. Diese Definition entspricht auch dem Begriffsverständnis des Untersuchungszeitraums, wobei die Liste um Angehörige des Adels erweitert werden muss, wenngleich schon damals vor allem nichtadelige Eliten bei der Konstituierung und Dynamisierung dieses Milieus eine tragende Rolle spielten118.
53Trotz der allmählich lauter werdenden Kritik aus Teilen des bürgerlichen Lagers an den staatlich konzessionierten Spielbanken schien Jacques Bénazet vorerst keine Angst um sein Unternehmen haben zu müssen. Er galt nicht nur, wie ein Kritiker polemisierte, als »cher et tendre ami« des Seinepräfekten119, sondern pflegte seit der Zeit als Anwalt in Bordeaux auch enge Freundschaften zu anderen wichtigen Persönlichkeiten des politischen Lebens. Dazu gehörten zum Beispiel Pierre-Denis de Peyronnet, der zwischen 1821 und 1828 das Justizministerium leitete, sowie der Staatsrat und vorletzte Regierungschef der Restauration Jean-Baptiste de Martignac. Gleichzeitig vermied es der von seinen Zeitgenossen als diplomatisch und unparteiisch charakterisierte Spielunternehmer, selbst politisch Position zu beziehen. Dies mag dazu beigetragen haben, dass der Regimewechsel im Juli 1830 für ihn zunächst keine nachteiligen Folgen hatte, sondern er sogar noch an Ansehen gewann.
54Dass Bénazet seine Lokale während der Trois Glorieuses geschlossen hielt, stieß bei der Klientel auf Unverständnis: »Est-ce que le départ d’un roi empêche la roulette de tourner?«120, wurde in Spielerkreisen moniert. Tatsächlich überdauerte das konzessionierte Glücksspiel den endgültigen Sturz der Bourbonen um rund sieben Jahre. Erst im Juni 1836 reagierte die Abgeordnetenkammer auf die immer massiver werdenden Proteste, die sich in Form von Petitionen, zahllosen Pamphleten, eigens gegründeten Periodika und sogar Theaterstücken äußerten. Dabei wurde Bénazet als Hauptverantwortlicher für die Beibehaltung des vermeintlichen Lasters ausgemacht und stand somit im Zentrum der Kritik:
Seulement le fermier des jeux avait bon dos. On l’accusait de ne mettre en usage que des moyens de corruption vis-à-vis des représentants de l’intérêt public et de l’opinion; on lui prêtait une influence démesurément dispendieuse, qui ne s’arrêtait pas au seuil de la Chambre des députés; on en faisait un marquis de Carabas, dont toutes les poignées de main cachaient un pot-de-vin121.
55Tatsächlich lassen sich für die zögerliche Haltung der französischen Politik in der Spielbankenfrage dieselben Motive anführen, wie sie bereits für den badischen Fall erörtert wurden: Zum einen hatte man die Erfahrung gemacht, dass Verbote in der Vergangenheit stets das geheime Glücksspiel gefördert hatten122. Zum anderen spielte die von Bénazet entrichtete Pachtsumme der Staatskasse jährlich rund sechs Millionen Fr. ein, die vollständig dem Hauptstadtbudget gutgeschrieben wurden. Zusätzlich war die Stadt Paris seit 1828 mit drei Vierteln am Gewinn beteiligt123. Die verbleibende Summe teilte Bénazet, da er das Unternehmen als Kommanditgesellschaft betrieb, mit sieben weiteren Partnern. Der Spielpächter war demnach zwar ein sehr vermögender Mann, jedoch nicht in einem Maße »qui lui permît d’enrayer à prix d’or la circulation de toutes les consciences«124.
56Von größerem Interesse als die Gründe für das Zögern und Handeln der französischen politischen Entscheidungsträger ist in Hinblick auf Bénazets Rolle in Baden-Baden seine Einflussnahme auf die öffentliche Meinung. Einer seiner eifrigsten Widersacher, bekannt unter dem Pseudonym Saint-Félix, berichtete in einer Kritik des zeitgenössischen Journalismus von seinen vergeblichen Versuchen, einen Artikel gegen Bénazet in einer Pariser Zeitung unterzubringen. Die »Quotidienne« und die »Gazette de France« hätten ihn ebenso abgewiesen wie das »Journal des débats« und der »National«, da Bénazet angeblich die Verleger bestochen habe125. Der Pariser Chronist Charles Lefeuve bemerkte später zwar ebenfalls, dass der Spielpächter »le silence des meilleurs organes de la presse« auf seiner Seite gehabt habe, fügte jedoch hinzu, dass Bestechung dafür nicht notwendig gewesen sei: »Un savoir-vivre sans égal [le] mettait fort à sa place parmi les gens d’esprit, et lui conciliait gratuitement plus d’égards que tout autre n’eût réussi à en acheter«126. Während der Wahrheitsgehalt dieser widersprüchlichen Bekundungen nicht mehr verifizierbar ist, gibt es einige gesicherte Informationen über Bénazets Verbindungen zur Pariser Presse. Sein Sohn Théodore war inzwischen ein erfolgreicher politischer Journalist des »Journal des débats«. Adolphe Thiers, ein führender Redakteur des »Constitutionnel« und Mitbegründer des »National«, war ein regelmäßiger Sommergast auf Bénazets Landsitz in Neuilly-sur-Seine. Louis Véron, Gründer der Zeitschrift »La Revue de Paris« und Direktor der Pariser Oper, gehörte ebenfalls zu seinem engen Umfeld und berichtete in seinen Memoiren, dass Bénazet »le mécène de quelques gens de lettres« gewesen sei127.
57Bénazets Ansehen profitierte auch davon, dass er kurz nach der Thronbesteigung Louis-Philippes zum Kommandanten der Nationalgarde ernannt wurde und später den Rang eines Oberstleutnants erreichte. Im Jahr 1832 erhielt er das Kreuz der Ehrenlegion für sein Eingreifen während der Juniunruhen. Kritischen Stimmen gegenüber entgegnete damals ein Redakteur der Zeitschrift »La Mode«: »Voici enfin un choix honorable auquel tous les gens de cœur applaudiront. […] Au milieu du scandale des noms et de la honte de tant de choix, la distinction que vient d’obtenir M. le fermier des jeux est encore une des plus honorables, des plus légitimes et des plus décentes«128. Die Auszeichnung zahlte sich später aus als Bénazet gegenüber seinen Verhandlungspartnern in Karlsruhe nicht nur als Unternehmer, sondern – wie er dann auch im Spielpachtvertrag von 1837 tituliert wurde – als »Gutsbesitzer und Ritter der Ehrenlegion« auftreten konnte. Tatsächlich besaß er diverse Grundstücke und Immobilien in der Gemeinde Neuilly-sur-Seine am Rande des Bois de Boulogne, wo auch sein Bataillon stationiert war. Darunter befand sich insbesondere das Landhaus Folie de Saint James, wo philanthropischen Zwecken dienende Bälle veranstaltet wurden. Zu den Sommergästen, die längere Zeit dort verweilten, zählten neben dem bereits erwähnten Adolphe Thiers auch der italienische Komponist Luigi Cherubini, die Schriftstellerin und wohl berühmteste Salonnière der Epoche Juliette Récamier sowie der englische Staatsmann, Diplomat und spätere Botschafter Sir Henry Wellesley129.
58In Paris war Bénazet als Privatmann der Chaussée d’Antin verbunden, dem Viertel der neuen gesellschaftlichen Eliten, insbesondere der Hochfinanz, aber auch der Künstler, Literaten und Theaterleute. In seinem herrschaftlichen Haus an der Rue Laferrière trat er als glänzender Gastgeber in Erscheinung. Bei seinen Empfängen und Festen, »citées partout pour leur magnificence et leur luxe artistique«130, versammelten sich ebenso illustre wie in Hinblick auf ihre Zusammensetzung einzigartige Gesellschaften. Der Feuilletonist Eugène Guinot, der später für Baden-Baden von großer Bedeutung sein sollte, beschrieb in einer seiner Pariser Chroniken ein solches Fest und hob die Qualitäten des Hausherrn hervor:
Peut-être n’y avait-il à Paris qu’une seule maison pour réunir ainsi des acteurs si divers. […] M. Bénazet ne s’est jamais mêlé aux affaires publiques, sa position et son caractère lui ont permis d’avoir et de conserver des amis dans tous les partis, et son salon est un terrain neutre où les extrêmes se touchent et se confondent toutes les couleurs du prisme politique131.
59Diese Beschreibung von Bénazets Salon als neutrales Territorium nahm bereits vorweg, was insbesondere französische Journalisten später vielfach über Baden-Baden berichten sollten. Als Bénazet dort 1838 die Nachfolge von Antoine Chabert antrat, hatte er beinahe sein 60. Lebensjahr vollendet und auf seinem Weg vom Sohn eines Sansculotten aus der südfranzösischen Provinz zum Pariser Weltmann ein beträchtliches materielles und soziales Kapital akkumuliert: Er besaß sowohl Geld als auch Immobilien, war kultiviert, akademisch gebildet sowie militärisch ausgezeichnet und verfügte über ein ebenso bedeutendes wie vielfältiges Netzwerk von sozialen Beziehungen. Der badische Innenminister Georg Ludwig Winter war durch den Karlsruher Hofbankier Salomon von Haber, der Bénazet eingeführt hatte und als dessen Unterhändler fungierte, über diese Hintergründe informiert, als im Herbst 1836 die Verhandlungen über die künftige Spielpacht aufgenommen wurden. Entsprechend nachvollziehbar ist seine Einschätzung gegenüber dem Großherzog, »daß wir einen gleich guten Pächter […] nicht sonst wo finden werden«. Nun wird sich zeigen, wie zutreffend diese Annahme tatsächlich war.
1.2.2 Jacques Bénazet in Baden-Baden
60Salomon von Haber informierte Winter im Laufe des Jahres 1836 über den Pariser Unternehmer Jacques Bénazet und dessen Interesse, die Spielkonzession in Baden-Baden zu übernehmen. Haber und seine Söhne betrieben auch in Paris Bankgeschäfte und waren wohl auf diese Weise mit dem dortigen Spielunternehmer in Kontakt gekommen. Im Januar 1837 ermächtigte Großherzog Leopold den Innenminister, eine Übereinkunft mit dem Bewerber aus Paris zu treffen, was dann auch bereits am 7. Februar geschah. Théodore Bénazet kam als Vertreter seines Vaters nach Karlsruhe, um den Vertrag über die »pachtweise Ueberlaßung des Conversationshauses zu Baden und der darauf bewilligten Restauration und Hazardspielberechtigung« zu unterzeichnen, der 1839 beginnen sollte und auf 15 Jahre befristet war132. Dieser Vertrag beinhaltete erhebliche finanzielle Verpflichtungen seitens des neuen Pächters. So war bei den Verhandlungen unter anderem seine Einwilligung ausschlaggebend gewesen, eine Zahlung von 140 000 fl. als Einstandsgeld zu leisten, um das Defizit der Badkasse zu beseitigen. Der jährliche Pachtzins erhöhte sich von 27 000 fl. unter Chabert auf nunmehr 40 000 fl., zu denen die oben erwähnten 5000 fl. hinzukamen, die der Unternehmer zusätzlich jedes Jahr für Neubauten und Verbesserungen verwenden musste, wobei dies letztendlich nicht nur das Pachtobjekt, sondern die kurörtliche Infrastruktur insgesamt betreffen sollte. Das Konversationshaus wurde in einem gesonderten Paragrafen behandelt, der besagte, dass der Pächter die Kosten für Instandhaltung, Möblierung und Dekoration zu tragen hatte und mit Genehmigung der Regierung und auf eigene Rechnung auch wesentliche Veränderungen und Erweiterungen daran vornehmen konnte.
61Die Entscheidungsträger in Karlsruhe hatten jedoch nicht nur den finanziellen Aspekt im Sinn. Andernfalls hätten sie, entsprechend dem üblichen Prozedere der Pachtvergabe an den Meistbietenden, das höhere Gebot, das Antoine Chabert Ende Januar 1836 vorgelegt hatte, nicht unberücksichtigt gelassen133. Tatsächlich wurde im Vertrag selbst in § 26 ausdrücklich erwähnt, dass neben dem Wissen über die vorhandenen Betriebsfonds von Bénazet auch »sein Name [und] seine erprobte Fähigkeit für eine solche Unternehmung […] für die Regierung ein Hauptmotiv zum Abschluß des vorliegenden Vertrags waren«134. Ein zeitgenössischer Biograf Winters nannte ferner die »außerordentlich günstigen Verbindungen« des Parisers als Motiv und fügte hinzu, dass der Innenminister überdies Bedenken gehabt habe, dass Bénazet sein Geschäft in einen Schweizer Badeort verlegen könnte und dadurch der Stadt Baden und indirekt dem ganzen Land erheblichen Schaden zufügen könnte, falls er abgelehnt würde.
