Zusammenfassung
p. 153-154
Texte intégral
11 Rahmen der Untersuchung
2Das Wrack des Hafens Berteau II, das in der Charente in 7 m Tiefe lag, ist 1973 entdeckt worden. Es ist 50 m stromabwärts des mittelalterlichen und modernen Hafens von Port Berteau ausgemacht worden, der am rechten Ufer der Charente stromabwärts von Saintes liegt (Charente-Maritime). Seine Ausgrabung (1992-1997) stellte die letzte Etappe eines 1971 begonnenen Forschungsprogramms dar, das die mittelalterliche Binnenschifffahrt zum Thema hatte. Gegenstand der wichtigsten Forschungsetappen waren zwar hauptsächlich die Schiffe, jedoch ebenfalls die Gestaltung des Niedrigwasserflussbettes und die Ufer der Charente sowie die Ausgrabung der Hafenanlage (1971-1973), die 40 km lange Inventar-Prospektion eines Flusssektors, zwischen Port-d’Envaux, stromabwärts von Saintes und Dompierre-sur-Charente stromaufwärts (1984-1986), die Ausgrabung des Wracks aus dem 11. Jh. und der Flussgrabungsstätte von Orlac (1987- 1988) und schlieβlich die des Wracks und der Flussgrabungsstätte von Port Berteau II. In einem den Gezeiten ausgesetzten Abschnitt der Charente liegend, gehörten das Wrack und die Flussgrabungsstätte Port Berteau II in einen fluvio-maritimen Kontext, der sich von dem ausschlieBlich fluvialen Kontext der Grabung des Wracks und der Stätte von Orlac wesentlich unterschied und komplementär zu ihm war.
3Auf der Basis der Kriterien, die bei der Studie dieser Stâtte definiert worden waren, ist die Unterwassergrabung des Wracks von Port Berteau II als die einer „offenen Struktur "in direktem Zusammenhang mit seiner fluvialen Umgebung geplant worden. Die baulichen Reste des Rumpfes mussten also einerseits mit den traditionellen Methoden der Marinearchäologie angegangen werden, um die verschiedenen technischen Eigenschaften des Schiffes zu untersuchen, doch auch die neuen Techniken der Unterwasserarchäologie mussten angewandt werden, um die Hauptmerkmale der mittelalterlichen Flusslandschaft zu rekonstruieren. Die Grabungsstrategie ist dieser doppelten Problematik entsprechend definiert worden, indem seit der ersten Grabungskampagne die Erforschung der Rumpfüberreste synchron mit der der archäologischen Stätte durchgeführt wurde, die sich auf Beobachtungen topographischer, geoarchäologischer, sedimentologischer und palynologischer Natur stützen.
42 Die Flussgrabungsstätte
5Heutzutage ist die Charente ein mit verschiedenen Strukturen ausgestatteter Fluss, von denen die wichtigste der Staudamm von Saint-Savinien ist, der sich 17 km stromabwärts von der archäologischen Stätte befindet. Das Wrack liegt heute in 7 m Tiefe. Die Breite des Niedrigwasserflussbettes beträgt ungefâhr 45 m. Die dezentrierte Niedrigwasserrinne liegt ungefähr zehn Meter vont linken, niedrigen und steilen Ufer. Das rechte Ufer ist steilhängig mit einem sedimentären, leicht abfallenden Strand. Das Längsprofil des Niedrigwasserbettes ist auf einer Länge von 150 m untersucht worden und weist ein flaches Relief, ohne gröβere topographische Unebenheiten auf. Es ist wahrscheinlich, dass der Wasserstand vor dem Bau des modernen Staudammes von Saint-Savinien zwischen 1,50 m und 2 m betrug; das Uferprofil hat sich dementsprechend verändert. Das linke, erst kürzlich von Menschenhand verânderte Ufer, bietet nun das Bild einer sedimentâren Uferbôschung, das rechte hingegen hat sich weniger verändert und bewahrt eine leicht abfallende Böschung. Die Hypothèse eines, bis in die heutige Flussmitte praktisch wasserfreien rechten Ufers ist nicht auszuschlieβen. Das alte Niedrigwasserbett liegt in diesem verânderten Flussbett auf der linken Uferseite, dort wo das Wrack geortet worden ist.
6In Anbetracht der Nähe des Hafens von Port Berteau, ist eine Studie des Keramikdepots vorgenommen worden, das das Wrack bedeckt. Der Grossteil der Fundobjekte aus der Deckschicht aus Muschelsand, setzt sich aus regionaler Keramik zusammen, die der entspricht, die im Laufe der Grabung auch im Hafen gefunden wurde. Zwei Hauptgruppen lôsen sich –durch ihre Anzahl und ihr Gewicht– aus der Masse heraus: eine Gruppe aus GefâBen des 13.bis 14. Jh. und eine andere aus Gefäβen des 18Jh. Der grôβte Teil der mittelalterlichen Keramik scheint am Fundort Port Berteau II infolge von Überschwemmungen abgelagert worden sein. Was die Keramik aus moderner Zeit anbetrifft, ist sehr wahrscheinlich, dass es sich überwiegend um zufàllige Verluste und schadhafte Stücke handelt, die man absichtlich ins Wasser geworfen hatte.