62Aufgrund der Vorzüge, die Bénazet mitbrachte, verzichteten die Verantwortlichen auf ein offenes Ausschreibungsverfahren für die Spielpachtvergabe, obwohl ein solches gemäß der bestehenden Verwaltungsvorschriften angemessen gewesen wäre135. Anfangs wurde dies von niemandem beanstandet, außer von dem abgelehnten Chabert, dessen Versuche, »Verdächtigungen auszustreuen, als hätten bei der Pachtbegebung Unregelmäßigkeiten stattgefunden«136, erst bei Bénazets Amtsantritt 1839 Beachtung fanden. Zu dieser Zeit tauchte zusätzlich das Gerücht auf, dass Bénazet die Regierung bestochen habe, um den Zuschlag zu erhalten, indem er, wie es in einem in verschiedenen Periodika zitierten Artikel im »Schwäbischen Merkur« hieß, »[n]ach französischem Gebrauch […] eine beträchtliche Summe zu Geschenken aus[gesetzt]« habe137. Solche Anschuldigungen in Verbindung mit seiner Nationalität sollten Bénazet und seine Nachfolger in der Zukunft noch häufig treffen. Der Urheber des Bestechungsgerüchts, das sich auf dem Wege der Presse rasch über die Grenzen des Großherzogtums hinaus verbreitete, war selbst ein Franzose, nämlich der bereits erwähnte Saint-Félix, der Bénazet während dessen Zeit als Pariser Spielunternehmer der Korruption bezichtigt sowie mehrere gegen ihn gerichtete Pamphlete verfasst hatte und im September 1838 in Baden-Baden aufgetaucht war138. Die Abgeordneten der Ständeversammlung reagierten äußerst besorgt und fürchteten um den »Ruf der Reinheit der badischen Verwaltung« im In- und Ausland, insbesondere da »sich in diesem Augenblick Personen aus allen Ländern Europas eben an dem Orte befinden, wo das Gerücht, um das es sich handelt, entstanden«139.
63Erste Ermittlungen, die im Auftrag des Innenministeriums durchgeführt wurden, ergaben, dass offenbar zwischen Bénazet und dem inzwischen verstorbenen Salomon von Haber ein Vertrag abgeschlossen worden war. Dieser verpflichtete den Spielpächter nicht nur zur Zahlung der bedeutenden Summe von 105 000 fl., sondern sicherte dem Bankhaus Haber & Söhne ohne jegliche Einlage die Hälfte der zukünftigen Gewinne aus dem Spielunternehmen zu140. Bénazet, konfrontiert mit diesen Erkenntnissen, zeigte sich wenig daran interessiert, den Sachverhalt aufzuklären, wie Anton Christ, der mit den Ermittlungen betraute Jurist und Abgeordnete der Zweiten Kammer, berichtete:
Herr Bénazet hat diese Punkte nicht zugegeben, dieselben jedoch auch nicht förmlich in Abrede gestellt, und sprach mit mir vielmehr über die rechtliche Gültigkeit eines solchen Vertrages. […] Er nahm mit mir an, daß, wenn ein solcher Vertrag vorhanden wäre, er nur nach den Grundsätzen des französisch-badischen Civilrechts beurtheilt werden könnte, und diese Gesetzgebung, als wesentliches Erforderniß eines Vertrags, das Vorhandensein einer Vertragsursache, und bei Gesellschaftsverträgen insbesondere die Wechselseitigkeit festsetze. Gerade aber von einer Vertragsursache, warum und zu welchem Zwecke diesem Banquierhause eine so große Summe Geldes gezahlt worden sei, wäre überall nichts bekannt, und deßhalb erklärlich, daß man sich in Vermuthungen aller Art erschöpfe141.
64Hier zeigte sich der ehemalige Jurist Bénazet, der mit der Zivilgesetzgebung seiner neuen wirtschaftlichen Heimat, dem Großherzogtum Baden, dank der Übernahme des französischen Code civil vertraut war und dies auch betonte. Der deutschen Sprache scheint er hingegen nicht mächtig gewesen zu sei, denn die wenigen von ihm unterzeichneten Schriftstücke, die im Generallandesarchiv in Karlsruhe zu finden sind, sind entweder in französischer Sprache verfasst oder erweisen sich durch Wortwahl und Syntax als Übersetzungen aus dem Französischen. Wer in Jacques Bénazets Pachtzeit als Vermittler fungierte, ist nicht bekannt. Sein Sohn Édouard betraute mit dieser wichtigen Aufgabe den Baden-Badener Sprach- und Volksschullehrer Theophil Weih, den er zum Sekretär seines Unternehmens machte.
65Da der Verdacht im Raum stand, dass Regierungsbeamte – darunter der im Frühjahr 1838 verstorbene Georg Ludwig Winter – an dem undurchsichtigen Geschäft beteiligt gewesen waren, konnte die Ständeversammlung vorerst keine Entwarnung geben und beauftragte im Juli 1839 das Justizministerium mit der endgültigen Aufklärung der Angelegenheit. Neben der erhofften Entlastung der Staatsverwaltung ging es dabei auch um die Auslegung des § 28 des Spielpachtvertrags, in dem der Regierung Maßnahmen »wegen nicht contractmäßiger Erfüllung« seitens des Spielpächters »oder aus irgend einer sonstigen Veranlaßung« eingeräumt wurden. Im Verlauf der Ermittlungen kamen zudem weitere Gerüchte über diverse Schulden und in Paris anhängige Zivilklagen gegen Bénazet ans Licht, sodass nun auch seine Solvenz infrage gestellt wurde. Aufgrund dessen und weil man mehr über Saint-Félix als Urheber der Unterstellungen herausfinden wollte, führte das Ministerium die Untersuchung in Zusammenarbeit mit der Pariser Staatsanwaltschaft und Polizeipräfektur durch, was reibungslos funktionierte, wie der entsprechende Schriftwechsel zeigt142.
66Erst im Jahr 1844 wurde der Fall schließlich geschlossen. Sowohl die Beamten, die an der Vergabe des Pachtvertrags beteiligt gewesen waren, als auch Bénazet wurden von den Vorwürfen der Vorteilnahme bzw. der Bestechung freigesprochen. Die Vereinbarungen zwischen Bénazet und dem Bankhaus Haber wurden als Privatangelegenheit angesehen und die Regierung sah mithin keinen Anlass, gegen Bénazet als Spielpächter vorzugehen. Zweifel an dessen Zahlungsfähigkeit konnten dank der Informationen aus Paris ebenfalls ausgeräumt werden, zumal Bénazet seinen Verpflichtungen in Baden-Baden bisher nicht nur vollständig nachgekommen war, sondern sogar mehr geleistet hatte als erforderlich und überdies eine Kaution hinterlegt hatte143. Die Berichterstattung über den Bestechungsvorwurf war bereits im Sommer 1839 abgeflaut, und in den folgenden Jahren sollten Artikel, die den neuen Unternehmer lobten, zumindest vorübergehend die Berichterstattung in der deutschen Presse dominieren.
67»Ces choses-là, il faut les faire grandement ou ne les faire pas du tout«144. So lautete Jacques Bénazets Motto und so traf er bereits im Jahr vor dem Antritt seines Baden-Badener Pachtvertrags entsprechende Vorbereitungen. Im Oktober 1838, unmittelbar nach Ende der Saison, begannen umfangreiche Umbau- und Neugestaltungsmaßnahmen des Konversationshauses, das angesichts der stetig steigenden Besucherfrequenz erneut zu klein geworden war. Die Arbeiten umfassten den Ausbau und die Gestaltung von vier neuen Sälen an der Rückseite des Gebäudes, des großen Konversationssaals und der daran angrenzenden Seitensalons sowie des Restaurants inklusive des Cafés und einer neu eingerichteten Rauchergalerie im Ostflügel. Nach den Plänen und unter der Leitung des renommierten Hofmalers und führenden Bühnenbildners der Pariser Oper, Pierre Luc Charles Ciceri, wurden alle Räumlichkeiten gemäß dem damals in der französischen Hauptstadt beliebten Stil des historistischen Eklektizismus umgestaltet, dekoriert und möbliert. Bénazet investierte in den bis 1841 abgeschlossenen Umbau große Summen, die weit über den vertraglich vereinbarten Betrag hinausgingen.
68Das ebenfalls im Gebäude befindliche Lesekabinett sowie die damit verbundene Presse- und Buchhandlung und Leihbibliothek waren zwar, wie auch die übrigen Boutiquen, von der Spielpacht ausgenommen, aber der Inhaber, der Badener David Raphael Marx, war auf Bénazets Ansprüche hinsichtlich des Zielpublikums eingestellt und leicht zu einer Einigung mit ihm bereit. Schon in den 1830er-Jahren hatte er sein Institut in französischer Sprache beworben und sich an Vorbildern aus Paris orientiert145. Im Zuge des Umbaus von 1839 bis 1841 zog die Bücherei in neue Räumlichkeiten um und wurde um einen Garten für die Lesegäste erweitert. Marx versicherte Bénazet, »sein Etablissement auf der Höhe der andern großartigen Neuerungen zu erhalten« und für das Ladengeschäft »die schönen Boutiken von Susse und Giroux in Paris zum Muster [zu] nehmen«146. Entgegen den allgemeinen Erwartungen legte Bénazet die Leitung des Restaurants nicht in die Hände von Pariser Gastronomen, sondern in jene des Baden-Badener Gastwirts Heinrich Haug, wogegen »im Anbeginn ein Vorurteil zu herrschen schien, weil der Unternehmer ein Deutscher, und sogar ein hiesiger ist«147. Indes soll das Küchenpersonal mehrheitlich aus Parisern bestanden haben und Haug, der zuvor als »Salmenwirt« bekannt war, bewährte sich schnell und erlangte internationalen Ruhm als Restaurantbetreiber sowie als Veranstalter von Parforcejagden, die er seit 1840 gemeinsam mit Bénazet ausrichtete148.
69Eine weitere innovative Errungenschaft, die dem Spielpächter zu verdanken und für die Stadt von großer Bedeutung war, war das im Jahr 1845/46 errichtete erste Gaswerk im Großherzogtum Baden und die damit einhergehende Straßenbeleuchtung, insbesondere in der Umgebung des Konversationshauses. Bénazet hatte diese Idee beim Gemeinderat angeregt, finanziert und den Lyoner Unternehmer Jean-Baptiste Polaillon für den Bau und die Installation engagiert. Die Stadt gewährte Polaillon zudem eine Konzession für den Betrieb des Gaswerkes über 25 Jahre. Wilhelm von Chézy nahm die Einführung der Gasbeleuchtung zum Anlass, um in der »Allgemeinen Zeitung« die Offenheit der Baden-Badener gegenüber derlei Einflüssen und Initiativen aus dem Nachbarland zu betonen und die seit der Rheinkrise von 1840 wieder zunehmende antifranzösische Stimmung der deutschen öffentlichen Meinung zu kritisieren: »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen früher schon meldete, daß die Unternehmung von einer französischen Gesellschaft ausgeht, doch ist gewiß, daß diese Art der Aufklärung aus Frankreich hier ohne Widerspruch willkommen geheißen wird, ohne kleinliches Mißtrauen gegen die Einwirkung der Thaler mit Ludwig-Philipps Brustbild«149.
70Bereits im ersten Jahr von Bénazets Pachtvertrag nahmen zeitgenössische Beobachter auch Veränderungen in der Zusammensetzung der Badegesellschaft wahr. Die »elegante Welt« war stärker präsent als je zuvor, insbesondere die »Pariser Gesellschaft von gutem Ton«, was ein besonderes Bestreben des neuen Unternehmers zu sein schien150. »Ein höchst wirksamer Lockvogel« war dabei die Gräfin Merlin, eine der bekanntesten Salondamen der Chaussée d’Antin, die Bénazet nach Baden-Baden eingeladen und in der Villa des Journalisten Chézy untergebracht hatte: »Die Legion ihrer Getreuen und deren Anhang folgte[n] ihr von Paris nach Baden«, erinnerte sich dieser später151. Laut »Karlsruher Zeitung« handelte es sich bei diesen Anhängern, die ein »neues belebendes Element in die Gesellschaft brachten«, um einen »Hofstaat von Künstlern ersten Ranges, deren Leistungen dem Verkehr bei ihr einen eigenthümlichen Reiz verliehen«152.
71Mit den prachtvollen Sälen des Konversationshauses wurde auch das dortige Unterhaltungsprogramm exquisiter. Die Musik hatte dabei einen besonderen Stellenwert, und Bénazet handelte »nicht blos als Unternehmer, sondern auch, und zwar in noch höherem Grade, als Kunstfreund«153, indem er auf eigene Kosten renommierte Künstler und Künstlerinnen für Konzerte einlud. Allerdings wurde das Angebot auch exklusiver, als es zu Chaberts Zeiten gewesen war. Indem er sich auf die Elite der Badegesellschaft konzentrierte, wurde Bénazet zwar den Erwartungen der Regierung gerecht, die diese als primäre Zielgruppe des Bades betrachtete. Dies führte jedoch dazu, dass für Gäste aus dem Mittelstand nicht mehr ausreichend gesorgt wurde, wie der Bürgermeister und Abgeordnete von Baden-Baden, Josef Jörger, bereits im Juli 1839 in der Ständeversammlung zu bedenken gab. Er erwähnte insbesondere die Bälle und Abendgesellschaften im Blumensaal, für die man entweder ein Abonnement benötigte, ein einmaliges Eintrittsgeld entrichten musste oder nur auf Empfehlung Zutritt erhielt, während die von Chabert eingeführten öffentlichen und kostenlosen Bälle im Großen Saal abgeschafft worden waren154. Diese Beschwerde blieb jedoch von Karlsruher Seite ohne Konsequenzen, da »die Regierung es für das Geeignetste hält, die Leute tanzen zu lassen, wo sie wollen und dürfen«155.
72Bénazet hingegen ging in den folgenden Jahren aktiv gegen den Vorwurf vor, den Mittelstand und damit, wie Jörger unterstrich, vor allem »inländische Badegäste und Einwohner« zu vernachlässigen. Das Badeorchester spielte nun häufiger im Freien und seit 1844 mehrmals pro Woche auch die badische oder die österreichische Militärkapelle, die jeweils aus Karlsruhe oder von der Bundesfestung in Rastatt anreisten. Im Jahr 1843 führte Bénazet sonntägliche Freikonzerte ein, die ein großes Publikum anzogen. Darüber hinaus organisierte er außergewöhnliche Veranstaltungen wie den Auftritt des bekannten französischen Ballonfahrers Jean Margat, der nicht nur Badegäste, sondern auch »eine Menschenmasse aus der Umgegend herbei[zog], deren Zudrang lediglich den kleinen Wirthschaften zu Gute kam«156. Eine bemerkenswerte Initiative war auch das jährliche große Fest, das Bénazet seit 1840 anlässlich des Geburtstages des Großherzoges am 29. August auf eigene Kosten und »zum Wohle der Armen« ausrichtete. Ein Korrespondent der Karlsruher Zeitung beschrieb die Atmosphäre auf dieser Feier als sehr einladend und betonte, dass jeder willkommen war:
Den angenehmsten Eindruck brachte der Ball hervor, der lebhaft und wogend den weiten glänzend erleuchteten Raum des großen Saals füllte, und wo, aller Rangstufen nicht mehr eingedenk, die verschiedensten Stände sich vermischten, die in Schönheit und Schmuck strahlende Gräfin neben der Tochter irgend eines Gastwirthes, der feinste Kavalier ganz unbefangen neben dem Kommis-Voyageur tanzte157.
73Das Feuerwerk, das bei Einbruch der Nacht abgefeuert wurde, erreichte ein noch größeres Publikum und lockte Tausende von Menschen an, darunter sowohl einfache Bürger und Bürgerinnen als auch angesehene Persönlichkeiten der Badegesellschaft158. Der Erlös aus den Eintrittskarten für den Ball sowie aus der Vermietung von Stühlen unter der Kolonnade für die Feuerwerks-Zuschauer betrug im Durchschnitt über 1000 fl. und wurde von Bénazet ohne Abzüge für wohltätige Zwecke, meistens an das örtliche Krankenhaus, gespendet. Diese großzügige Tradition konnte von Édouard Bénazet und Émile Dupressoir fortgesetzt werden, da auch der Geburtstag des nachfolgenden Großherzogs Friedrich I. am 8. September in die Badesaison fiel. Im Laufe der Jahre verdoppelten sich die Spendensummen, die nun auch anderen Einrichtungen wie den Kirchen zugutekamen.
74Das Konzept der Wohltätigkeitsbälle hatte Jacques Bénazet wie vieles andere aus Paris mitgebracht, wo Philanthropie zum guten Ton gehörte159. Vermutlich schon während seiner Pachtzeit, und definitiv unter der Leitung seines Sohnes, wurden auch Pyrotechniker aus Frankreich engagiert. In den 1860er-Jahren war dies zum Beispiel kein Geringerer als Désiré-François Ruggieri, »Feuerwerker Sr. Maj. des Kaisers von Frankreich«160. Ein cleverer Schachzug war es, die Benefizveranstaltung nicht nur für ein breiten Publikum zugänglich zu machen, sondern sie mit dem Geburtstag des Landesfürsten zu verknüpfen, der einige Male persönlich an den Feierlichkeiten teilnahm. Damit zollten die Bénazets nicht nur dem jeweiligen Großherzog, sondern dem ganzen Land Respekt, wo dieser Tag allerorts feierlich begangen wurde und an dessen Bräuche sie sich somit anpassten.
75Hatte der Bürgermeister Bénazet anfangs noch wegen der angeblichen Vernachlässigung der einheimischen Bevölkerung kritisiert, verliehen ihm Gemeinderat und Bürgerausschuss nur ein Jahr später, im Oktober 1840, das Ehrenbürgerrecht der Stadt Baden als Zeichen der Anerkennung seiner Wohltätigkeit gegenüber den Armen und seiner uneigennützigen Bemühungen um die Verschönerung der Stadt, die er mit erheblichem finanziellem Aufwand vorgenommen hatte161. Der Franzose nahm diese Ehrung »mit einem Gefühl von tiefer Erkenntlichkeit« entgegen und betonte, dass ihn diese Auszeichnung noch stärker mit einer Stadt verbinde, deren Interesse und Wohlergehen stets im Mittelpunkt seines Handelns stehe162. Als Zeichen seiner Dankbarkeit stiftete er für die katholische Kirche der Stadt ein Madonnenbildnis des französischen Malers Pierre-Joseph Dedreux-Dorcy.
76Neben seinem unternehmerischen Erfolg scheint sich Jacques Bénazet auch als Privatmann in Baden-Baden wohlgefühlt zu haben. Darauf deutet eine briefliche Einladung hin, die er 1840 einem Pariser Freund zukommen ließ: »Nous aurons beaucoup de bonnes cigarres [sic], du vin du Rhin premier numéro. Toute l’Europe élégante et civilisée s’est donnée rendez-vous à Baden. C’est le véritable congrès de la haute aristocratie… Je me brouille avec vous à mort si vous ne descendez pas chez moi. C’est l’hôtel de la liberté la plus absolue«163. Da er vertraglich dazu verpflichtet war, einen Wohnsitz in Baden-Baden zu nehmen, während der Saison dort präsent zu sein und seine Geschäfte selbst zu führen, erwarb Bénazet im Jahr 1838 gegen eine Leibrente die Villa des Freiherrn von Ende, eines aufgrund seiner Intrigen berüchtigten und schließlich aus Baden verbannten Günstlings des verstorbenen Großherzogs Ludwig I. Sein Sohn erweiterte das Anwesen zu einem Grundstück von fast sechs Hektar, welches ein großes Herrschaftshaus, ein weiteres geräumiges Haus, ein Ökonomiegebäude, Stallungen für acht Pferde, verschiedene Gewächshäuser, einen Gemüsegarten, Ackerland und einen Springbrunnen umfasste164.
77Wilhelm von Chézy, der regelmäßig in der Villa Bénazet verkehrte, beschrieb den Hausherrn als einen »Vollblutfranzose[n] von liebenswürdigen Formen des Umganges, geistreich, lebendig, heiter, auch seinen 60 Jahren, seiner schwerfällig plumpen Gestalt und seinem mit Chinawasser gefärbten Haar zum Trotz noch sehr empfänglich für zarte Empfindungen«165. Ferner sei er ein »fleißiger Geschäftsmann« und »für sich selbst so anspruchslos, daß er weder Roß und Wagen noch einen Troß von Dienern hält, sondern sich begnügt in seiner reizend auf einer Anhöhe gelegenen Villa im Kreise einer liebenswürdigen Familie ein geordnetes Leben zu führen«166. Ein anonymes Pamphlet, das sich gegen die deutschen Spielbanken und ihre französischen Pächter richtete, behauptete indessen das Gegenteil, nämlich dass Bénazet in Baden-Baden ein ausschweifendes Leben mit offener Tafel, Reit- und Kutschpferden, Jagdhunden, Jägern, Kammerdienern, Bediensteten, Leibkutschern und Mätressen führe167. Auch verschiedenen französischen Quellen zufolge war Bénazet ein Lebemann, doch ein Porträt von Auguste Couder entspricht wiederum eher Chézys Beschreibung: Es zeigt ihn »im biederen Habitus des bürgerlichen Geschäftsmannes, mit offenem Hemd und Mantel am Tisch sitzend und schreibend, mit der gewichtigen Präsenz seiner Körperlichkeit das Bild beherrschend und den schweren Kopf in diktierendem Gestus herauswendend«168 (Abb. 1).
Abb. 1

Porträt von Jacques Bénazet, Gemälde von Auguste Couder, o. J., GLAK 69 Baden, Sammlung 1995 F I Nr. 120, 88.
78Fest steht, dass die Villa Bénazet ein gastfreundliches Haus war, in dem ebenfalls die Musik eine herausragende Rolle spielte. Bei Matineen und Soireen versammelte sich wie schon in Paris ein glänzendes Publikum: »La réunion la plus fashionable se pressait pour l’entendre dans les salons de la villa Bénazet«, berichtete die Pariser »Revue et gazette musicale« im Juli 1840 über ein Privatkonzert Franz Liszts: »On remarquait parmi les auditeurs une foule de ducs, princes, princesses, etc., et surtout le grand-duc de Bade et ses enfants«169.
79Jacques Bénazet verstarb am 19. oder 20. März 1848 in Paris. Die revolutionären Ereignisse in Europa füllten die Spalten sowohl der dortigen als auch der badischen Presse und so wurde vom Tod des Spielpächters nur am Rande Notiz genommen. »M. Bénazet, ancien fermier général des jeux à Paris, actuellement fermier des jeux à Baden, est mort hier à Paris«170, lautete die knappe Meldung in »Le Constitutionel« und anderen Zeitungen der Hauptstadt. Auch in der »Karlsruher Zeitung«, deren Baden-Badener Korrespondent sich fast zehn Jahre lang in Lob über Bénazet ergangen hatte, fand sich im März 1848 nur Platz für eine zweizeilige Anzeige seines Todes. Einige Monate später wurde jedoch in einer Rezension von Wilhelm von Chézys gerade in französischer Sprache erschienenem Reiseführer auf Bénazets Verdienste für Baden-Baden hingewiesen. Unter Bezugnahme auf die 1689 von Ludwig XIV. befohlene Zerstörung der Stadt erklärte der Verfasser: »Mais si la France a jadis saccagé Bade, c’est à un Français qu’elle doit aujourd’hui sa prospérité: feu M. Bénazet a réparé les torts de Louis XIV«171. In der Tat hatte man in Karlsruhe und vor allem in Baden-Baden selbst in Bénazet zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr nur den Spielpächter gesehen, sondern jenen Mäzen der Stadt, als den ihn auch die oben erwähnte Gedenktafel würdigt. Während seiner Pachtzeit war die Zahl der Fremden von 21 022 in der Saison 1840 auf 32 083 im Sommer 1845 gestiegen, wobei Franzosen und Französinnen mit einer Zunahme um 65 Prozent an der Spitze lagen. Das Unterhaltungsangebot war vielfältiger und ebenso wie die Badegesellschaft erlesener geworden. Nahezu alle Wirtschaftszweige in der Stadt und ihrer Umgebung profitierten von dieser Entwicklung, und so waren die meisten Einwohnerinnen und Einwohner Baden-Badens nachhaltig zufrieden mit ihrem Ehrenbürger.
80Bénazet war als Multimillionär (in Francs) nach Baden-Baden gekommen und sein Vermögen war für die Regierung einer der Gründe für seine Wahl als Spielpächter gewesen. Jedoch hinterließ er seinen Erben eine private Schuldenlast, die sich auf zwei, nach manchen Quellen sogar drei Millionen Fr. belief172. Spätere Kommentatoren und Kommentatorinnen erklärten diesen Umstand mit seiner Großzügigkeit oder anders gesagt, seinem sorglosen Umgang mit Geld: »Il avait trop du grand seigneur et pas assez de l’homme d’affaires, et ne sut pas diriger sa barque au port«173; »il payait de sa personne en tout lieu et à toute heure«174; »il avait enrichi tout le monde autour de lui, excepté lui«175.
81Da Bénazets jüngerer Sohn Théodore, der ursprünglich für diese Aufgabe vorgesehen war, bereits 1846 im Alter von nur 31 Jahren an einer Krankheit verstorben war, trat dessen älterer Bruder Édouard gemäß § 23 des Pachtvertrages die Nachfolge seines Vaters als Geschäftsführer des Konversationshausunternehmens an. Obwohl er die Spielbank nur widerwillig leitete, war er es und – entgegen der Inschrift auf dem Gedenkstein – nicht sein Vater, der als »roi de Bade« bekannt wurde.
1.2.3 Édouard Bénazet
82»Des types de roman et de théâtre, ces bourgeois qui se sont créé un royaume, un ministère, des sérails, une presse, des journaux, un théâtre, une vie d’orgueil et de plaisir, comme Bénazet de Bade«176. So liest man unter dem 26. Juni 1868 in den legendären Tagebüchern der Brüder Goncourt über Édouard Bénazet, der ein halbes Jahr zuvor verstorben war. »M. Bénazet fait beaucoup parler de lui«177, hatte noch zu seinen Lebzeiten die Pariser Schriftstellerin Anne-Gabrielle de Cisternes de Coutiras, besser bekannt als Comtesse Dash, in einem ihm gewidmeten, sehr schmeichelhaften Porträt bemerkt. In der Tat tauchte sein Name vor allem im Sommer nicht nur fast täglich in der französischen, sondern regelmäßig auch in der deutschen, der englischen und sogar der amerikanischen Presse auf.
83Édouard Bénazet hatte, wie sein Vater und später auch sein Bruder, ein Studium der Rechtswissenschaften absolviert und wurde 1824 Mitglied der Pariser Anwaltskammer. Allerdings wurde er laut einem Nachruf in »Le Figaro« nie vor Gericht gesehen, sondern führte das Leben eines wohlhabenden Müßiggängers: »[C]’était un des élégants de son temps, qui faisait tout ce qui concerne l’état d’un riche oisif. Jeune, ardent, insouciant, il se jeta à corps perdu dans la vie des boulevards. On le citait parmi les représentants de l’élégance parisienne, et les petits journaux retentirent de ses fredaines et ses duels«178.
84Auch die Comtesse Dash berichtete von mehreren »schrecklichen Duellen« und einer lebensgefährlichen Verletzung. Allerdings ist zu beachten, dass sowohl die Schriftstellerin als auch Albert Wolff, der Verfasser des Nachrufs, Bénazet erst in Baden-Baden kennengelernt hatten, als seine Zeit als angeblicher »lion de boulevard« bereits lange zurücklag. In den größeren Pariser Zeitungen war Bénazets Name in den 1820er- und 1830er-Jahren anders als später nur selten zu finden, und von Duellen war dann nicht die Rede, sondern von Spenden für wohltätige Zwecke oder von seiner Hochzeit mit Henriette-Marie Athalie Deport im November 1834. Damals wurde berichtet, dass die Heiratsurkunde von Louis-Philippe und der Königin persönlich sowie vom Thronfolger und der Schwester des Königs unterzeichnet worden sei, was einen Redakteur in »La Mode« zu dem ironischen Kommentar »Il paraît que la roulette ennoblit«179 veranlasste. Tatsächlich war diese Ehrerbietung wohl auf Bénazets Funktion als Kommandant der Nationalgarde zurückzuführen, die er ebenso wie sein Vater und sein Bruder seit Beginn der Julimonarchie ausübte.