7Eine andere bedeutende Dimension der Erkenntnisse aus der Grabungsstâtte im Fluss betrifft den Auffüll- und Überdeckungsprozess des Wracks. Die sowohl inner- wie auβerhalb des Wracks durchgeführten stratigraphischen Schnitte, und die Sedimentstudien aus einer Sérié von Karotagen (Centre national de Préhistoire, Périgueux) haben insbesondere ein tiefergelegenes Niveau aufgezeigt, das älter ist als das Niveau, in dem das Wrack eingebettet liegt. In dieser hat man Treibholz gefunden, das anhand einer Radiokarbonmessung in die Zeit um 534 n. Chr. datiert wurde. Es ist ebenfalls ein intermediares Überschwemmungsniveau aufgezeigt worden, dem vielleicht der Verlust des Schiffes zugeschrieben werden kann sowie ein höheres Niveau, das sich durch eine Aushöhlung der Auffüllung des geborstenen Wrackrumpfes auszeichnet. Wahrscheinlich anthropogenen Ursprungs, könnte diese Aushöhlung einem Versuch entsprechen, einen Teil der Ausrüstung oder des Schiffsrahmens herauszuholen.
8Die Forschungsergebnisse der Grabung im Fluss scheinen zu ergeben, dass das Schiff wahrscheinlich zur Überwinterung oder zur Reparatur am rechten Ufer der Charente, in Hafennâhe vor Anker lag und im 7. Jh. von einer Überschwemmung mitgerissen worden ist. In diesem Fall stellt sich die Frage der Existenz einer Reparatur- oder Überwinterungsstâtte, die âlter wäre als der Hafen in seiner Rolle als Ladepunkt fur die Keramikprodukte aus den Manufakturen der Gegend von Saintes.
93 das wrack
10Das umgekehrt auf dem Grund der Charente liegende Wrack ist 14,60 m lang und 4,80 m breit. Im hinteren Teil ist der Rumpf auf einer Höhe von ungefâhr 1,70 m erhalten. Die dendrochronologischen Analysen der Probeentnahmen im Holzgerüst (laboratoire de Chrono-Écologie, Besançon) haben ergeben, dass die Eichen um 599 n. Chr. im Winter gefällt worden sein müssen, was den Bau im Laufe des Jahres 600 nahe legt.
11Der Rumpf mit zugespitzten Enden, die in einem Vorsteven und einem Hintersteven auslaufen, setzt sich aus einem dichten Spantengerüst, einer Serie von Querbalken mit in den Flanken eingelassenen vorspringenden Enden, eine Beplankung an Freibord deren Fugen mit einer geteerten pflanzlichen Materie kalfatert waren, einer Vorder- und Hinterbrücke, einem Träger von einem oder zwei seitlichen Rudern, vergleichbar mit einem Querbalken, dessen Arme sich über die Flanken hinaus über eine Länge von 1,60 einerseits und 1,65 andererseits verlângern. Die Planken an Freibord, ohne jede Verbindung untereinander, sind mit den Spanten mit Holzdübeln, am Vorsteven und Hintersteven mit Nägeln verbunden. Diese baulichen Eigenschaften unterscheiden sich wesentlich von denen der ausschlieBlich für die Binnenschifffahrt gebauten Booten – aus einem Stück oder mehreren zusammensetzten Einzelteilen- die im Mittelalter in der Charente bezeugt sind; sie scheinen im Gegenteil von speziell maritimen Konstruktionstechniken zu zeugen.
124 Das Schiff
13Die bauliche Rekonstruktion des Kiels hat dazu geführt, einen teilweise überbrückten auf Kiel gebauten Schiffskörper zu definieren, von 14,29 m Länge am Schandeck und 4,80 m Hauptspant. Die Wasserverdrângung ohne Fracht (mit ausgerüstetem Rumpf) liegt bei 6,8 t bei einem Tiefgang von 0,36 m und einem Freibord von 0,90 m. Sein Ladegewicht ist auf ungefähr 10 Tonnen geschätzt worden. Aus baulicher Sicht scheint das Schiff einem Freibordkonstruktionssystem. Primärspant" zuzuordnen zu sein, in dem das Quergerüst sowohl in konzeptioneller wie in konstruktiver Hinsicht eine zentrale Position einnimmt.
14Dank seiner Datierung stellt es das älteste Beispiel dieses baulichen Systems in der Région dar. Die Entwicklung des Karviel Werks im an der Atlantikküste war bisher, ausschlieBlich auf schriftlichen Quellen basierend, in der zweiten Hälfte des 15. Jh. bekannt; das Wrack von Port Berteau II führt zu einer neuen Interpretation dieses äuβerst wichtigen Phänomens der Geschichte des mittelalterlichen Schiffbaus.
15Funktionsmäβig kann das Schiff aus Port Berteau II, mit seinem ungefähr 50 m2 groβen quadratischen Segel der Familie der Küstenschiffe zugeordnet werden, die der Navigation in Küstennähe und der Binnenschifffahrt angepasst sind. Es ist übrigens möglich, dass dieser begrenzte maritime Navigationsbereich sich mit dem überlagert, in dem die Werft angesiedelt war und aus dem ebenfalls die Pflanzen stammten, mit denen der Rumpf kalfatert war. Die Umwelt ist mittels einer Pollenanalyse rekonstruiert worden und es wird vermutet, dass man sich am Rande einer Flussmündung oder längs der Küste mit den nötigen Pflanzen versorgte.
16Der régionale Kontext zeichnete sich bis in die Mitte des 12. Jh. als der Hafen La Rochelle ausgebaut wurde, durch das Fehlen einer Öffnung auf das Meer aus. Seine baulichen und funktionellen Eigenschaften scheinen das Küstenschiff Port Berteau II zum, dem See- und Flussverkehr am besten abgepasste Transportmittel zu machen, das sich für Tauschgeschäfte im kleinen Umkreis einer „nautischen Région "eignete, die im Westen von den Inseln Ré und Oléron begrenzt war und im Osten von den drei Wasserwegen, die die Küste mit dem Hinterland verbanden: die Sèvre-Niortaise, die Charente und die Seudre.
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