85Zwar hatte Édouard Bénazet, wie der Rest seiner Familie, bereits seit Anfang der 1840er-Jahre seine Sommer in der Villa an der Oos verbracht, aber der Tod seines Vaters war unerwartet eingetreten und so war er nicht auf die Übernahme des Unternehmens vorbereitet. Zudem war die Lage in Baden-Baden alles andere als günstig: Neben den hohen privaten Schulden, die Jacques Bénazet hinterlassen hatte, wies auch die Unternehmenskasse mit angeblichen Aktiva in Höhe von 200 000 Fr. und Passiva von 300 000 Fr. eine negative Bilanz auf180. Die Revolution in Baden führte bereits 1848 zu einem Einbruch der Gästezahlen; das Reichsgesetz von 1849 über die Aufhebung der deutschen Spielbanken verschärfte die Situation zusätzlich und führte zu einem Rechtsstreit mit der deutschen Zentralgewalt und dem badischen Staat. Während sich diese Probleme schließlich auflösten, musste Édouard Bénazet nach dem Tod seines Bruders und seines Vaters einen weiteren privaten Schicksalsschlag hinnehmen: Im Oktober 1849 verstarb seine Frau im Alter von nur 34 Jahren und hinterließ ihm ihren gemeinsamen Sohn Edmond, der ihr schon 1856 mit 19 Jahren folgen sollte. 1853 heiratete Édouard in zweiter Ehe seine Nichte ersten Grades, Claire Dupressoir.
86Bei seiner Übernahme der Pacht in Baden-Baden war Bénazet 48 Jahre alt und hatte seine angeblich wilde Jugend hinter sich gelassen. Alle, die in den folgenden fast zwanzig Jahren mit ihm zu tun hatten und sich öffentlich oder privat über ihn äußerten, beschrieben ihn als einen ausnehmend höflichen, kultivierten und bescheidenen, aber auch eigentümlichen Mann, der im falschen Jahrhundert geboren zu sein schien:
M. Bénazet n’est pas de ce siècle. Il est dans les traditions du dix-septième et du dix-huitième; il ne comprend ni les mesquineries, ni les existences resserrées de notre époque. C’est une âme en peine au milieu de nous; il cherche les belles dames, les hauts seigneurs et les palais superbes; il se sent à l’étroit dans ce temps d’économie et d’égoisme181.
Abb. 2

Porträt von Édouard Bénazet, unbekannter Künstler, 1868, StA BAD F1/403.
87Um sich ein besseres Bild von Édouard Bénazet zu machen, sei hier eine treffende und durch kunstgeschichtliche Expertise angereicherte Beschreibung eines in seinem letzten Lebensjahr entstandenen Porträts zitiert (Abb. 2):
[Es] zeigt ihn […] selbstherrlich in der Attitüde des barocken Herrschers oder Feldherrn, umgeben von jenem Bildnistypus entlehnten Hoheitszeichen. Die Travestie ist vollkommen: Statt des Szepters oder des Marschallstabes hält Bénazet die Attribute des eleganten Privatiers, weiße Handschuhe und Zylinder, in der Hand, statt des Thrones erscheint ein pompöser Sessel mit lässig darübergeworfenem Abendmantel, statt der Feldherrnpläne Geschäftspapiere; mäzenatisches Attribut ist die schwere skulptierte Vase, Hoheitszeichen die düstere Stoffdraperie; Besitz und »regierte Domäne« erscheinen im Ausblick auf Natur; versteckte Hinweise und dandyhaft historistische Anspielung auf die Vorbilder des 17. Jahrhunderts sind die doppelten Schuhschleifen als gleichsam ironische Pointe bürgerlicher Travestie182.
88In Sachen Großzügigkeit stand Édouard Bénazet seinem Vater in nichts nach. Neben der Stadt Baden-Baden profitierten besonders Pariser Künstlerinnen und Künstler von seinem Mäzenatentum. »Voilà une grande perte pour les artistes!« war anlässlich seines Todes in der renommierten Pariser Musikzeitschrift »Le Ménestrel« zu lesen: »Les artistes du chant et de la comédie, de même que les virtuoses, y [à Bade] trouvaient honneur et profit: ceux même pour qui la publicité est si difficile, les compositeurs, ont dû à M. Bénazet un peu de ce grand jour qui fait défaut à leurs œuvres. […] La ville de Bade, elle aussi, fait une grande perte en sa personne«183.
89Trotz seiner Bekanntheit zeigte sich Bénazet in Baden-Baden nur ungern in der Öffentlichkeit und zog sich die meiste Zeit in seine Villa zurück. Dort folgte er jedoch der Tradition seines Vaters und organisierte häufig Matineen oder Abendgesellschaften mit Konzerten oder Gesellschaftskomödien, bei denen eine illustre Gesellschaft zusammenkam. Das unternehmerische Erbe Jacques Bénazets, die Leitung der Spielbank, soll er hingegen nur mit Widerwillen angetreten haben: »Des circonstances en dehors de sa volonté [l’]avait forcé d’embrasser une carrière qui n’était point dans ses goûts«184, erklärte Albert Wolff. Er habe, wie andere Quellen bestätigen, die Spielsäle stets gemieden und sie in den letzten zehn Jahren gar nicht mehr betreten. Seine Verdrängung soll sogar so weit gegangen sein, dass er es untersagte, in seinem Haus über das Glücksspiel zu sprechen, und errötete, wenn er von unglücklichen Spielerinnen oder Spielern hörte, denen er, wenn sie sich in ihrer Notlage an ihn wandten, nie seine Hilfe verweigert habe185.
90Im Übrigen entsprach Bénazets Entscheidung, sich vom Spielgeschehen fernzuhalten, durchaus den Bedingungen des Pachtvertrages, denn in § 7 war festgelegt, dass der Unternehmer einen inspecteur oder chef de partie zu ernennen hatte und sich selbst »in nichts mischen [darf], was bei und während dem Spiel vorgeht«186. Bénazet gelangte für sich selbst zu der Ansicht, dass das Spiel lediglich ein Mittel sei, um seine Aktivitäten als Bauherr, Impresario und Gastgeber von Sportveranstaltungen zu ermöglichen: »Je le dis avec une certaine satisfaction, Monseigneur«, schrieb er 1862 in einem Brief an Friedrich I., »les banques à Bade ne sont pas la chose principale, elles ont été un moyen, une ressource pour toutes les créations qui ont servi à l’embellissemet et à la prosperité du pays«187.
91Fast so schnell wie sein Vater war Édouard Bénazet im Jahr 1851 als Anerkennung zum Ehrenbürger der Stadt Baden-Baden ernannt worden188. Als im Januar 1853 die Spielpacht für das folgende Jahr öffentlich ausgeschrieben wurde, herrschte Besorgnis, dass jemand anders als Bénazet den Zuschlag erhalten könnte. Die »Karlsruher Zeitung« schrieb, dass es sich um eine »Lebensfrage des hiesigen Kurortes« handle, da die Persönlichkeit des Spielpächters von zentraler Bedeutung sei189. Die Regierung in Karlsruhe wollte jedoch die Wiederholung einer Staatsaffäre, wie sie sich um die Spielpachtvergabe von 1837 entsponnen hatte, vermeiden und hatte sich deshalb für den regulären Weg der Konzessionsversteigerung entschieden. Interessanterweise suchte man gezielt französische Bewerber, indem man die großherzogliche Gesandtschaft in Paris im Dezember 1852 beauftragte, die Ausschreibung in französischen Zeitungen zu veröffentlichen190. Dahinter steckte wahrscheinlich weniger die Absicht, deutsche Bewerber von dem umstrittenen Geschäft fernzuhalten, sondern eher die Annahme, dass nur ein gut vernetzter Franzose in der Lage wäre, Baden-Baden auf seinem Höhepunkt zu halten. Ohnehin deutet alles darauf hin, dass man sich auch in Karlsruhe eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Bénazet wünschte. Jedenfalls behielt sich die Regierung vor, »nicht nur nach Maasgabe des gebotenen Pachtschillings, sondern nach Beurtheilung aller in Betracht kommenden Umstände unter den Concurrenten die Wahl zu treffen«, wobei jeder Bewerber in Hinblick auf »deßen bisherige Lebensumstände, die Moralität seines Charakters, sein Vermögen, seine persönliche Befähigung zu Führung eines derartigen Geschäfts, und was sonst zur richtigen Beurteilung beitragen mag«, geprüft werden sollte191.
92Bénazet selbst wandte sich im Januar 1852 persönlich an Leopold, nachdem er sein Gebot für einen jährlichen Pachtzins von 112 000 fl. abgegeben hatte. Anders als sein oben zitierter Brief an Friedrich I. von 1862 war dieser in deutscher Sprache verfasst. Er enthielt die Bitte, dass ihm die Pacht überlassen werde, auch wenn sein Angebot nicht das höchste sein sollte. In diesem Falle wollte er sie zu einem dem Durchschnitt aller Angebote entsprechenden Preis erhalten192. Bénazet betonte, dass für ihn seine bisherige Pachtzeit spreche, »während welcher die Stadt Baden – begünstigt durch die Sorgfalt und die Munificenz meiner weisen Regierung – zu dem erste Badeorte Deutschlands sich erhob«193. Es ist bezeichnend, dass Bénazet und sein vermutlicher Übersetzer Theophil Weih die Formulierung »weise Regierung« statt »Verwaltung« wählten. In den 1860er-Jahren sollte der Spielunternehmer in der deutschen Presse oft spöttisch als »König von Baden« bezeichnet werden, während in Frankreich nur manchmal Ironie, meistens aber Bewunderung mitschwang, wenn man ihn den »roi« oder den »Louis XIV« von Baden-Baden nannte.
93Leopold, der im April 1852 verstarb, sollte über die Vergabe der Pacht nicht mehr entscheiden. In der Zwischenzeit hatte der Stadtdirektor und Vorstand der Badanstalten-Kommission, Konrad Kuntz, Nachforschungen über die verschiedenen Bewerber angestellt, wobei er sich auf präzise Informationen der Pariser Polizeibehörden stützen konnte194. Dabei stellte sich heraus, dass zwei der Konkurrenten, ein Franzose namens Victor Bias, der 120 000 fl. bot, und ein angeblicher Baron aus dem Hause Buttlar-Brandenfels, der das höchste Gebot von 130 000 fl. abgab, nicht nur zwielichtige Gestalten waren, sondern offensichtlich gemeinsame Sache machten. Es wurde vermutet, dass sie als Strohmänner eines gewissen Vicomte de Livry agierten, der ein alter Weggefährte und Freund Jacques Bénazets war und sich nun bereit erklärte, Materialien zu liefern, die angeblich die wirtschaftliche Solidität von Édouard Bénazet in Zweifel zogen. Ein weiteres Gebot in Höhe von 125 000 fl. kam von François Blanc, dem Spielpächter von Homburg, der jedoch ausgeschlossen wurde, da man glaubte, dass die Vereinigung beider Etablissements für Baden-Baden nicht von Vorteil wäre. Außerdem wurde Blanc, dessen Spielbank in Homburg als Hauptanziehungspunkt der professionellen Spieler und Spielerinnen galt, von der Einwohnerschaft Baden-Badens laut Kuntz als notorisch unmoralisch und untragbarer Pächter befunden. So ging der Zuschlag an Édouard Bénazet, obwohl dieser in der Tat das niedrigste Angebot abgegeben hatte:
[Édouard Bénazet] ist als gebildeter ehrenhafter Mann allgemein bekannt und geachtet, [so] daß ich über ihn nichts weiter anführen zu müßen glaube, als daß derselbe nach dem einstimmigen Urtheile der hiesigen Einwohner und der ausgezeichneten Fremden durch seinen persönlichen Charakter für dieses Unternehmen eine größere Garantie bietet, als die drei anderen Concurrenten zusammen, selbst mit Millionen zu ihrer Verfügung195.
94Der neue Pachtzins lag mit 127 400 fl. allerdings über dem von Bénazet vorgeschlagenen Mittelwert der Angebote, und der sich zuvor auf 9000 fl. belaufende Betrag für Verschönerungen, Verbesserungen und Neubauten erhöhte sich mit einem Schlag auf 25 000 fl.196 Hinzu kam die bereits erwähnte Kündigungsklausel, die es der Regierung seit Anfang der 1860er-Jahre ermöglichte, immer höhere Forderungen an Bénazet und später an Émile Dupressoir zu stellen.
95Die Entscheidung, Bénazet den anderen Bewerbern vorzuziehen, erwies sich als äußerst klug, denn Baden-Baden erreichte in seiner neuen Pachtzeit seinen höchsten Glanz. Unmittelbar nach der Erneuerung seines Vertrages ließ er das Konversationshaus um drei Säle erweitern, die diejenigen Ciceris an Eleganz noch übertrafen. Im Jahr 1858 rief er die Iffezheimer Galopprennen ins Leben, und 1862 wurde das hauptsächlich von ihm finanzierte und unter seiner Bauaufsicht entstandene Theater eröffnet, für dessen Bühne er die renommiertesten Pariser Schauspiel- und Opernensembles engagierte. Zusätzlich spendete er regelmäßig große Summen für wohltätige Zwecke. Bereits bis zum Jahr 1855 stieg die Zahl der Besucherinnen und Besucher des Bades auf 49 067197. Entscheidenden Rückenwind erhielt Bénazet in vielerlei Hinsicht durch den Ausbau der Eisenbahn, die nicht nur Gäste, sondern auch Schauspielgesellschaften, Musikerinnen und Musiker samt ihren Instrumenten, Journalisten, Landschaftsmaler und Bühnenbildner, Rennpferde sowie Einrichtungsgegenstände und Baumaterial schnell und unkompliziert von der Seine an die Oos beförderte. Innerhalb der Stadtgemeinde wurde der Spielpächter zu einer unverzichtbaren Persönlichkeit: »Was im Bereich der Stadt geplant wurde, [im] Bausektor, im sozialen Bereich oder auf anderen Ebenen – immer wurde zunächst sein Rat eingeholt, seine finanzielle Hilfe erbeten«198.
96Als die Regierung Anfang der 1860er-Jahre trotz allem mit der Aufhebung der Spielbank drohte, wenn die Kündigungsklausel in Kraft treten würde, präsentierte Bénazet dem Innenministerium ein beeindruckendes Zeugnis seines Engagements. Diese Übersicht über die Ausgaben der »Unternehmung des Conversations-Hauses in Baden«199 in der Saison 1861 sei hier vollständig wiedergegeben, um einen konkreten Einblick in die Investitionen des Unternehmers zu erhalten (Tab. 1–2).
Tab. 1 Ausgaben, an welchen der Staat und die Stadt Baden direkten Nutzen haben.
| Pachtzins | 127 400 fl. |
| Ausgaben der fl. 25 000 zur Verschönerung | 25 200 fl. |
| Jährlicher Beitrag zur Erbauung d. protest. Kirche | 1000 fl. |
| Jährlicher Beitrag zur Tilgung des von Herzer’schen Hauses | 1000 fl. |
| Miethe des von Herzer'schen Hauses | 3000 fl. |
| Miethe der von Rothschild’schen Häuser | 5000 fl. |
| 162 600 fl. |
Tab. 2 Ausgaben, welche zur Unterhaltung der Fremden gemacht werden und mit dem Spielunternehmen in keinerlei Verbindung stehen.
| Verschiedene Musiken | 36 956,40 fl. |
| Konzerte, Opern & theatralische Vorstellungen | 78 552,37 fl. |
| Presse, Lesekabinette, Zeitungen, Anzeigen & Inserate | 58 790,22 fl. |
| Jagd & Fischerei | 35 502,08 fl. |
| Wettrennen | 46 616,26 fl. |
| Beleuchtung | 11 442,04 fl. |
| Unterhaltung der Localitäten | 32 657,54 fl. |
| Sekretariat & Bureau Gehilfen | 8458,16 fl. |
| Dienstpersonal | 20 521,04 fl. |
| Verschiedene Künstler für Ansichten und Zeichnungen von Baden | 4340,00 fl. |
| Feuerwerk etc. | 2168,90 fl. |
| Unvorhergesehenes (Ball Erfrischungen etc.) | 5985,52 fl. |
| 341 991,32 fl. |
97In einer gleichzeitig im Auftrag des Gemeinderates formulierten Petition an die Zweite Kammer fügte Hippolyt Schreiber hinzu, dass Bénazet »für die oben genannten Betreffe – das Kurorchester, das Fischwasser- und Jagd-Aufsichtspersonal abgerechnet – 82 Personen im Dienste hat, und auch den Wittwen verstorbener Bediensteter Unterstützung reicht, wodurch eine Ausgabe von über 100 000 fl. verursacht wird«200.
98Bénazet seinerseits wandte sich zudem in einem Schreiben direkt an Friedrich I. und trat dabei genauso selbstbewusst auf wie gegenüber dessen Vorgänger:
Quelle que soit la décision qui sera prise, ce sera toujours mon orgueil d’avoir créé un état de prosperité inconnu avant moi, Monseigneur, et qu’il est impossible de maintenir dans d’autres conditions. […] La Trinkhalle, le théâtre, les salons, l’hopital, la maison de santé, les églises, même dix mille florins à l’église protestante, la restauration de l’église du couvent, tout le monde sait dans quelle caisse on a trouvé les sommes nécessaires pour en doter la ville de Bade201.
99Dabei wusste er nicht nur die Unterstützung der einheimischen Bevölkerung auf seiner Seite, sondern machte sich umgekehrt auch zu deren Fürsprecher: Es gehe ihm, betonte er, nicht um sein privates, sondern um das öffentliche Interesse und um die Zukunft einer Stadt, die sich in ihrer Existenz bedroht fühle: »Cet intérêt, Monseigneur, est si manifeste, que je ne peux m’expliquer comment il a pu échapper aux hommes éminents que Votre Altesse royale a choisis pour lui faire connaître les vrais besoins de son pays«, erlaubte er sich zu bemerken. Er argumentierte – genau wie 1844 Nebenius gegenüber der Zweiten Kammer –, dass die 50 000 Besucherinnen und Besucher, die Baden-Baden empfange, der Wirtschaft des gesamten Landes etwa 20 Millionen Fr. pro Jahr einbrächten.
100Bénazets Schreiben an die Landesherren sowie seine Bereitschaft, immer höhere Zahlungen zu leisten, verdeutlichen eindrucksvoll, wie sehr er – obwohl er das Erbe anfangs widerwillig angetreten hatte – schon bald an Baden-Baden und dem Unternehmen hing. Dabei lag sein Fokus, wie er selbst betonte, weniger auf dem finanziellen Aspekt: »Plus occupé de l’intérêt public que de ma propre fortune, Monseigneur, je suis loin d’avoir récolté ce que j’ai semé«, schrieb er an Friedrich und fügte hinzu: »Son Altesse royale saura un jour qu’elle est la position de fortune de l’homme qui s’est appliqué toute sa vie à mériter son estime et sa bienveillante protection«202. Tatsächlich hatten die Hinterbliebenen von Jacques Bénazet das Anwesen in Neuilly-sur-Seine bereits 1851 verkaufen müssen, und 1863 ging die Villa Bénazet bei einer Scheinversteigerung in das Eigentum der Dupressoirs über, wodurch ein langjähriger Erbstreit beigelegt wurde. Bénazet habe, so erklärte Wolff in seinem Nachruf, vor allem das Andenken seines Vaters retten wollen und dessen Gläubiger bis auf den letzten Sou ausbezahlt, was erkläre, warum er trotz der langjährigen Verwaltung der Baden-Badener Spielbank seiner Familie lediglich ein Haus in der Pariser Rue de Provence hinterlassen habe203. Als Vergleich kann man François Blanc anführen, der nach dem gescheiterten Versuch, die Baden-Badener Spielbank zu übernehmen, 1856 das Casino von Monte Carlo gründete und seiner Familie 1877 ein Vermögen von geschätzten 88 Millionen Fr. hinterlassen haben soll204. Vor diesem Hintergrund sind Bénazets Aufwendungen für Baden-Baden umso beeindruckender und ein Beleg für die Stimmigkeit seiner Aussage gegenüber dem Großherzog.
101Stärker als finanzielle Interessen band Bénazet offensichtlich der ihm hier eröffnete Handlungs- und Gestaltungsspielraum an Baden-Baden. Wie die Goncourts es formulierten, konnte er sich dort ein regelrechtes Reich erschaffen, denn tatsächlich erhielt er für sein finanzielles Engagement weitgehend freie Hand bei der Gestaltung des Unterhaltungsprogramms und konnte sich auch in verschiedenen Auseinandersetzungen über Bauprojekte in der Regel durchsetzen. Laut dem Komponisten Hector Berlioz, der Ende der 1850er-Jahre die »grands concerts« in Baden-Baden organisierte, führte das Beispiel Bénazets in Paris zu der Vorstellung, dass so etwas wohl nur in Deutschland möglich wäre:
Il […] paraît si étrange [au public parisien] d’ailleurs qu’un homme qui n’est pas un souverain prenne l’initiative de tant d’entreprises d’art et jouisse de l’influence qu’on lui attribue, que cela encore achève de brouiller les idées du public, assez naturellement porté à croire qu’on ne saurait faire dans une petite ville d’Allemagne ce qui ne se fait pas à Paris et qu’un particulier peut entreprendre ce qu’aucun roi de l’Europe n’a tenté jusqu’à présent205.
102Der Historiker David Clay Large behauptet, dass der wachsende Einfluss Preußens in Baden-Baden seit den 1850er-Jahren Bénazets Handlungsspielraum eingeschränkt habe. Augusta sei »erzprüde« gewesen, habe das Spiel verabscheut und sich geweigert, das Konversationshaus zu betreten. Wilhelms Generaladjutant, Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingefingen, bezeichnete, wie Large zitiert, die fashionablen Badegäste an der Promenade als »Abschaum der Pariser Gesellschaft«206. Auch Klaus Fischer schreibt, dass Baden-Baden sich nach dem Ende der Franzosenzeit »der Prüderie [seiner] preußischen Gäste« angepasst und sich in ein »dröges Pensionopolis« verwandelt habe207. Tatsächlich jedoch lagen die Vorstellungen und Interessen Édouard Bénazets, der privat ebenfalls weder ein Freund des Glücksspiels noch der Pariser Halbwelt war, und der preußischen Königin, die französische Kunst liebte, wohl nicht so weit auseinander. Andernfalls wäre das Hohenzollernpaar vermutlich nicht jedes Jahr zur Sommerfrische nach Baden-Baden gekommen. Tatsächlich betrat Augusta oft das Konversationshaus, in dem sie während ihrer Aufenthalte fast alle Konzerte und Theatervorstellungen besuchte. Im Jahr 1862 beauftragte sie sogar die Redaktion der von Bénazet finanzierten »Illustration de Bade« mit der Erstellung einer Übersicht über alle Veranstaltungen der letzten zehn Jahre208.
103Es bestanden auch persönliche Verbindungen zwischen Bénazet und hochrangigen preußischen Gästen. So beherbergte er in seiner Villa zum Beispiel 1855 den preußischen Gesandten in Karlsruhe, Karl Friedrich Freiherr von Savigny, und richtete 1865 ein Diner zu Ehren eines pensionierten preußischen Generalleutnants und eines Brigadekommandanten aus Mannheim aus, zu dem neben den Gefeierten weitere Generale und Stabsoffiziere eingeladen waren209. Bei den Veranstaltungen in der Villa Bénazet waren nicht nur Wilhelm und Augusta, sondern auch das großherzogliche Paar und verschiedene andere Angehörige des deutschen Hochadels regelmäßige Gäste, die sich hier, wie die Comtesse Dash versicherte, sehr wohl fühlten, denn »nul ne connaît mieux que lui les mystères de l’étiquette, si chère à l’aristocracie allemande, dont il est fort estimé«210.
104Bénazet selbst bezeichnete Baden-Baden gegenüber Friedrich I. als seine zweite Heimat: »J’ai [sic] passé par bien des douleurs, j’ai été atteint dans mes plus chères affections, j’ai fait bien des ingrats dans ma vie, mon plus grand chagrin, Monseigneur, serait de voir sacrifier à des [unleserliches Wort] imprudentes, l’existence d’une ville qui depuis plus de vingt ans que je l’habite, est devenu ma seconde patrie«211.
105Die Nachricht vom Tod des Spielunternehmers, der am 2. Dezember 1867 in Nizza einem Schlaganfall erlag, erregte in seiner Wahlheimat tiefe Anteilnahme. Entgegen den Erwartungen wurde Bénazets Leichnam aber nicht nach Baden-Baden, sondern nach Paris überführt, wo er am 9. Dezember auf dem Friedhof Montmartre bei seinen Angehörigen beigesetzt wurde. Jedoch fand am 16. Dezember ein feierliches Seelenamt in der katholischen Stiftskirche statt, bei dem eine große Trauergemeinschaft zusammenkam: »[D]ie weiten Räume des Gotteshauses waren so sehr mit Leidtragenden aus allen Ständen gefüllt, daß man darin von neuem die große Beliebtheit des Verstorbenen wahrnahm«, wobei »nicht nur die Stadt Baden selbst in ihren Vorständen und in ihrer Bürgerschaft, sondern auch die ganze Umgegend stark vertreten war«212.
1.2.4 Émile Dupressoir
106Der letzte französische Spielunternehmer, Émile Dupressoir, wird in wissenschaftlichen und stadtgeschichtlichen Beiträgen im Vergleich zu seinem Großvater und seinem Onkel oft vernachlässigt. Dies mag daran liegen, dass seine Amtszeit als Geschäftsführer des Baden-Badener Spielunternehmens nur vier Jahre dauerte und in den letzten beiden der Glanz der Sommerhauptstadt Europas bereits verblasst war. Daher gibt es auch weniger Quellen über ihn als über seine Vorgänger.
107In den meisten Darstellungen wird behauptet, dass Émile Dupressoir, der 1822 in Paris geboren wurde, ein Berufsoffizier war und aus einer alten französischen Militäradelsfamilie stammte213. Es wird auch gesagt, dass die Familie ihren Namen von du Pressoir in Dupressoir geändert habe, um ihre aristokratische Herkunft zu verschleiern und Verfolgung zu entgehen214. Tatsächlich wurde sein Großvater als Louis Aymard du Pressoir geboren, er war allerdings kein Militär, sondern ein Staatsanwalt am Châtelet de Paris. Über seinen Vater Aymard Simon du Pressoir sind nur seine Tätigkeit als Bürgermeister der Gemeinde Thiais, das heute zu Paris gehört, zwischen 1831 und 1837 sowie seine Funktion als Kommandant der Nationalgarde bekannt215. Émile war eines von vier Kindern und der einzige Sohn aus der Ehe du Pressoirs mit Jacques Bénazets Tochter Hortense. Wie seine Onkel und seine beiden Großväter absolvierte er keine militärische, sondern eine juristische Laufbahn. Im Jahr 1845 schloss er sein Studium an der Universität Straßburg ab216.
108Möglicherweise ist der Irrtum über Émile Dupressoirs angebliche frühe Karriere als Armeeoffizier aufgrund seiner Leidenschaften für die Jagd, den Pferdesport und – ganz im Gegensatz zu seinem Onkel – auch das Glücksspiel entstanden217. Auf einer Fotografie aus den 1860er-Jahren, die ihn in entspannter Haltung zeigt, die Beine überkreuzt und den Ellbogen lässig auf eine Stuhllehne gestützt, strahlt er Gelassenheit und Selbstbewusstsein aus (Abb. 3).
Abb. 3

Porträt von Émile Dupressoir, Fotografie, um 1865, StA BAD F2/3452.
109Als in Baden-Baden bekannt wurde, dass der Spielpachtvertrag, der wenige Monate vor Édouard Bénazets Tod noch einmal bis 1872 verlängert worden war, auf seine Erben übergehen und dass Émile Dupressoir die Geschäftsleitung antreten würde, war die Erleichterung groß, denn nun »wusste man, dass es immer noch aufwärts, aber nimmermehr abwärts gehen könnte«: »Herr Dupressoir ist nicht nur ein Mann von Welt, von Geschmack, von Liebe zur Kunst, wie sein verstorbener Onkel es auch war, sondern er ist zugleich eine junge, unternehmende Kraft […] Dabei kennt er die Verhältnisse aus eigener Erfahrung seit Jahren durch und durch, und weiß am rechten Ort die rechten Mittel anzuwenden«218.
110Tatsächlich verbrachten die Dupressoirs als Teil der Familie Bénazet bereits seit den 1840er-Jahren ihre Sommer in Baden-Baden. Nach seinem Studium im nahe gelegenen Straßburg heiratete Émile Dupressoir Maria Magdalena Hotz, eine Einheimische aus Baden-Baden und Tochter des damaligen Betreibers des Badischen Hofes, des ersten Grandhotels der Stadt, das sie seit 1859 selbst leitete. Berichte über von ihm im Winter veranstaltete Jagden deuten darauf hin, dass Dupressoir, im Gegensatz zu seinem Onkel und seinem Großvater, den größten Teil des Jahres im Oostal verbrachte.
111Hortense Dupressoir und ihre Kinder waren nach dem Tod von Jacques Bénazet als dessen Erbinnen und Erben auch an den Anteilen des Unternehmens beteiligt, das nun von Édouard Bénazet geleitet wurde. Émile war bereits seit den 1850er-Jahren aktiv an der Verwaltung beteiligt, insbesondere für die Jagd zuständig und seit 1858 als Spezialbeauftragter für die Organisation der Iffezheimer Galopprennen tätig. Außerdem hatte sich Édouard Bénazet in den letzten Jahren seines Lebens nicht nur aus der Öffentlichkeit, sondern zunehmend auch aus der Geschäftsführung zurückgezogen. Nachdem die Villa Bénazet in den Besitz der Dupressoirs übergegangen war, hatte er 1864 ein Grundstück in Oosscheuern erworben, das damals noch weit außerhalb der Stadt lag und heute längst eingemeindet ist. Dort ließ er ein Landhaus im Schweizer Chalet-Stil errichten, wo er aufgrund einer langjährigen und mit starken Schmerzen verbundenen Krankheit oft ans Bett gefesselt war. Ein Zeitgenosse erinnerte sich später:
Depuis plusieurs années déjà, Bénazet ne régnait guère qu’en monarche oriental, c’est-à-dire d’une façon occulte. Il décrétait du fond de ses appartements, et Dupressoir était l’exécuteur de ses décrets – et pas seulement l’exécuteur, mais aussi l’inspirateur, à la fois le bras et la tête, manu et consili –, une sorte d’éminence grise219.
112Als Dupressoir nach dem Tod seines Onkels offiziell die Geschäftsführung übernahm, trat er in die Fußstapfen seines Vorgängers und stand ihm in nichts nach. Ein erster Blick auf das bevorstehende Saison-Programm im Frühjahr 1869 ließ den Korrespondenten der »Karlsruher Zeitung« verkünden, dass die Saison »noch großartiger ausgestattet sein [wird] als die Saison von 1868, bis jetzt bekanntlich die glänzendste, welche Baden gesehen hat«220. Auch in Paris war man überzeugt, dass »Bade entre ses mains ne cessera pas d’être Bade«221, und tatsächlich stiegen die Gästezahlen in den Jahren 1868 und 1869 weiter an. Doch der Deutsch-Französische Krieg sollte dieser Kontinuität ein jähes Ende bereiten.
113Im Gegensatz zu den meisten anderen französischen Staatsangehörigen, die Baden-Baden nach Beginn des Krieges so schnell wie möglich verlassen hatten, blieb Émile Dupressoir noch weitere zwei Jahre in der Stadt und erfüllte seinen Vertrag bis zum Ende. Dabei akzeptierte er nicht nur zusätzliche Bedingungen, sondern erbrachte darüber hinaus noch im Sommer 1871 bedeutende finanzielle Opfer, um die Einführung einer Fremdensteuer abzuwenden, die aufgrund der durch den Krieg verursachten Einbußen des Badfonds in Höhe von 400 000 fl. ansonsten notwendig gewesen wäre. Möglicherweise hoffte er, dass die Schließung der Spielbank erneut verschoben würde, und auch die Bürgerinnen und Bürger wollten mit einer neuerlichen Petition, die nunmehr an den Reichstag in Berlin adressiert werden sollte, eine Verlängerung der Frist erwirken222. Doch am 31. Oktober 1872 rollte im Baden-Badener Konversationshaus die vorerst letzte Kugel223. Noch im November 1872 ernannte der Gemeinderat auch noch den letzten Repräsentanten der Dynastie Bénazet zum Ehrenbürger der Stadt. Die entsprechende Urkunde, die ihm durch den Bürgermeister und drei Vertreter des Gemeinderats mit einer entsprechenden Ansprache überreicht wurde, ist heute in einer Vitrine im Casino ausgestellt.
114Berichten der Pariser Presse zufolge war Émile Dupressoirs finanzielle Lage bei Ende seiner Pachtzeit schlecht, wozu neben seiner Großzügigkeit auch seine Spielleidenschaft beigetragen haben soll. Da ihm das Setzen an seinen eigenen Tischen untersagt war, soll er in Wiesbaden, Ems und Homburg gespielt haben. Nach dem Verlust seines Unternehmens in Baden-Baden plante er verschiedene Projekte zur Gründung eines neuen Spielcasinos. Zunächst versuchte er, die neue Pariser Regierung zu überzeugen, das konzessionierte Glücksspiel in Frankreich wieder einzuführen. Später richtete er sein Interesse auf Spanien und erwarb sogar eine entsprechende Konzession in Andorra. Allerdings stellte er fest, dass der Ausbau einer angemessenen Verkehrsinfrastruktur dort viel zu lange dauern würde. So erwiesen sich letztendlich seine neuen Projekte als Luftschlösser224.
115Immer wieder kehrte Émile Dupressoir zeitweise und schließlich endgültig nach Baden-Baden zurück, wo er im August 1884 verstarb: »Et il s’en est allé mourir à Bade, parmi les souvenirs de son ancienne fortune, et dormir son dernier sommeil sur les bords de cette jolie rivière de l’Oos qu’il a tant aimée«, schrieb der Pariser Journalist Émile Blavet in einem Nachruf auf »le dernier roi de Bade«225. Dupressoir hinterließ seine Ehefrau, die noch bis Ende der 1880er-Jahre im Badischen Hof lebte, sowie seine 1860 in Baden-Baden geborene und 1945 ebenda verstorbene Tochter, Marie Madeleine Luise, die 1887 den von altem Ortenauer Landadel abstammenden preußischen Premierleutnant a. D. Felix Roeder von Diersburg heiratete.
116Über einen Zeitraum von über dreißig Jahren hinweg agierten Jacques und Édouard Bénazet sowie Émile Dupressoir als bedeutende Vermittler des kulturellen Austauschs in Baden-Baden. Indem sie zahlreiche Akteurinnen und Akteure des Pariser Kulturlebens nach Baden-Baden zogen, machten sie auch diese zu Mittlerinnen und Mittlern. National gesinnte Deutsche sahen in den Pariser Spielunternehmern die Hauptverantwortlichen für die angebliche französische Überfremdung der Stadt und auch in der Forschung werden sie – ohne diesen negativen Tenor – fast immer als diejenigen dargestellt, die französische Einflüsse nach Baden-Baden brachten und es zu einem kleinen Paris machten. Auch wenn Letzteres nicht von der Hand zu weisen ist, wurde und wird dabei verkannt, dass beide Bénazets und später auch Émile Dupressoir stets bemüht waren, neben dem Geschmack ihres Pariser Publikums auch der Tradition und Kultur ihres Gastlandes sowie den Interessen ihrer preußischen und anderen deutschen Gäste gerecht zu werden. Lediglich die ehemalige Baden-Badener Archivarin und Stadthistorikerin Margot Fuhs erkennt in einem unveröffentlichten Manuskript über die Bénazets und ihr Wirken in Baden-Baden diese Tatsache an. Sie schreibt über Édouard Bénazet: »[Er] hatte auch gar nicht die Absicht, Baden als französische Provinz ›friedlich zu erobern‹, sondern trug bewusst dem deutschen Charakter Rechnung«226. Diese These wird im Laufe der folgenden Kapitel anhand verschiedener Beispiele belegt werden.
Notes de bas de page
1Zu den Ausnahmen gehören z. B. Rosenberg, Die Entwicklungsgrundlagen, und Dagmar Kicherer, »Das mächtige Vielleicht«. Die Spielbank in Baden-Baden, in: Volles Risiko! Glücksspiel von der Antike bis heute, hg. vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe, Karlsruhe 2008, S. 221–227.
2Egon Caesar Conte Corti, Eva Schweiblmeier, Der Zauberer von Homburg und Monte Carlo / Die Rückkehr des Glücks, Frankfurt a. M. 2008.
3Auguste Villemot, Chronique parisienne, in: Figaro, 3.8.1856.
4Manfred Zollinger, Geschichte des Glücksspiels. Vom 17. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg, Wien, Köln, Weimar 1997, S. 229.
5Vgl. ibid., S. 229f., S. 47–94 zum Adelsspiel und S. 229–243 zur Kommerzialisierung des Spiels in Badeorten. Vgl. zu Beau Nash auch detailliert John Eglin, The Imaginary Autocrat. Beau Nash and the Invention of Bath, London 2005, S. 111–136.
6Vgl. Zollinger, Geschichte des Glücksspiels, S. 233f., sowie eingehend Paul Bertholet, Les jeux de hasard à Spa au xviiie siècle. Aspects économiques, sociaux, démographiques et politiques, in: Bulletin de la Société verviétoise d’archéologie et d’histoire 66 (1988), S. 5–261.
7Johann Bergius, Spielen. Spielkarten, in: Policey- und Cameral-Magazin 8 (1774), S. 135–142, hier S. 140.
8Zur Entwicklung und Regulierung des Glücksspiels in Großbritannien bis 1914 vgl. Roger Munting, An Economic and Social History of Gambling in Britain and the USA, Manchester, New York 1996, S. 6–31; zur staatlich gesteuerten Monopolisierung des Spielbetriebs in den deutschen Staaten sowie in Spa vgl. Zollinger, Geschichte des Glücksspiels, S. 230–236.
9Vgl. Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1843/44), I. Kammer, 2. Beilagenheft, S. 7f.
10Zollinger, Geschichte des Glücksspiels, S. 235–243.
11Zur Geschichte und insbesondere zur Regulierung des Glücksspiels in Frankreich von der Französischen Revolution bis zur Julimonarchie vgl. Alfred Marquiset, Jeux et joueurs d'autrefois (1789–1837), Paris 1917.
12Vgl. Kicherer, »Das mächtige Vielleicht«, S. 222; Large, The Grand Spas, S. 64.
13Vgl. Alexandra Löffler, »Eine Steuer, die jedermann mit Vergnügen bezahlt«? Lotterie und Glücksspiel in Bayern zwischen 1848 und 1871, in: Nils Freytag, Dominik Petzold (Hg.), Das »lange« 19. Jahrhundert. Alte Fragen und neue Perspektiven, München 2007, S. 103–120, hier S. 113; Johann Sporschil, M. Wechs, Neueste Geschichte der Deutschen, 1851–1862, Regensburg 1871, S. 257.
14Franz Wigard (Hg.), Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, Bd. 6, Nr. 133–155, Leipzig 1849, S. 4488f. Der zitierte Redebeitrag stammt von dem demokratischen Tübinger Abgeordneten Theodor Vischer, von dem später noch die Rede sein wird.
15Reichs-Gesetz-Blatt, hg. von der Frankfurter Nationalversammlung, Frankfurt a. M. 1848–1849, 10. Stück (25.1.1849).
16Fortsetzung des Berichts über die 2. öffentliche Sitzung der ersten Kammer, in: Karlsruher Zeitung, 13.12.1865.
17Die deutschen Spielbäder vor und nach dem Krieg von 1866, in: Die Grenzboten 1 (1867), S. 23–30, hier S. 28.
18Aus einem Schreiben an das bayerische Außenministerium von Anfang 1849, zit. nach Löffler, »Eine Steuer, die jedermann mit Vergnügen bezahlt«?, S. 114.
19Vgl. Sporschil, Wechs, Neueste Geschichte der Deutschen, S. 257–259, 696; Carl Julius Bergius, Grundsätze der Finanzwissenschaft mit besonderer Beziehung auf den preußischen Staat, Berlin 21871, S. 360.
20Bundesgesetzblatt des Norddeutschen Bundes, hg. vom Norddeutschen Bund, Nr. 21 (1.7.1868), S. 367f.
21Vgl. Rosenberg, Die Entwicklungsgrundlagen, S. 18.
22Vgl. Kicherer, »Das mächtige Vielleicht«, S. 221.
23Vgl. Aloys Wilhelm Schreiber, Baaden in der Marggrafschaft mit seinen Bädern und Umgebungen, Karlsruhe 1805, S. 132.
24Zu den Folgen der »Katastrophe des Jahres 1689« vgl. Frech, Der Kurort Baden-Baden, S. 17f.
25Vgl. Aloys Wilhelm Schreiber, Baden im Großherzogthum mit seinen Heilquellen und Umgebungen neu beschrieben von Aloys Schreiber, Heidelberg 1811, S. 83. Vgl. auch Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1843/44), I. Kammer, 2. Beilagenheft, S. 6.
26Vgl. Rudolf Vierhaus, Deutsche Biographische Enzyklopädie, Bd. 5, Berlin, Boston 2011, S. 499f., hier S. 499, und Fischer, Die lächelnde Stadt, S. 9.
27Vgl. Sabine Diezinger, Französische Emigranten und Flüchtlinge in der Markgrafschaft Baden (1789–1800), Frankfurt a. M. u. a. 1991.
28Schreiber, Baaden in der Marggrafschaft, S. 132.
29Vgl. Kicherer, »Das mächtige Vielleicht«, S. 221.
30Vgl. Diezinger, Französische Emigranten, S. 283.
31Vgl. Schreiber, Baaden in der Marggrafschaft, S. VI, und als Beispiel für eine stadtgeschichtliche Darstellung Haebler, Geschichte der Stadt, S. 29–31.
32Vgl. Otto Flake, Ein Leben am Oberrhein. Essays und Reiseskizzen aus dem Elsaß und aus Baden, Frankfurt a. M. 1987, S. 295; Large, The Grand Spas, S. 58.
33Vgl. Rosenberg, Die Entwicklungsgrundlagen, S. 13.
34Ibid., S. 12.
35Ibid., S. 11. Vgl. auch Haebler, Geschichte der Stadt, S. 28.
36Zit. nach Frech, Der Kurort Baden-Baden, S. 22.
37Johann Wendt, Die eisenhaltigen Quellen zu Altwasser in Schlesien, Breslau 1841, S. 5.
38Vgl. Frech, Der Kurort Baden-Baden, S. 11.
39Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1843/44), I. Kammer, 2. Beilagenheft, S. 10.
40Vgl. Haebler, Geschichte der Stadt, S. 43f.
41Rezension zu Johann Karl Heinrich Ackermann, Winke zur Verbesserung öffentlicher Brunnen- und Bade-Anstalten, Posen, Leipzig 1802, in: Allgemeine Literatur-Zeitung, 10.11.1804.
42Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1843/44), I. Kammer, 2. Beilagenheft, S. 6.
43Ibid., S. 13f.
44Vgl. z. B. Kicherer, »Das mächtige Vielleicht«, S. 222.
45Vgl. Frech, Der Kurort Baden-Baden, S. 39.
46Zit. nach Rosenberg, Die Entwicklungsgrundlagen, S. 49.
47Vgl. ibid., S. 33.
48Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1831), I. Kammer, 4. Protokollheft, S. 115.
49Vgl. ibid. und zur steigenden Konkurrenz außerdem ibid. (1843/44), I. Kammer, 2. Beilagenheft, S. 8.
50Vgl. Budgetberichte des großherzoglich badischen Innenministeriums, Position »Badanstalten«, in: Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1831–1870), II. Kammer, https://digital.blb-karlsruhe.de/blbihdl/periodical/structure/617872 (5.10.2023).
51Vertrag zwischen dem Vorstande des Bezirksamts Baden und dem Spielpächter Bénazet aus Paris über den alljährlichen Anfang & Schluß der Hazardspiele in Baden (25.5.1841), GLAK 230/4245.
52Rosenberg, Die Entwicklungsgrundlagen, S. 42f.
53Fischer, Die lächelnde Stadt, S. 91.
54Zit. in Baden-Baden und die Spielbank, in: Deutsche Vierteljahrs-Schrift 2 (1840), S. 204–224, hier S. 209.
55Vgl. Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1843/44), I. Kammer, 2. Beilagenheft, S. 13.
56Ibid., 1. Protokollheft, S. 15.
57Ibid., 2. Beilagenheft, S. 1.
58Vgl. Rosenberg, Die Entwicklungsgrundlagen, S. 53–55.
59Large, The Grand Spas, S. 87f.
60Frankreich, in: Die Staffette, 24.2.1849.
61À Son Excellence monsieur de Tallenay, ministre de la République française à Francfort (von Heinrich von Gagern, März 1849), GLAK 236/8194.
62Vgl. Unterthänigste Bitte des Édouard Bénazet in Baden den neuen Spielpacht betreffend (18.1.1853), GLAK 60/1831.
63Vertrag mit E. Bénazet über den mit 1ten Januar 1854 beginnenden neuen Spielpacht (10.2.1853), GLAK 230/4246.
64Vgl. Kicherer, »Das mächtige Vielleicht«, S. 224.
65Petition der Stadt Baden, die Aufhebung des öffentlichen Spiels daselbst betreffend (1862), StA BAD 02–162/008; Unterthänigste Bitte der Stadtgemeinde Baden, die Aufhebung der öffentlichen Spiele betreffend (1862), StA BAD 02–162/009; Brief von É. Bénazet an Friedrich I. (Juli 1862), GLAK 60/1831.
66Übereinkunft zwischen dem großherzogl. badischen Ministerium des Innern und Herrn Eduard Bénazet in Baden (10.2.1863), GLAK 230/4247 (Hervorh. i. Orig.).
67Übereinkunft mit dem Pächter des Hazardspiels in Baden E. Dupressoir daselbst über die Verlängerung des bestehenden Spielpachtes (6.12.1869), GLAK/4249.
68Kicherer, »Das mächtige Vielleicht«, S. 222.
69Vgl. Wilhelm von Chézy, Rundgemälde von Baden-Baden, seinen nähern und fernen Umgebungen. Ein Taschenbuch für Kurgäste und Reisende, Karlsruhe 1830, S. 30–33.
70Fjodor Dostojewski, Der Spieler. Roman aus dem Badeleben, Berlin 1888, S. 157.
71Vgl. Marquiset, Jeux et joueurs, S. 189f.
72Vgl. Chézy, Rundgemälde, S. 28, 30.
73Der Tagelohn eines Münchner Maurer- oder Zimmergesellen »bei Bauten« betrug im Jahr 1851 zwischen 45 und 57 Kreuzer. Vgl. Uwe Puschner, Lohn und Lebensstandard. Arbeiter- und Handwerkerlöhne in München und Augsburg in vor- und frühindustrieller Zeit, in: Rainer A. Müller, Michael Henker (Hg.), Aufbruch ins Industriezeitalter. Aufsätze zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bayerns 1750–1850, Bd. 2, München 1985, S. 383–401, hier S. 391.
74Pachtvertrag mit Jacques Bénazet von Paris über das Hazardspiel in Baden (7.2.1837), GLAK 230/4244; im Vertrag von 1853 lautet der entsprechende Paragraf dann wie folgt: »Die Regierung behält sich das Recht vor zu bestimmen, welche Klaßen von Personen zum Spiele nicht zugelaßen werden dürfen«, Vertrag mit E. Bénazet über den mit 1ten Januar 1854 beginnenden neuen Spielpacht (10.2.1853), GLAK 230/4246.
75Vgl. Amédée Renée, Les nièces de Mazarin. Études de mœurs et de caractères au xviie siècle, Paris 31857, S. 440.
76Dostojewski, Der Spieler, S. 158.
77Chézy, Rundgemälde, S. 30.
78Vgl. Die Aufhebung der Spielbank in Baden-Baden, in: Neues aus der Welt. Beilage zu Karl Gutzkow’s Unterhaltungen am häuslichen Herd 2 (1862), S. 97–99, hier S. 98.
79C. Retniff [pseud.], Das Hazardspiel und die Homburger Spielhölle, Wien, Leipzig 1863, S. 32. Vgl. auch Ein Tag in Homburg, in: Die Grenzboten 1 (1850), S. 391–396.
80Aus den deutschen Spielhöllen. Nr. 2 Homburg – Nauheim – Wilhelmsbad – Wiesbaden – Baden-Baden, in: Die Gartenlaube 10 (1862), S. 233–235, hier S. 235.
81Marie Colombier, Mémoires. Fin d’empire, Paris 1889, S. 160f.
82Vgl. Die Aufhebung der Spielbank in Baden-Baden, in: Neues aus der Welt. Beilage zu Karl Gutzkow’s Unterhaltungen am häuslichen Herd 2 (1862), S. 97–99, hier S. 98.
83Die deutschen Spielbäder vor und nach dem Krieg von 1866, in: Die Grenzboten 1 (1867), S. 23–30.
84Vgl. Zollinger, Geschichte des Glücksspiels, S. 241.
85Kicherer, »Das mächtige Vielleicht«, S. 222.
86Zit. nach Haebler, Geschichte der Stadt, S. 31.
87Vgl. Kicherer, »Das mächtige Vielleicht«, S. 221. Laut Kicherer hieß der besagte Spielpächter Payen; Payer laut Rosenberg, Die Entwicklungsgrundlagen, S. 21, und Haebler, Geschichte der Stadt, S. 32.
88Vgl. z. B. Fischer, Die lächelnde Stadt, S. 13–19;
89Vgl. Fischer, »Faites votre jeu«, S. 25.
90Vgl. Vertrag zwischen Gr. Regierung und den Entrepreneurs des Hazardspiels in Baden 1.) Joseph de Balathier, 2.) Jean Jacques Bernard von Paris (18.3.1812), GLAK 230/4242.
91Wilhelm Zentner (Hg.), Johann Peter Hebels Briefe an Gustave Fecht, 1791–1826, Karlsruhe 1921, S. 115.
92Réclamation de MM. Bernard & Balathier, fermiers des jeux des bains de Bade (17.10.1817), GLAK 233/5690.
93Vgl. Vertrag der Gr. Regierung mit dem Entrepreneur des Hazardspiels in Baden, Salomon Oppenheimer von Berlin, wegen Abtragung dieser Entreprise (21.3.1824), GLAK 230/4243.
94Zum Verhältnis zwischen Frankreich und Baden zur Zeit der Restauration vgl. Karl Hammer, Die französische Diplomatie der Restauration und Deutschland 1814–1830, Stuttgart 1963, S. 98.
95Gérard de Nerval, Lorely. Souvenirs de l'Allemagne, in: ders., Voyage en Orient, Bd. 2, Paris 1867, S. 427–491, hier S. 460.
96M. Bénazet à Bade, in: Le Figaro, 27.7.1838.
97Wilhelm von Chézy, Helle und dunkle Zeitgenossen, Bd. 3, Schaffhausen 1864, S. 234.
98Vgl. Rosenberg, Die Entwicklungsgrundlagen, S. 36.
99Wilderich Weick, Reliquien von Ludwig Winter, großherzoglich badischem Staatsminister und Abgeordneten zur II. Kammer der badischen Stände. Biographie und Schriften, Freiburg im Breisgau 1843, S. 500.
100François-Jérôme-Léonard de Mortemart de Boisse, Voyage pittoresque dans le grand-duché de Bade, Paris 1836, S. 16.
101Zit. nach Baser, Große Musiker, S. 17.
102Vgl. Nerval, Lorely, S. 467.
103Zit. nach Baser, Große Musiker, S. 17.
104Vgl. Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1843/44), I. Kammer, 2. Beilagenheft, S. 9.
105Korrespondenz-Nachrichten. Baaden, August, in: Morgenblatt für gebildete Stände, 23.8.1830.
106Vgl. zur Entwicklung von einer regional zu einer international geprägten Badegesellschaft Herrmann, Klemm, Mayer, Internationalität, S. 41; eine nach Nationaltäten aufgeschlüsselte Tabelle über die Fremdenfrequenz im Zeitraum von 1824 bis 1868 findet sich bei Frech, Der Kurort Baden-Baden, S. 37–39; für spätere Jahre vgl. Rosenberg, Die Entwicklungsgrundlagen, S. 93f. und Anhang.
107Vgl. [Wilhelm von Chézy,] Deutschland. Baden-Baden, 7. Febr., in: Allgemeine Zeitung, 12.2.1837.
108Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1839), II. Kammer, 4. Protokollheft, S. 231.
109Vgl. Bericht des Innenministeriums den Hazardspielgelder Fond zu Baden, die Verpachtung des Hazardspiels und des Conversationshauses betr. (21.12.1836), GLAK 233/15261.
110Ibid.
111Allocution prononcée par M. Valéry Giscard d'Estaing à la mairie de Baden-Baden, lors de sa visite officielle en République fédérale d'Allemagne, le mardi 8 juillet 1980, https://www.elysee.fr/valery-giscard-d-estaing/1980/07/08/allocution-prononcee-par-m-valery-giscard-destaing-a-la-mairie-de-baden-baden-lors-de-sa-visite-officielle-en-republique-federale-dallemagne-le-mardi-8-juillet-1980 (5.10.2023).
112Vgl. bes. Heike Kronenwett, Baden-Baden. Vom römischen Kurort zur Sommerfrische Europas, in: Eidloth (Hg.), Europäische Kurstädte, S. 43–55.
113Vgl. Fischer, »Faites votre jeu«, S. 41. Wo nicht anders angegeben, stammen die nachfolgenden biografischen Informationen aus folgenden Werken und Dokumenten: Germain Sarrut, Biographie de M. Jacques Bénazet, in: ders., Edme-Théodore Bourg (Hg.), Biographie des hommes du jours, Bd. 6, Paris 1841, S. 3–30; Henry Lauzac, Galerie historique et critique du dix-neuvième siècle, Bd. 2, Paris 1859–1861, S. 130–153; Marquiset, Jeux et joueurs, S. 176–207; sowie unveröffentlichte Manuskripte und Briefe der ehemaligen Baden-Badener Stadthistorikerin und Achivarin Margot Fuhs, Manusc. und Schriftwechsel Bénazet – Spielbank (1971), StA BAD 23–40/156.
114Lauzac, Galerie historique, S. 132.
115Zit. nach Sarrut, Biographie, S. 9.
116Alfred Sirven, Les plaisirs de Bade, Paris 1865, S. 13.
117Larousse.fr, https://www.larousse.fr/dictionnaires/francais/Tout-Paris/78786?q=%22Tout-Paris%22#77850 (5.10.2023).
118Siehe ausführlich zur Entstehung und Struktur dieses Milieus Anne Martin-Fugier, La vie élégante, ou la formation du Tout-Paris (1815–1848), Paris 1990.
119Sur l’affaire de l’huissier Godard, in: L’Observateur des maisons de jeux, de la bourse et des théâtres, 11.10.1833.
120Zit. nach Marquiset, Jeux et joueurs, S. 193.
121Charles Lefeuve, Histoire des galeries du Palais-Royal, Paris 41863, S. 25f.
122Vgl. Recueil administratif du département de la Seine, contenant les lois, ordonnances royales et de police, instructions, arrêtés, actes divers, jugemens des cours et des tribunaux, concernant la police et l’administration départementale et communale, Bd. 1, Paris 1836, S. 285f.
123Zu den Einnahmen und Abgaben der Pariser Spielpachtverwaltung vgl. ibid., S. 286, und Lefeuve, Histoire des galeries, S. 26–30.
124Ibid., S. 26.
125Saint-Félix [pseud.], Le journalisme dévoilé, Paris 1838, S. 7.
126Lefeuve, Histoire des galeries, S. 25.
127Louis Véron, Mémoires d’un bourgeois de Paris, Bd. 1, Paris 1856, S. 40.
128Revue de la semaine, in: La Mode 1 (1832), S. 15–22, hier S. 19f.
129Vgl. Bigarrures, in: Le Figaro, 26.9.1836; Épingles, in: La Mode 2 (1836), S. 345; Emma Denoyer, Modes, in: Le Ménestrel, 29.5.1842; Théodore Langlois, Causeries, in: Le Tintamarre, 14.5.1843.
130Sirven, Les plaisirs, S. 13.
131Pierre Durand [pseud. Eugène Guinot], Revue de Paris, in: Le Siècle, 19.12.1842.
132Pachtvertrag mit Jacques Bénazet (7.2.1837), GLAK 230/4244.
133Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1839/40), II. Kammer, 4. Protokollheft, S. 274.
134Pachtvertrag mit Jacques Bénazet (7.2.1837), GLAK 230/4244.
135Vgl. Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1839/40), II. Kammer, 3. Protokollheft, S. 305.
136Ibid., S. 175.
137Bericht im »Schwäbischen Merkur«, zit. u. a. in Deutschland – Karlsruhe, 2. Juli, in: Allgemeine Zeitung, 6.7.1839.
138Vgl. Schreiben des Innenministers Carl Friedrich Nebenius an Großherzog Leopold betr. die zur Erlangung der Spielpacht in Baden angeblich stattgefundene Bestechung (26.7.1839), GLAK N Nebenius 121.
139Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1839/40), II. Kammer, 3. Protokollheft, S. 176, 179.
140Vgl. Abschlussbericht des Ministeriums des Innern zur vermeintlich stattgefundenen Bestechung bei der Verpachtung der Spielbank in Baden an Jacques Bénazet (2.8.1844), GLAK 233/15261.
141Vgl. Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1839/40), II. Kammer, 3. Protokollheft, S. 278.
142Schriftwechsel zwischen dem badischen Staatsministerium, dem Hofgericht in Rastatt und dem badischen Gesandten in Paris, Christian Friedrich Gerstalcher, dem dortigen Polizeipräfekten Gabriel Delessert sowie dem Generalstaatsanwalt Louis Bernard de Rennes, GLAK 233/5690.
143Abschlussbericht des Ministeriums des Innern zur vermeintlich stattgefundenen Bestechung bei der Verpachtung der Spielbank in Baden an Jacques Bénazet (2.8.1844), GLAK 233/15261.
144Chézy, Helle und dunkle Zeitgenossen, S. 234.
145Badeblatt für die großherzogliche Stadt Baden, 21.5.1833.
146[Wilhelm von Chézy,] Deutschland – Baden-Baden, 21. Nov., in: Allgemeine Zeitung, 2.12.1838.
147[Ders.,] Deutschland – Baden-Baden, 1. Oct., in: Allgemeine Zeitung, 4.10.1839.
148Vgl. [ders.,] Deutschland – Baden-Baden, 21. Nov., in: Allgemeine Zeitung, 2.12.1838.
149[Ders.,] Deutschland. Gr. Baden. Baden-Baden, in: Allgemeine Zeitung, 27.8.1845.
150August Lewald, Ausflug, in: Europa 3 (1839), S. 529–536, hier S. 532.
151Chézy, Helle und dunkle Zeitgenossen, S. 239f.
152Baden, 1. Nov. (Korresp.), in: Karlsruher Zeitung, 4.11.1841.
153Chézy, Helle und dunkle Zeitgenossen, S. 238.
154Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogthums Baden (1839/40), II. Kammer, 3. Protokollheft, S. 179.
155Die Saison von Baden-Baden. Den 22. Juli 1839, in: Europa 3 (1839), S. 308–313, hier S. 310.
156Die Badener Badezeit 1843 (Schluß), in: Karlsruher Zeitung, 25.10.1843.
157Baden, 30. Aug., in: Karlsruher Zeitung, 2.9.1840.
158Baden, 30. August (Korresp.), in: Karlsruher Zeitung, 1.9.1846; Baden, 30. August (Korresp.), in: Karlsruher Zeitung, 2.9.1841.
159Zur Philanthropie im Milieu des Tout-Paris vgl. Martin-Fugier, La vie élégante, S. 155–165.
160Zum Beispiel 1867 vgl. Baden-Baden, 3. Sept., in: Badischer Beobachter, 6.9.1867.
161Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Oberstleutnant der garde nationale zu Paris »entrepreneur« der Badener Spielbank, Jakob Bénazet (9.10.1840), StA BAD 26–4/23
162Ibid.
163Dieser Brief J. Bénazets an einen unbekannten Empfänger ist abgedruckt in einem Auktionskatalog für die Handschriften- und Briefsammlung aus dem Nachlass von Lucas de Montigny, conseiller de préfecture du département de la Seine: Catalogue de la collection de lettres autographes, manuscrits du comte de Mirabeau, documents historiques sur la Ligue, la Fronde, la Révolution, etc. de feu M. Lucas de Montigny, Paris 1860, S. 42.
164Vgl. Chézy, Helle und dunkle Zeitgenossen, S. 237f.; Anzeige über die Versteigerung des Landsitzes und der Villa Bénazet in: Karlsruher Zeitung, 1.1.1863. Das Gut wurde damals auf dem Wege der Versteigerung an die Familie Dupressoir übertragen, mit der seit Jacques Bénazets Tod Erbstreitigkeiten herrschten.
165Chézy, Helle und dunkle Zeitgenossen, S. 236.
166Korrespondenz-Nachrichten. Baden-Baden, Januar – Die Villa Bénazet, in: Morgenblatt für gebildete Leser, 7.1.1840.
167Vgl. Dr. v. Blaha [pseud.], Chabert, Bénazet und die Gebrüder Blanc, oder die Geheimnisse des Roulettespiels und der deutschen Spielbanken, Grimma o. J., S. 55.
168Steinhauser, Das europäische Modebad, S. 103f.
169Nouvelles – Chronique étrangère, in: Revue et gazette musicale de Paris, 2.8.1840.
170Intérieur. Paris, in: Le Constitutionnel, 20.3.1848.
171Variétés. Tableau de Bade et des environs, par M. de Chézy. Paris, chez Renouard, in: Le Moniteur universel, 7.7.1848.
172Vgl. La comtesse Dash [pseud. Anne-Gabrielle de Cisternes de Coutiras], Mémoires des autres. Souvenirs anecdotiques sur mes contemporains, Paris o. J., S. 77.
173Ibid.
174Le roman de Bade. Par un chroniqueur, Brüssel, Paris 1868, S. 260.
175Sirven, Les plaisirs, S. 16.
176Edmond und Jules de Goncourt, Journal des Goncourt. Mémoires de la vie littéraire, Bd. 3, Paris 1888, S. 218.
177Reynaud, Jacques [pseud. Anne-Gabrielle de Cisternes de Coutiras], Portraits contemporains, Paris 1864, S. 214.
178Albert Wolff, Gazette de Paris, in: Le Figaro, 14.12.1867.
179Épingles, in: La Mode 4 (1834), S. 136; Intérieur. Paris, 9 novembre, in: Le Constitutionnel, 10.11.1834.
180Le roman de Bade, S. 262.
181Reynaud, Portraits contemporains, S. 217.
182Steinhauser, Das europäische Modebad, S. 104.
183J.-L. Heuget, Nécrologie, in: Le Ménestrel, 8.12.1867.
184Albert Wolff, Gazette de Paris, in: Le Figaro littéraire et politique, 14.12.1867.
185Vgl. ibid.; Auguste Villemot, La vie à Paris. Chroniques du Figaro, Paris 1858, S. 389; Reynaud, Portraits contemporains, S. 222.
186Vertrag mit É. Bénazet (10.2.1853), GLAK 230/4246.
187Brief von É. Bénazet an Friedrich I. (Juli 1862), GLAK 60/1831.
188Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Oskar Eduard Bénazet, Advokat beim Kgl. Gerichtshof in Paris, Ritter der Ehrenlegion, »Spielbank-Beständer« (1851), StA BAD 26–4/26.
189Baden, in: Karlsruher Zeitung, 10.2.1853.
190Vgl. Bericht Nr. 192 des badischen Gesandten in Paris (13.12.1852), GLAK 233/5690.
191Schreiben des Präsidenten des großh. bad. Ministerium des Innern an Seine Exzellenz den Herrn Minister des großh. Hauses und der auswärtigen Angelegenheiten Freiherrn von Rüdth (19.1.1853), GLAK 233/5690.
192Vgl. Brief von É. Bénazet an Friedrich I. (Juli 1862), GLAK 60/1831.
193Ibid.
194Actenstücke, den Spielpacht zu Baden betr. Beilagen zum Erlaß des Ministeriums des Innern (12.2.1853 und 20.11.1862), GLAK 230/4246.
195Ibid.
196Vgl. Vertrag mit É. Bénazet (10.2.1853), GLAK 230/4246.
197Vgl. Frech, Der Kurort Baden-Baden, S. 35.
198Manusc. und Schriftwechsel Bénazet – Spielbank (1971), StA BAD 23–40/156 (Hervorh. i. Orig.).
199Unternehmung des Conversations-Hauses in Baden (Saison 1861), StA BAD 26–15/193.
200Petition der Stadt Baden (1862), StA BAD 02–162/008.
201Brief von É. Bénazet an Friedrich I. (Juli 1862), GLAK 60/1831.
202Ibid.
203Albert Wolff, Gazette de Paris, in: Le Figaro littéraire et politique, 14.12.1867.
204Corti, Der Zauberer von Homburg, S. 257.
205Hector Berlioz, Bade, in: Journal des débats, 24.9.1857.
206Vgl. Large, The Grand Spas, S. 88.
207Fischer, Die lächelnde Stadt, S. 98.
208Vgl. Charles Lallemand, Les arts à Bade, in: Illustration de Bade (1863).
209Vgl. Baden, 22. Mai, in: Karlsruher Zeitung, 23.5.1855; Karlsruhe, 29. Mai, in: Badischer Beobachter, 30.5.1865.
210Reynaud, Portraits contemporains, S. 219.
211Brief von É. Bénazet an Friedrich I. (Juli 1862), GLAK 60/1831.
212Baden, 18. Dez., in: Karlsruher Zeitung, 19.12.1867; Baden, 16. Dec., in: Badischer Beobachter, 20.12.1867.
213Vgl. z. B. Fischer, »Faites votre jeu«, S. 60.
214Vgl. Franz H. Staerk, Streifzug durch die B.-Badener Spielbankgeschichte, in: Spielbank Baden-Baden. Sonderbeilage der »Badischen Presse« zur Eröffnung der Spielbank, 1.10.1933.
215Les maires de Thiais, in: Ville de Thiais, https://www.ville-thiais.fr/elements-historiques/ (5.10.2023).
216Jacques-Émile Dupressoir, Thèse pour la licence, présentée à la faculté de droit de Strasbourg, et soutenu publiquement le mardi 26 aout 1845, à 4 heures, par Jacques-Émile Dupressoir de Paris (Seine), bachelier ès lettres et en droit, Strasbourg 1845.
217Vgl. z. B. Émile Blavet, La vie parisienne. La ville et le théâtre, 1884, Paris 1884, S. 314.
218Good Season [pseud.], Vorstudien zur Baden-Badener Saison, in: Signale für die musikalische Welt, 1.5.1868.
219Blavet, La vie parisienne (1884), S. 314f.
220Baden, in: Karlsruher Zeitung, 26.3.1869.
221Émile Villiers, Courrier de Bade, in: Le Charivari, 5.10.1869.
222Baden, 8. Mai, in: Badischer Beobachter, 11.5.1872.
223Letzte Roulettekugel von 1872, Stadtmuseum/Stadtarchiv Baden-Baden, Inv. Nr. 9773. Vgl. auch Kicherer, »Das mächtige Vielleicht«, S. 238 (Foto).
224Vgl. Émile Blavet, La vie parisienne. La ville et le théâtre, 1884 [à 1889], Paris 1885–1890, S. 314–319.
225Ibid., S. 319.
226Manusc. und Schriftwechsel Bénazet – Spielbank (1971), StA BAD 23–40/156.
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